Vor zehn Jahren ging ein verheerendes Unwetter über Teile von Dortmund nieder. Straßen und Häuser wurden überflutet. Das war Auslöser für eine neue Dimension des Hochwasserschutzes.

Dortmund

, 26.07.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Manch ein Dortmunder hofft Ende Juli 2008 nach einer längeren Hitzeperiode auf Abkühlung. Doch das Gewitter, das am Nachmittag des 26. Juli über dem Dortmunder Westen aufzieht, hat katastrophale Folgen.

Gegen 13.30 Uhr setzt der Regen ein. Starkregen. So stark, dass schon wenig später erste Notrufe bei der Feuerwehr eingehen. Viele Keller laufen voll. Doch die stärkste Phase des Gewitters steht noch bevor. In Marten und Dorstfeld stehen in kurzer Zeit ganze Straßenzüge unter Wasser. Autos und Häuser saufen ab. „Es war mit 203 Litern pro Quadratmeter Regen in zwei Stunden eines der stärksten Regenereignisse, die je in Deutschland verzeichnet wurden“, berichtet Christian Falk als Leiter der Stadtentwässerung. 203 Liter pro Quadratmeter – das ist damals mehr als das doppelte des Juli-Durchschnitts an Niederschlag.

Als Dorstfeld und Marten vor zehn Jahren im Starkregen untergingen

Auch die Keller und Geschäftsräume der Häuser am Bärenbruch standen unter Wasser. Das Elektronikfachgeschäft von Peter Schiefelbein hatte so große Schäden, dass es später umziehen musste. © Stephan Schütze

Für die Feuerwehr beginnt ein Großeinsatz. Allein in den ersten Stunden verzeichnet sie 850 Einsätze. Besonders dramatisch ist die Lage in der Siedlung „Am Mühlenberg“ in Dorstfeld, wo die Emscher über die Ufer tritt, und in Marten. Hier läuft am Oespeler Bach ein Regenrückhaltebecken über, zwei von drei Pumpen des Pumpwerks fallen aus. Die Anwohner im Bereich Bärenbruch sind den Fluten schutzlos ausgeliefert.

Jetzt lesen

Glück im Unglück: Es wird damals niemand verletzt. Aber der materielle Schaden ist enorm. Auf 17,2 Millionen Euro wird er am Ende beziffert, wobei ein Großteil auf das Gelände der Universität entfällt. Über Monate sind die Betroffenen mit der Beseitigung der Schäden und der Regulierung des finanziellen Schadens beschäftigt. Ein Hilfsfonds wird eingerichtet. Land, Stadt und Emschergenossenschaft stellen Gelder zur Verfügung. Rund 700.000 Euro kommen so zusammen.

„Seitdem wird Wasser anders gedacht“

Doch die Schadensbeseitigung ist nur die eine Seite. Investiert wird vor allem in die Vorsorge. Und dazu ist das Hochwasser im Juli 2008 ein Schlüsselereignis, betont Falk. „Seitdem wird Wasser anders gedacht“, weiß er. Das heißt: „Das Hochwasser war ein Anlass die Siedlungsentwicklung zu verändern – nicht nur in Dortmund, sondern in ganz Deutschland. Es hat ein Umdenken ausgelöst.“

Als Dorstfeld und Marten vor zehn Jahren im Starkregen untergingen

Tagelang waren Anwohner, wie hier in der Siedlung „Am Mühlenberg“, nach der Flut mit Aufräumarbeiten beschäftigt. © Dieter Menne

Natürlich hat man sich auch schon in den 90er Jahren mit Themen wie Regenwasserversickerung beschäftigt Doch nun heißt die Devise deutlich stärker, den natürlichen Wasserkreislauf zu stärken. Statt das Regenwasser in schnell überlastete Kanäle zu leiten, soll es an der Oberfläche abgeleitet oder gesammelt werden – dort, wo es möglichst wenig Schaden anrichtet.

Regenwasser wird von der Kanalisation abgekoppelt

Abkopplung lautet dafür das Schlüsselwort. „In Dortmund ist seit 2008 eine Fläche in der Größe von 198 Fußballfeldern abgekoppelt worden“, bilanziert Christian Falk. Das Ziel ist, in 15 Jahren 15 Prozent der Fläche abzukoppeln. Ein Beispiel dafür ist die Regenwassersammlung auf dem Phoenix-West-Gelände in den Fundamenten alter Kühltürme. Und auf dem Campus-Gelände wurden Teile der Dach- und Wegeflächen von der Kanalisation abgekoppelt. Stattdessen wird das Regenwasser in einem Teich auf dem Campus-Nord gesammelt.

Eines der größten Projekte in Sachen Hochwasserschutz war ebenfalls schon länger geplant: der Umbau des Emschersystems. „Doch wir haben nach dem Ereignis 2008 unsere Planung nachgeschärft“, sagt Bernd Möhring, Betriebsmanager bei der Emschergenossenschaft. Er war am 26. Juli in Marten selbst mit im Einsatz.

Ein Gutachten bescheinigte 2009, dass weder die Stadt noch die Emschergenossenschaft eine direkte Schuld an der Überflutung traf, technisch waren die Voraussetzungen vor dem Hintergrund der damaligen Erfahrungen ausreichend. Aber man hat dazu gelernt, schon geplante Maßnahmen beschleunigt und neue entwickelt.

