OB-Kandidat Andreas Hollstein: Als Opfer ziemlich unbequem

rnWahl 2020

Andreas Hollstein ist seit 21 Jahren Bürgermeister in der Kleinstadt Altena, jetzt will er für die CDU als Oberbürgermeister die Großstadt Dortmund regieren. Wer ist der Mann?

Dortmund

, 30.05.2020, 05:15 Uhr / Lesedauer: 12 min

Mut muss der Mann haben. Er will von einem Kleinstadt- zu einem Großstadtbürgermeister werden. Als CDU-Mann in Dortmund. Die Stadt, die einige ja erstaunlicherweise noch immer für die Herzkammer der Sozialdemokratie halten. Auch wenn das ein eher verklärter Blick in die Vergangenheit ist, ist die Kandidatur von Dr. Andreas Hollstein wohl eher nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Der Jurist Hollstein ist im Privatleben Vater von vier Kindern, geschieden, wiederverheiratet, und lebt in Altena. Knappe 30 Kilometer von Dortmund entfernt.

Im öffentlichen Leben ist Hollstein der mit der Messerattacke. Man kann das, natürlich mit Recht, als eindimensional bezeichnen, wenn man einen Mann, der seit 21 Jahren Bürgermeister ist, auf einen Anschlag auf ihn reduziert. Doch dieser Anschlag, auch wenn er in der Vergangenheit liegt, hat natürlich Einfluss auf die Gegenwart des Politikers Andreas Hollstein.

Ein Davor und ein Danach

Es gibt Ereignisse, die teilen ein Amt in ein Davor und ein Danach. Angela Merkels Kanzlerschaft wird so geteilt. Durch die Flüchtlingskrise. Und jetzt durch die Corona-Krise. Hollsteins Amt wird durch den Anschlag geteilt. Und so ziehen sich der Anschlag und seine Folgen auch durch diesen Text.

Für die, die nicht in Altena leben, für die, die nicht beim Städte- und Gemeindebund ein- und ausgehen, und für die, die nicht jeden Tag WDR5 hören, ist Hollstein erst einmal genau das: der Bürgermeister, der 2017 in einem Dönerladen attackiert wurde.

Auch, weil er als Bürgermeister zuvor etwas tat, was erstaunte: Als die Städte und Gemeinden landauf und landab 2015 nicht wussten, wo sie die Geflüchteten unterbringen sollten, meldete sich Hollstein zu Wort mit dem Angebot, noch mehr Geflüchtete aufzunehmen. Altena mangelt es an Menschen, da waren welche.

Wäre er ohne die Messerattacke Kandidat geworden?

„Herr Hollstein, wenn es dieses Attentat nicht gegeben hätte, wären Sie dann Oberbürgermeisterkandidat für Dortmund?“

„Das weiß ich nicht“, sagt er.

Aber seine Verbindungen in die Landespolitik seien schon vorher da gewesen. Und die, die ihn für die Kandidatur empfohlen hätten, hätten ihn auch schon vorher gekannt und auf dem Schirm gehabt. Selbstbewusstsein hat er.

„Sind Sie der Bürgermeister?“

Der Anschlag, dann ist er abgehandelt, geschah aus Hollsteins Sicht so: Am Abend des 27. November 2017 kommt er aus dem Rathaus, fährt den kurzen Weg heim mit dem Wagen, stellt ihn dort ab und geht dann gegen 20 Uhr in einen nahe gelegenen Dönerladen, um etwas Schnelles für das Abendessen zu holen. Kurz nach ihm betritt ein Mann den Laden. Er hat einen Jutebeutel dabei und fragt Hollstein: „Sind Sie der Bürgermeister?“

„Ich kenne die Frage, sie ist oft eine Brücke“, sagt Hollstein. „Und habe geantwortet: ‚Ja, warum?‘ Um zu signalisieren: Haben Sie etwas für mich, kann ich etwas für Sie tun?“

Hollstein gilt in Altena als ein bürgernaher Bürgermeister. Einer, der gut mit den Menschen kann, der sich auch mal mit einem Tisch auf den Marktplatz stellt, um ins Gespräch zu kommen. An diesem Abend im Dönerladen kommt es zu keinem weiteren Gespräch. Statt zu antworten zieht der Mann ein Messer. Dann schreit er: „Du lässt mich verdursten und holst 200 Ausländer rein.“

Ahmet Demir (rechts im Bild) und sein Vater Abdullah Demir betreiben in Altena den „City Döner“.

