Als die Nazis ein Dortmunder Krankenhaus in der Nordstadt unter ihre Kontrolle brachten

rnEhemaliges Brüderkrankenhaus

Im Brüderkrankenhaus erhielten Kranke in der Nordstadt Hilfe. Dann regierte der Nazi-Terror. Nach dem Krieg wurde die Klinik zur Schule. Bald verschwindet das Gebäude. Die Geschichte bleibt.

Dortmund

, 14.04.2019, 04:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das nahende Ende des alten Kastens macht manche Dortmunder traurig. Jeoffrey Kallweit blickt die Burgholzstraße hinunter. „Es passt richtig gut in den Straßenzug. Es ist ein altehrwürdiges Gebäude. Aber man hat es vergammeln lassen“, sagt er.

Jeoffrey Kallweit wohnt in der Nähe. Er verbindet viele intensive Erinnerungen mit diesem Ort, auch wenn er hier nie zur Schule ging. Seine Band hatte hier zwischen 1996 und 2014 im Schulkeller ihren Übungsraum. Er hat hier viel lebendige Zeit verbracht. „Ich frage mich, ob man es nicht irgendwie erhalten kann“, sagt der Dortmunder. Wohlwissend, dass das eine rhetorische Frage ist.

Bald kratzen die Bagger am Beton. Auf fast 35.000 Quadratmetern sollen laut Ratsbeschluss eine neue vier- bis fünfzügige Grundschule, Sporthallen, und eine „Interimsschule“ Platz finden. Jahrzehntealte Bergschäden, alte Bausubstanz: Die Patientenakte des alten Krankenhauses ist dick. Zu dick, als dass es erhalten werden könnte. Laut der Unteren Denkmalbehörde ist das Gebäude nicht von denkmalpflegerischem Wert, wie Stadtsprecher Christian Schön mitteilt.

Es beginnt mit medizinischer Pionierarbeit

Die Geschichte beginnt am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. Dortmund wird in dieser Zeit der Hochindustrialisierung von „stürmischem Wachstum erfasst“, wie es in der Stadtchronik formuliert ist Vier Mitglieder des katholischen Ordens der Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf, der seinen Ursprung in Trier hat, finden 1894 ihren Weg ins Ruhrgebiet. Viele katholische Krankenpflegeeinrichtungen in Dortmund haben ihren Ursprung in dieser Zeit.

Die Brüder engagieren sich in der ambulanten Krankenpflege in der Nordstadt, dem rasch wachsenden Arbeiterstadtteil. Die Skepsis unter Protestanten, liberalen Bürgern oder sozialistischen Industriearbeitern und Bergleuten ist groß. Doch der Bedarf nach der Versorgung von Kranken ist größer. 1905 eröffnet das „Krankenhaus der Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf“ und wächst in den Folgejahren weiter.

„Es war das größte und modernste Männerkrankenhaus in der damaligen Zeit“, sagt Mario Simmer, Archivar des Ordens in Trier. Die chirurgische Abteilung ist durch die hohe Zahl an Arbeitsunfällen in den nahen Industrieanlagen stark gefragt und für damalige Verhältnisse modern. Das Brüderkrankenhaus ist die Keimzelle der heutigen Unfallklinik Nord am Fredenbaum.

Nach dem Ersten Weltkrieg bekommen Arbeitslose hier kostenloses Essen

An der Burgholzstraße leisten Mediziner unter der Leitung von Dr. Carl Schramm Pionierarbeit auf dem Gebiet der Urologie. Sie gründen hier 1907 die erste eigenständige Abteilung in ganz Deutschland. 1912 versorgen die 65 Brüder insgesamt 6653 Patienten. Während des Ersten Weltkriegs hat das Krankenhaus bis zu 850 Betten. Rund 80.000 Soldaten werden hier behandelt.

In den Wirtschaftskrisen der 1920er- und 30er-Jahre versorgen die Barmherzigen Brüder Arbeitslose mit kostenlosem Essen. Das Brüderkrankenhaus erfüllt eine wichtige Funktion in der Stadt und genießt hohe Wertschätzung in der Gesellschaft. „Ganz gleich, ob katholisch, evangelisch oder konfessionslos: Jeder wird mit der gleichen Liebe und Hingabe gepflegt“, schreibt eine Dortmunder Tageszeitung 1930.

