Abi in Coronavirus-Zeiten: Mysteriöse Szenen vor einem Dortmunder Schulzentrum

rnAbitur 2020

Es sind Szenen wie in einem Krimi. Sie verlaufen offenbar nach Plan. Aber ohne Kommunikation. Es ist ein Kommen und Gehen – im Fünf-Minuten-Takt. Freitagmorgen im Umfeld eines Schulzentrums.

Nette

, 27.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein verlassener Parkplatz, darauf ein Auto. Von hinten nähert sich ein junger Mann: verspiegelte Sonnenbrille, Basecap, dunkle Jacke, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Er schiebt ein Stück Papier durch die nur einen Spalt geöffnete hintere Seitenscheibe des dunklen Wagens. Sekunden später nimmt er einen weißen Umschlag vom Fahrer des Wagens entgegen.

Eine Szene wie in einem Krimi.

Freitagmorgen (27.3.) in Nette. Die Szene wiederholt sich im Fünf-Minuten-Takt. Immer wieder nähern sich Menschen dem Fahrzeug mit Dortmunder Kennzeichen. Und es ist nicht der einzige Parkplatz, auf dem sich diese Szenen abspielen.

Nach Informationen dieser Redaktion gibt es insgesamt fünf Parkplätze. Zwei von ihnen haben den Ruf, dass hier nachts auch mal illegale Geschäfte getätigt werden. Aber welcher Deal läuft hier am hellichten Tag? Ganz ungeniert und quasi wörtlich im Licht der Öffentlichkeit?

Alle nähern sich aus einer Richtung

Auffällig: Die jungen Leute nähern sich alle aus einer Richtung dem offenbar vereinbarten Treffpunkt – zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto. Außer der immer gleichen, nur sekundenlangen Aktion an den Autofenstern gibt es keine Begegnungen. Keine Kommunikation. Ein Kommen und Gehen. Es wirkt exakt ausgeklügelt.

Die gleiche "Operation" fand auch auf anderen Parkplätzen am Schulzentrum Nette statt.

Die gleiche "Operation" fand auch auf anderen Parkplätzen statt. © Uwe von Schirp

Und das ist es auch. Ungewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Heißen könnte der mysteriöse Krimi im Umfeld des Netter Schulzentrums „Operation Vorklausur“.

Exakt zwei Wochen zuvor mussten landesweit die Schulen schließen. Für die 66 Abiturienten des Heinrich-Heine-Gymnasiums war es der letzte Unterrichtstag. Ende, Aus – von jetzt auf gleich. Unvorbereitet. Morgens hatten sie gerade ihre letzte Vorklausur in Mathematik geschrieben.

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Mittags dann hieß es: Auf Wiedersehen bei den Prüfungen, zur Zeugnisübergabe und zum Abiball! Sang- und klanglos – ohne ausgelassene Stimmung, ohne Mottowoche, ohne Ergebnis der Vorprüfungen.

Eine kreative wie machbare Lösung muss her

Alle seit Monaten feststehenden Abläufe im Vorfeld des Abiturs sind seit dem 13. März weitgehend Makulatur. Es gelten nun andere Vorschriften: Jegliches Betreten der Schulgebäude ist den Schülern untersagt. Seit Montag (23.3.) gilt zudem die Kontaktsperre.

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Aber die Abiturienten haben auch Rechte: etwa Einspruch gegen die Benotung der Vorklausuren einzulegen. In der kommenden Woche entscheidet der Zentrale Abiturausschuss über die Zulassung zur Reifeprüfung. Doch damit die Schüler Einspruch einlegen können, müssen sie erst einmal die korrigierte Klausur und die Klausurnote kennen.

Außerdem müssen sie eine Erklärung unterschreiben, dass sie über den Ablauf der Abiturprüfungen mit allen zeitlichen und rechtlichen Vorgaben informiert wurden.

Beide Fliegen sollen bei der kuriosen Aktion mit einer Klappe erschlagen werden. Andere Schulen, so hört man, lösen die Herausforderung auf postalischem Weg. In der Schule hat man sich viele Gedanken gemacht. „So, wir haben einen Plan“, heißt es in einer E-Mail, die alle Abiturienten am Dienstag erhalten haben. Darin: ein verbindlicher Ablauf.

Frische Luft ist ausdrücklich erlaubt

Die Dokumente werden auf den fünf Parkplätzen rund um das Schulzentrum getauscht – von den Lehrern der Leistungskurse. Klar geregelt ist, wie sich die Schüler ihren Autos nähern sollen – mit Straßennamen und Himmelsrichtung. Versammlungen sind untersagt. Die soll es auch nicht im Bus geben. „Ihr kommt mit dem Rad oder zu Fuß und seid an der frischen Luft (ausdrücklich erlaubt)“, hieß es in den Anweisungen.

Kein Kontakt, keine Kommunikation. Zwischen den Übergaben vergehen fünf Minuten des Wartens.

Kein Kontakt, keine Kommunikation. Zwischen den Übergaben vergehen fünf Minuten des Wartens. © Uwe von Schirp

Freitag, 10 Uhr: Die Operation beginnt. Gleichzeitig kommt die Info, dass die Abiprüfungen verschoben sind. Beginn Mitte Mai statt am 20. April. „Da wäre der Zeitdruck doch nicht so groß gewesen“, heißt es.

Egal: Alles läuft glatt in den kommenden 70 Minuten. Das Abi kann kommen – wenn das Coronavirus es zulässt.

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