Als Frühchen knapp überlebt, jetzt als Praktikantin zurück

Kinderchirurgie

Sie knuddelt das Maskottchen des Klinikums. Das plüschige Nashorn liegt im Inkubator. So groß war Jessica, als sie es war, die im Brutkasten lag. Ein winziges Menschenbündel, mehr tot als lebendig. 15 Jahre ist das jetzt her. Nun kehrt sie als Praktikantin zurück.

DORTMUND

, 26.08.2017, 01:21 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jessica kommt zurück zu „meiner zweiten Familie“. Für sie ist es das Team auf der Station K22. „Mensch, jetzt hab‘ ich sogar Pipi in den Augen.“ Schwester Daniela Kehler ist zu Tränen gerührt. Sie war es damals, die das winzige Menschenbündel betreute. Es wuchs eine tiefe Freundschaft daraus, ein blindes Verstehen auch mit Jessicas Eltern, mit Mutter Vera Fischer, Sopranistin am Dortmunder Opernhaus, und Vater Winfried Hardes, Revierförster und Waldpädagoge. 

"Die große Variante"

Es war der 29. Juli 2002, als das Töchterchen geholt werden musste, sechs Wochen zu früh und per Kaiserschnitt. Das Ehepaar Fischer/Hardes wusste nach den Ultraschallaufnahmen, dass da etwas nicht in Ordnung war mit ihrem werdenden Kind. Zu erkennen war eine Fehlbildung, eine Anomalie der Bauchdecke. „Sie hatte sich die große Variante ausgesucht“, sagt Schwester Daniela und Jessica antwortet ihr prompt: „Wenn ich was mache, dann richtig.“ Die Nabelschnur hatte sich um die Organe gelegt.

Durch ein Loch in der Bauchdecke von der Größe eines alten Fünf-Mark-Stücks waren Darm, Magen und Leber vorgefallen. An einem Montag wurde Jessica auf die Welt geholt, am Freitag lag der Säugling zum ersten Mal unter dem Messer. Es war zum Darmverschluss gekommen, dabei mussten die Organe zurück in den Körper und das Loch in der Bauchdecke mit Ersatzhaut verschlossen werden. Vier lange Monate bangten Eltern, Ärzte und Schwestern um Jessicas Leben. Mehrmals musste die Kleine reanimiert werden, Mutter und Vater wechselten sich ab am Bettchen ihrer zarten Kämpferin. An Arbeit war nicht zu denken, denn zu Hause musste noch Brüderchen Timo, damals ein Jahr alt, umhegt werden.

Sieben Operationen 

„Ich kann die Eltern nicht verstehen, die ihre Kinder hier nur abgeben, als sei die Kinderchirurgie ein Reparaturbetrieb, und sich dann nicht kümmern“, sagt Vera Fischer. Erst als die Lebensgefahr für Jessica vorbei war, kehrte ihre Mutter wieder auf die Opernbühne zurück, ging direkt von der Kinderchirurgie die wenigen hundert Meter zum Theater am Hiltropwall.

Inzwischen ist die Tochter sieben Mal operiert worden, zuletzt Ostern 2013, da war sie zehn und in der vierten Klasse. Wiederholt hatte sich der Hautverschluss in ihrer Bauchdecke entzündet und musste getauscht werden. Eingriffe an der Muskulatur schlossen sich an. Erst bei der letzten OP gelang es, ihre Bauchdecke komplett zu verschließen. 

Geschwister-Scholl-Gesamtschule

Jedes Jahr zum Geburtstag ihres Kindes bringt Frau Mama selbst gebackene Zimtrollen auf die Station. „Bis sie 18 ist, mache ich das“, sagt die Sängerin. „Und dann mach ich das weiter“, verspricht Jessica. Das Rezept hat sie sich schon besorgt. Vielleicht hat Jessica bald eine Extra-Portion vom „Motivationskuchen“ dabei, wie die süßen Stückchen auf der Station heißen. Am 11. September, wenn die Neuntklässlerin der Geschwister-Scholl-Gesamtschule als Tagespraktikantin zurückkommt zu ihrer „zweiten Familie“.

Auch Oberärztin Dr. Susanne Schnittfeld, der damalige Lebensretter Dr. Matthias Albrecht, vormals Klinikdirektor der Kinderchirurgie, und später dann sein Nachfolger Dr. Andreas Leutner gehören dazu. Sie alle freuen sich auf den jährlichen, ehrenamtlichen Auftritt von Jessicas Mutter bei der Erinnerungsfeier für die verstorbenen Kinder von Kinderchirurgie und Kinderklinik. Nicht jeder Krankheitsverlauf endet so glücklich wie bei Jessica.

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