Ahmet Demir (rechts im Bild) und sein Vater Abdullah Demir betreiben in Altena den „City Döner“. Hier halfen Vater und Sohn, als Hollstein im November 2017 mit einem Messer attackiert wurde. © dpa

Das Messer am Hals Hollsteins, Handgemenge, der Dönerladenbetreiber und sein Sohn eilen zu Hilfe. Ein vierminütiger Kampf, Geschrei, es fließt Blut, das von Hollstein. Aus einer Wunde am Hals.

Letztlich ist der Täter fixiert, die Polizei wird gerufen. Als eine junge Polizistin – die Polizeiwache ist um die Ecke – in den Laden stürmt, eine gezogene Waffe in der Hand, schreit der Täter ein letztes Mal: „Erschieß mich.“

Zwei Jahre auf Bewährung

Im Juni 2018 wird der 56-jährige Täter wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Bedrohung zu einer zweijährigen Haftstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt.

Der Mann, so sah es das Gericht, war psychisch labil. Zum Tatzeitpunkt alkoholisiert. Er hatte, so das Gericht, das Messer zur Selbstverteidigung dabei. Er hatte noch etwas dabei, was aber bei der Urteilsfindung keine Rolle spielte: einen Glasschneider.

Im Juni 2018 im Landgericht Hagen: Andreas Hollstein sitzt als Zeuge beim Prozess gegen den Angeklagten Werner S

Im Juni 2018 im Landgericht Hagen: Andreas Hollstein sitzt als Zeuge beim Prozess gegen den Angeklagten Werner S., der ihn ein gutes halbes Jahr zuvor mit einem Messer attackiert hatte, vor dem Prozesssaal. © dpa

Dieser Glasschneider lässt für Andreas Hollstein noch eine andere Interpretation zu: Was, wenn der Mann gar nicht in den Dönerladen wollte? Was, wenn er den Glasschneider dabei hatte, um Glas zu schneiden, das an Hollsteins Wohnhaus?

Konjunktive. Aber sehr beunruhigend.

Nach dem Anschlag in die Offensive

In der Realität ging Hollstein nach dem Anschlag in die Offensive und war am Abend danach – gezeichnet zwar, aber doch klar und strukturiert – im WDR-Studio in Siegen. Zuvor hatte er eine Pressekonferenz im Rathaus abgehalten, davor war er zur Vernehmung beim Staatsschutz. In diesem Moment rief ihn die Kanzlerin an.

Hollstein wollte damals zwei Dinge: Sich die Interpretation des Geschehenen nicht aus der Hand nehmen lassen. Und für die anderen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sprechen, die - wenn auch nicht das Gleiche, so doch Ähnliches erlebt haben: Gelöste Radmuttern, abgeschnittene Rebstöcke, Morddrohungen, mit solchen Attacken kämpfen kommunale Amtsträger seit Jahren – womit dieser Text jetzt in der Voranschlagszeit angekommen ist, die schnell übersehen werden kann.

Hollstein hatte bereits 2014 begonnen, öffentlich darauf hinzuweisen, dass Gewalt gegen Amtsträger zunehmend ein Problem wird. Er selbst hatte das zu spüren bekommen, als er einen Kindergarten schloss. Und dann von Kollegen gehört, dass sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten.

„Mir geht es scheiße und du bist schuld“

Man kann den Eindruck bekommen, dass Menschen heute immer wissen, was ihre Rechte sind. Sie haben ein Recht auf dies, sie haben ein Recht auf das – doch sollten sie ihr Recht oder das, was sie dafür halten, nicht bekommen, gehen sie steil, begehren sie auf, was dann bis zu einem Anschlag führen kann. „Mir geht es scheiße und du bist schuld“ quasi als Lebensentwurf. Wobei schuldig hier vermutlich der ist, den man erwischen kann.

Und natürlich ist es so, dass der Anschlag die Tat eines Einzelnen war, eines Mannes, dem das Wasser abgestellt worden war. Der aber eben auch das Wasser durch einen simplen Anruf am Morgen des Tattags hätte wieder anstellen lassen können – er entschied sich anders.

Für Hollstein ist der Mann der Täter. Aber eben auch ein Werkzeug der, so nennt er es, „digitalen Brunnenvergifter“. Denen, die die Echokammern des Internets füllen, die rechte Parolen wieder und wieder wiederholen, die den Verwirrten und Verirrten das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Sondern im Gegenteil zu einer schweigenden Mehrheit zu gehören.