Als Dorstfeld und Marten vor zehn Jahren im Starkregen untergingen

Komplett umgestaltet ist die Emscher im Bereich am Mühlenberg. Die neue Brücke ist deutlich höher und bietet so im Hochwasserfall mehr Durchfluss. © Stephan Schütze

Im Bereich Dorstfeld wurden der Deich und die Brücken an der Emscher erhöht. Das war ohnehin schon geplant. Die Umsetzung wurde nach dem Hochwasser allerdings forciert, erklärt Franz-Josef Rüller, Projektleiter bei der Emschergenossenschaft. Schon im Frühjahr 2009 wurde mit dem Bau einer neuen Brücke über die Emscher am Mühlenberg begonnen, die 1,30 Meter höher liegt und damit mehr „Durchfluss“ bietet.

Riesige neue Rückhaltebecken

Im Bereich Marten wurden die Rückhaltebecken am Oespeler Bach von 52.000 auf 58.000 und am Schmechtingsbach von 125.000 auf 150.000 Kubikmeter erweitert. In Ellinghausen und Mengede hat die Emschergenossenschaft riesige Rückhaltebecken angelegt, die für mehr Hochwasserschutz für die nördlichen Nachbarn von Dortmund sorgen.

Als Dorstfeld und Marten vor zehn Jahren im Starkregen untergingen

Der Phoenix-See ist Teil des Regenrückhaltesystems entlang der Emscher. © Oscar Neubauer

In Dortmund ist aber auch der 2010 geflutete Phoenix-See Teil des Hochwasserschutzes. Denn er kann im Hochwasserfall als Überlauf für die renaturierte Emscher genutzt werden, die im Norden am See vorbeifließt. Mit Platz für bis zu 240.000 Kubikmeter Wasser – das entspricht gut 80 gefüllten 50-Meter-Schwimmbecken. Die Rückhaltebecken in Aplerbeck und Schüren wurden erweitert. Und auch die Bolmke kann im Notfall geflutet werden.

Die Stadt hat ebenfalls reagiert. Neben der Abkopplung von Flächen trieb auch sie die Renaturierung und Offenlegung von Gewässern voran – immerhin rund 300 Bach-Kilometer sind in städtischer Hand. „Die Gewässerlandschaft ändert sich komplett“, erklärt Christian Falk. Bestes Beispiel ist die Schondelle im Bereich Rombergpark. Rund 7 Millionen Euro wurden hier in den vergangenen Jahren für die Gestaltung eines neuen Bachbetts investiert. „Wir haben seit 2008 mehr als 100 Millionen Euro in die Verbesserung des Überflutungsschutzes investiert, von Kanalvergrößerungen bis zur naturnahen Umgestaltung der Gewässer“, bilanziert Falk.

Als Dorstfeld und Marten vor zehn Jahren im Starkregen untergingen

Die Schondelle ist eines der städtischen Gewässer, die naturnah umgestaltet wurden. © Dieter Menne

2014 startete die Stadt Dortmund gemeinsam mit anderen Städten im Emscherraum und der Emschergenossenschaft die „Zukunftsinitiative Wasser in der Stadt von morgen“. Darauf aufbauend ist ein „Maßnahmeplan 2020+“ in Arbeit. Die Rede ist von der „wassersensiblen Stadt“ und einem intelligenten Umgang mit dem Thema Wasser.

Stadtplaner denken den Umgang mit Wasser mit

Das betrifft dann nicht nur den Bau von Anlagen zum Hochwasserschutz, sondern die komplette Stadtplanung. Regenwasserversickerung und -sammlung sind Bestandteil neuer Bebauungspläne. „Der Umgang mit Wasser wird heute in der Stadtplanung von vorneherein mitgedacht“, sagt Planungsdezernent Ludger Wilde. Ein vergleichsweise neues Vorhaben ist, „Notwege“ für das Wasser zu schaffen, über die es auf Flächen wie etwa große Parkplätze gelenkt wird, um Wohngebiete zu verschonen. Zum Hochwasser- und Klimaschutz gehört aber auch die Verpflichtung zur Begrünung von Flachdächern. „Das braucht langen Atem“, sagt Christian Falk.

„Überflutungsgefahren-Karte“ vor der Vollendung

Ein wichtiger Aspekt des „Risiko-Managements“ ist die Information der Bürger. Ein gemeinsames Faltblatt von Tiefbauamt und Feuerwehr lieferte schon 2010 Informationen und Tipps für das richtige Verhalten bei Überflutungen. 2014 veröffentlichte die Stadt „Handlungsstrategien für den Umgang mit Starkregenereignissen“. „Bürger, Architekten und Geschäftsleute können sich bei uns intensiv beraten lassen“, erklärt Christian Falk.

Kurz vor der Veröffentlichung steht eine „Überflutungsgefahren-Karte“ für das Stadtgebiet, die zeigt, wo die Gefahr von Überflutungen besonders groß ist. „Für uns und die Stadtplaner ist das ein gutes Werkzeug“, sagt der Chef der Stadtentwässerung.

Bei allem gilt aber die Erkenntnis, dass es 100-prozentigen Hochwasserschutz nicht geben kann. „Würde der gleiche Starkregen wie 2008 noch einmal auftreten, würde es wieder zu Überflutungen kommen“, sagt auch Bernd Möhring von der Emschergenossenschaft. „Allerdings wohl nicht in der gleichen Größenordnung.“

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) spricht von Starkregen, wenn bis zu 25 Liter Wasser pro Quadratmeter und Stunde fallen – oder 35 Liter/Quadratmeter in 6 Stunden. Extremes Unwetter (Warnstufe 4) herrscht ab 40 Litern pro Quadratmetern und Stunde oder 60 Litern pro Quadratmeter in 6 Stunden. Zum Vergleich: Beim verheerenden Unwetter in Marten und Umgebung am 26. Juli 2008 wurden in zwei Stunden 203 Liter pro Quadratmeter registriert.
Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten „Undemokratischer Willkürakt“

AfD-Fraktion fühlt sich im Rathaus abgeschoben – und klagt gegen Oberbürgermeister Sierau