Mit der Machtübernahme der NSDAP nimmt das Ende des Krankenhauses seinen Lauf

Doch es naht das dramatische Ende dieser „Liebe und Hingabe“, als die faschistische NSDAP 1933 auch in Dortmund die Macht übernimmt.

„Es begann mit Schmutzkampagnen gegen den Brüderorden, die sich als haltlos erwiesen“, sagt Archivar Mario Simmer. Das NS-Propagandaministerium startet 1937 eine breit angelegte Verleumdungskampagne gegen katholische Ordensbrüder wegen angeblicher Homosexualität. Zuvor hatte Papst Pius XI. gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen.

Als die Nazis ein Dortmunder Krankenhaus in der Nordstadt unter ihre Kontrolle brachten

© Dieter Menne

Für die NSDAP-Vertreter in Dortmund ist das ein willkommener Vorwand dafür, länger vorbereitete Pläne in die Tat umzusetzen. In einer konzertierten Aktion von NSDAP-Kreisleiter Friedrich Hesseldieck, Oberbürgermeister Willi Banike, der Bezirksregierung und der Polizei am Morgen des 17. Juli 1937 geht das Krankenhaus in städtisches Eigentum über.

Der Brüderorden spricht in seiner Chronik von einem „überfallartigen Schlag“ und schildert dramatische Szenen. Krankenhaus-Leiter Bruder Basilius, rund 60 weitere Ordensmitglieder und 180 Pflegekräfte müssen bis 16 Uhr unter Gewaltandrohung das Gebäude verlassen. Sie werden mit Bussen nach Trier gebracht. Nur Verwaltungsangestellte müssen noch drei Tage bleiben, um den Nazis die Geschäfte zu übergeben.

„Braune Schwestern“ übernehmen die Pflege der Kranken

40 sogenannte braune Schwestern, Mitglieder der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV), übernehmen die Pflege. Die NSV propagiert in dieser Zeit Führerkult und Rassenlehre in Kranken- und Altenpflege sowie Jugendarbeit. Die Organisation hat bis zu elf Millionen Mitglieder. Sie organisiert etwa die Kinderlandverschickung und kümmert sich um „arische Mütter“ und das NS-Familienideal.

Als der Zweite Weltkrieg Dortmund erreicht, werden an der Burgholzstraße Tausende Opfer behandelt. 1943 zerstören Bomben große Teile des Gebäudes und der Kapelle und beenden nach und nach den Krankenhausbetrieb.

Krankenhausbetrieb wird nach 1945 nicht mehr aufgenommen

Dieser wird nach 1945 gar nicht erst wieder aufgenommen. Stattdessen wird hier eine andere Not gelindert: die nach Räumen für Schulen, damit die Nachkriegskinder weiter lernen können. Viele Schulen wie das Stadtgymnasium oder das Schiller-Gymnasium sind durch den Krieg heimatlos.

Die Barmherzigen Brüder erhalten das Grundstück als Wiedergutmachung zurück, verkaufen es 1952 aber endgültig an die Stadt Dortmund. Neben der Klassenzimmern gibt es zunächst auch noch Wohnungen für Ausgebombte und Kriegsflüchtlinge. 1959 zieht das Helene-Lange-Gymnasium als erste Schule fest ein. Zahlreiche weitere folgen.

Der Startpunkt für hohe Investitionen in die Schulen in der Nordstadt

Bis 2018 nutzt die Anne-Frank-Gesamtschule das Gebäude - seitdem steht es leer. Das Gelände an der Burgholzstraße 150 ist der Teil eines großen Programms für den Ausbau von Schulen in der Nordstadt. Die Stadt Dortmund will in den nächsten 15 bis 20 Jahren rund 184 Millionen Euro für Schulen investieren.

Es ist dringend notwendig, denn allen Schulen fehlt es an Raum. So leisten die alten Mauern an der Burgholzstraße mit ihrem Abriss zum letzten Mal einen Beitrag zur Linderung der Not.

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