Polo statt Mercedes

Wer sich umhört in Altena, wie Hollstein 1999 loslegte als Bürgermeister, der bekommt das Bild eines Mannes vermittelt, der Unangenehmes aussprach, bevor er gewählt wurde. Der dann gewählt wurde und es umsetzte. Schwimmbad-, Schul- und Kindergartenschließungen sind kein Spaß, waren aber notwendig und wurden durchgezogen.

Dazu gibt es eine kleine Anekdote: Hollstein, frisch gewählt, schaffte den Dienst-Mercedes samt Chauffeur ab und fuhr fortan im Dienst-Polo selbst durch die Kleinstadt. Was einerseits viel über den politischen Instinkt von Hollstein verrät. Andererseits aber auch zeigt, dass den Menschen, den Wählern, einiges zumutbar ist, wenn man sie nicht anlügt. Und das, was man sagt, auch vorlebt. Die Verwaltung wurde verkleinert, sagt Hollstein. Von 180 auf 120 Vollzeitstellen.

30.000 Einwohner - vor dem Abschwung

Altena, das Städtchen an der Lenne, hatte in den Jahren davor viel verloren. Wer davon gut berichten kann, ist Klaus Maliga. Er hat über die Stadt zwischen 1973 und 2009 geschrieben, war Redakteur bei der damals dort noch erscheinenden Westfälischen Rundschau.

Er kennt die Geschichte und ihre Geschichten, die geschriebenen und die ungeschriebenen. Man kann mit ihm gut über die Entwicklung der Stadt sprechen, wie sie war, damals, als er anfing. Über 30.000 Einwohner hatte Altena seinerzeit. Wie dann bald der wirtschaftliche Niedergang begann, die Menschen ihre Arbeit verloren und damit ihren Grund, dort zu wohnen.

Burg Altena

Über der Stadt ragt die Burg, an ihrem Fuß fließt die Lenne. © dpa

1999, als Hollstein die Wahl gewann, lebten noch 22.000 in der Stadt, heute sind es rund 17.000. Maliga hat das alles selbst gesehen. Die Busse, die die Frauen in Fabriken brachten.

Die Fabriken, deren Produktion teuer war, weil es in den engen Tälern der Gegend nicht genug Fläche gab und die dann auf mehreren Ebenen produzieren mussten. Wie dann der damalige SPD-Bürgermeister Topmann die Stadt modernisieren wollte, wofür alte Bausubstanz weichen musste, was wiederum einen gewissen Andreas Hollstein unter anderem politisierte.

Der Vorgänger war ein Stück weit satt geworden

Konflikte habe es damals gegeben, erzählt Maliga. Die Grünen kamen auf und der damalige SPD-Bürgermeister war, so beschreibt es Maliga nicht ohne Grund, nach annähernd 30 Jahren an der Spitze, ein Stück weit zu satt geworden. „Wenn man es negativ benennen will, könnte man es Arroganz nennen. Oder freundlicher: Ungeduld mit dem politischen Gegner.“

In Ratsdiskussionen gab es keine Diskussionskultur auf Augenhöhe mehr, Topmann kommentierte alles und jeden, stieß durch Zurechtweisungen Menschen dabei wohl auch mal vor den Kopf und richtete damit mehr Schaden an, als er es durch eine politische Entscheidung gekonnt hätte.

Er spricht, wie er immer spricht, frei

Beim Neujahrsempfang der Stadt Altena am 12. Januar 2020 spricht Hollstein in der Burg Holtzbrinck, einem hübschen Gebäude nah am Lenneufer. Frisch renoviert ist das Gebäude, das Blasorchester Altena spielt; Hollstein spricht, wie er immer spricht, frei und offen und lässt das vergangene Jahr Revue passieren.

Die Honoratioren der Stadt sind gekommen, potenzielle Nachfolger für das Bürgermeisteramt, aber auch ein bundespolitischer Gast ist da: Paul Ziemiak, Generalsekretär der Bundes-CDU.

Zwei Elefanten stehen im Raum

Und der hört, vor den Taten von Hanau und vor der desaströsen Ministerpräsidentenwahl in Thüringen, wie Hollstein dazu aufruft, Rechtspopulisten und rechten Hetzern keinen Millimeter Platz zu geben. Und die Ankündigung, dass Hollstein, würde die CDU mit der AfD zusammenarbeiten, nicht mehr Mitglied der CDU sei.

Hollstein spricht weiter über das vergangene Jahr in Altena, er zieht ein Resümee, er tut das, was ein Politiker bei einem Neujahrsempfang tut. Zwei Dinge spricht er mit keinem Wort an: seine Oberbürgermeisterkandidatur in Dortmund - und den Anschlag. Beides steht unübersehbar im Raum wie zwei Elefanten, die jeder sieht, aber keiner erwähnt.

