Video: So sah die autofreie Dortmunder Innenstadt aus

rn40 Jahre Smog-Alarm

Smog – das ist extrem dicke Luft. Vor genau 40 Jahren gab es den ersten Smog-Alarm im Ruhrgebiet. So richtig ernst wurde es für die Dortmunder allerdings erst am 18. Januar 1985.

Dortmund

, 17.01.2019, 04:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Tagelang ist es im Ruhrgebiet windstill gewesen und frostig, in diesen Januartagen vor 40 Jahren. Über dem Revier hat sich eine Dunstglocke gebildet. Qualm aus den Industrieschloten, aus den Auspuffen der Autos und den Kohle-Heizungen und Kaminen hat sich wie eine Glocke über die Region gelegt. Man kann es riechen, man kann es schmecken, empfindliche Menschen haben Atemprobleme.

Am Morgen des 17. Januar 1979 zieht das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium die Notbremse und ruft Smog-Alarm der Stufe 1 aus. Es ist das erste Mal in Deutschland. Die entsprechende Smog-Verordnung des Landes war am 29. Oktober 1974 in Kraft getreten – und dabei hatte ein Film eine wichtige Rolle. Nach einem Drehbuch von Wolfgang Menge und unter der Regie von Wolfgang Petersen hatte die ARD im April 1973 unter dem Titel „Smog“ eine fiktive Dokumentation über eine angebliche Smog-Katastrophe im Ruhrgebiet ausgestrahlt. Das hatte zu einer breiten gesellschaftlichen Diskussion geführt.

Eine besondere Wetterlage

Smog ist ein englisches Kunstwort, gebildet aus den Wörtern smoke (Rauch) und fog (Nebel). Smog entsteht in sogenannten Inversionswetterlagen. Das bedeutet, vereinfacht gesagt: In Bodennähe gibt es – anders als sonst üblich – eine kältere Luftschicht, darüber eine wärmere. Die kälteren Luftmassen können, sofern es wenig Wind gibt, nicht nach oben abziehen, sie werden wie in einer Blase in Bodennähe gehalten. Daher verdichten sich hier die Schadstoffe aus Industrie, Heizungen und Autoabgasen, solange diese Wetterlage anhält. Hier wächst die Gefahr für Smog.

Im Januar 1979 gibt es im Ruhrgebiet erstmals Smog-Alarm, werden die Menschen über das Radio aufgefordert, ihre Autos stehen zu lassen. Herz- und Kreislaufkranke sollen zu Hause bleiben. Betroffen ist vor allem das westliche Ruhrgebiet, Dortmund bleibt zwar nicht von dicker Luft, aber vom Smog-Alarm verschont.

Fahrverbot für die Innenstadt

Das ändert sich sechs Jahre später, am 18. Januar 1985. Passend zur Inversionswetterlage sind die Grenzwerte verschärft worden. Im gesamten Ruhrgebiet wird Smog-Alarm ausgelöst. Für Freitag und Samstag ist schon vorsorglich schulfrei ausgerufen worden, die Stadtwerke lassen die Straßenbahnen nach einem „Smog-Fahrplan“ mit dichterem Takt fahren.

Der Dortmunder Rolf Rothholz filmte im Januar 1985 die Auswirkungen des Smog-Alarms auf Dortmund. Hier erinnert er sich:

Video
Smogalarm im Dortmund der 1980er-Jahre

Und das ist auch bitternötig: Für die Dortmunder Innenstadt gilt an diesem Freitag ab 15 Uhr ein Fahrverbot. An 49 Stellen werden die vorbereiteten Smog-Alarm-Schilder ausgeklappt, Sperrbaken aufgestellt und die Autofahrer gestoppt. Das hat weitreichende Folgen. „Noch bevor um 15 Uhr das offizielle Fahrverbot in Kraft trat, glich die City einer Geisterstadt“, berichten die Ruhr Nachrichten. „Leere Parkplätze, leere Kaufhäuser und Geschäfte“. Viele Firmen und Behörden haben ihre Mitarbeiter frühzeitig in den Feierabend und ins Wochenende geschickt.

Lob für „vernünftige“ Dortmunder

Tatsächlich können die Warnschilder erst am Sonntag (20. Januar 1985) wieder eingeklappt werden. Am Montag beginnt nach Aufhebung des Smog-Alarms wieder der Alltag – wenn auch für viele mit einem mulmigen Gefühl. Immerhin hat im Ernstfall alles gut funktioniert. Dortmunds Bürger hätten auf den Smog-Alarm „über das zu erwartende Maß hinaus vernünftig reagiert“, lobt der damalige Stadtdirektor Winfried Hinz.

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Es ist das letzte Mal, dass in Nordrhein-Westfalen Smog-Alarm ausgelöst wurde. Den letzten Smog-Alarm in Deutschland gab es im Januar 1991 in Berlin. Weltweit spielt Smog aber nach wie vor eine große Rolle vor allem in China, Indien und Polen. In den 90er-Jahren schafften alle Bundesländer ihre Smog-Verordnungen ab – weil sie durch den Rückgang der Schwerindustrie, dem Verschwinden von Kohleheizungen, dem Einbau von Filteranlagen und Katalysatoren überflüssig geworden sind. In Nordrhein-Westfalen wurde die Smogverordnung am 5. Dezember 2000 aufgehoben.

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