Das Thema, das zu seinem Thema geworden ist

Ein paar Tage später im Januar, bei einem Termin für diesen Text im Rathaus Altena, verspätet sich Hollstein auf dem Rückweg von Köln. Die Verspätung ist nicht dramatisch, doch Hollstein, höflicher Gastgeber, gibt telefonisch durch, wann er ungefähr ankommt und wo er gerade ist.

In Köln war er beim WDR. Thema seines Besuchs war die Gewalt gegen Amtsträger. Er hat - wie immer - auf den Punkt gesprochen, besonnen, ruhig und klar, aber deutlich. Es ist die Zeit, in der ein Bürgermeisterkollege aus Kamp-Lintfort einen Waffenschein beantragt hat und das Thema, sein Thema, wieder einmal an die Oberfläche im sich offenbar nicht mehr beruhigenden Themenmeer gespült wird.

Chef im Gründerzeitbau

Das Rathaus, in dem Hollstein jetzt 21 Jahre Chef ist, ist ein Gründerzeitbau. Aus dem Bürgermeisterzimmer hat man einen hübschen Blick auf die Burg Altena auf dem gegenüberliegenden Hügelkamm. Das Mobiliar sieht teilweise so aus, als habe es schon einer ganzen Reihe von Vorgängern Hollsteins gedient. Zum Beispiel auch dem bereits erwähnten Vorgänger Günter Topmann, Bürgermeister von 1970 bis 1999.

Für den alten Zeitungsmann Maliga wiederholt sich hier Geschichte, denn das, was damals Topmann zugeschrieben wurde, das werfe die politische Kaste heute auch Andreas Hollstein vor. Dass sich da einer entfernt habe. Hollstein sei heute noch beliebt auf der Straße, aber es hat sich etwas verändert, glaubt der Stadtchronist Maliga.

Ist da einer größer geworden als seine Stadt?

Einerseits sei da ein Gefühl: Der, der für uns da war, der ist jetzt in Berlin oder in Köln oder abends im Fernsehen. Andererseits werde dabei gerne übersehen, sagt Maliga, dass Hollstein seinen Job eben immer sehr ernst nimmt, mit seinen guten Kontakten in Landes- oder Bundesregierung viel für Altena getan habe.

Und bei Hollstein habe man sich schon vor Jahren gefragt, wann er die Stadt verlässt. So wie Maliga das erzählt, bekommt man den Eindruck, da ist einer größer geworden als seine Stadt.

Kein bequemes Opfer

Maliga ist Rentner, er hat seine eigene Sicht auf die Dinge und einen Gedanken zu dem Attentat, der ihm schlüssig scheint: Hollstein war Opfer, hat es nach außen hin gut überstanden und das war ein Umstand, mit dem viele nicht hätten umgehen können.

Hätte Hollstein nach der Attacke drei Wochen auf einer Intensivstation liegen müssen, hätte man ihn viel eher als Opfer gesehen. Aber ein Mensch, der Glück hatte, dann einfach weitermacht, ist kein bequemes Opfer.

„Starker Tobak“

In der Lokalzeitung, die es noch vor Ort gibt, habe zwischen den Zeilen gestanden, Hollstein inszeniere sein Attentat. Maliga findet das „starken Tobak“ und die Gesamtentwicklung bedauerlich, denn es sei stark verkürzt, den Bürgermeister auf seinen Kampf gegen Rechtsextremismus und auf ein Attentat zu begrenzen.

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„Profil hat er hier durch eine Reihe von politischen Entscheidungen gewonnen.“ Sparen zugunsten der kommenden Generationen, Themen früh entdecken und bearbeiten, rausholen, was für die Stadt rauszuholen ist.

Wiedergewählt würde Hollstein in Altena werden, denkt Maliga, wenn sich Hollstein zur Wiederwahl gestellt hätte. „Aber es wäre etwas von seinem Glanz verloren gegangen.“ Andere Menschen aus dem Altenaer Rat zweifeln eine Wiederwahl Hollsteins an, sie gehören aber zum politischen Gegner.

Der potenzielle Nachfolger möchte einer „zum Anfassen“ sein

Der neue Altenaer CDU-Bürgermeisterkandidat, ein 54-jähriger Immobilienkaufmann, sagte bei seiner offiziellen Vorstellung in der kleinen Burg Holtzbrink, er wolle ein Bürgermeister zum Anfassen sein. „Das war Andreas Hollstein in den letzten Jahren nicht mehr.“ Außerdem wolle er eine andere Stimmung ins Rathaus bringen.

Wenn man den neuen Kandidaten anruft und ihn fragt, ob er das so gesagt habe, dann sagt der, dass das nicht so geklungen hätte, wie er es hätte sagen wollen, aber dass das im Kern wohl richtig sei. Dass er Hollstein seit Kindesbeinen kenne, mit seinem Bruder Abitur gemacht habe und ihn „mega“ schätze, sich aber seit dem Anschlag die Situation doch verändert habe.

Adenauer im Leichentuch

Hollstein selber hat in seinem Amtszimmer hinter der Tür ein Bild hängen, es stammt von einem seiner Vorgänger und zeigt Adenauer im Leichentuch. „Das“, sagt Hollstein irgendwann, „wollte ich mir erhalten.“ Normalerweise sehe er das Bild nicht, nur selten sei die Tür geschlossen.

„Wenn die Tür mal zu ist, wenn ich nachdenke, dann sehe ich Adenauer und dann weiß ich: Irgendwann ist das Amt zu Ende und das ist auch ganz gut.“ Denn so ein Amt färbe ab, man könne irgendwann glauben, dass man das Amt selbst sei.

Regiert er mit eiserner Hand?

Und, regiert er das Rathaus mit eiserner Hand? Hat er Schwierigkeiten, andere Meinungen zuzulassen, herrscht im Rathaus eine schlechte Stimmung? Hollstein lächelt, sagt, er sei entscheidungsfreudig, Veränderungen hätten Folgen und die schlechte Stimmung im Rathaus, die gebe es laut den Sozialdemokraten doch seit 2004 – das hätte sich doch in Wahlergebnissen niederschlagen müssen.

Er war in Dortmund nicht die A-Lösung

Hat es sich nicht. Und ob es das jetzt tun würde? Hypothetisch. Denn jetzt kommt Dortmund beziehungsweise die Kandidatur als OB für diese Stadt. Hollstein weiß, dass er nicht die A-Lösung der Dortmunder CDU war, das war eine Frau aus dem Polizeipräsidium. Er war auch nicht die B-Lösung, er wurde von außen ins Spiel gebracht. Von wem, sagt er, wisse er nicht.

Die Dortmunder CDU hat den Ruf, nicht zu laufen

Hollstein weiß aber, dass die Dortmunder CDU einen Ruf hat. Den nämlich, für die eigenen Kandidaten nicht richtig zu laufen. Hollstein sagt, er sei nicht die Dortmunder CDU, er komme von außen und bringe frischen Wind mit. Er wisse, worauf er sich da eingelassen habe. „Ich muss“, sagt er, „die eigenen Leute überzeugen.“

Hollstein hatte schon während seiner Amtszeit in Altena verschiedene Angebote, in größere Städte zu wechseln. Auch in CDU-geführte und insofern sichere Bänke. Sicherer auf jeden Fall als Dortmund. Er wisse, sagt er, dass er nicht der Top-Favorit sei. Er wisse, dass man auch verlieren kann. „Aber man kann auch gewinnen.“

Hollstein ist, man sieht das nicht auf den allerersten Blick, immer noch Sportler. Stand in der Jugend im Tor, Tischtennis hat er selber gespielt und dann trainiert und als Sportler weiß er, dass ein Spiel dann vorbei ist, wenn es vorbei ist. Wenn man im Sportbild bleiben will, dann sei er jetzt Fortuna Düsseldorf und spiele gegen den FC Bayern München. Jeder weiß vorher, wie so ein Spiel ausgeht. Auf dem Papier.

„Bankrotterklärung der Dortmunder CDU“

Als Hollsteins Kandidatur bekannt wurde, da schrieb der Blog Ruhrbarone sinngemäß, dass diese Nominierung einer Bankrotterklärung der Dortmunder CDU gleichkomme. Einen Kleinstadtbürgermeister einer nach wie vor schrumpfenden Stadt als ernsthaften Kandidaten für eine wachsende Großstadt auszuwählen, das sei ungefähr so, als würde man den Verkäufer eines Telekom-Shops auf dem Westenhellweg zum Vorstandsvorsitzenden der Telekom machen.

Ullrich Sierau, noch amtierender Oberbürgermeister von Dortmund, erwähnte in seiner Neujahrsansprache im Konzerthaus, dass in den Tagen zuvor wegen einer Weltkriegsbombe Menschen evakuiert werden mussten. Menschen in einer Zahl, die ungefähr der Bevölkerungszahl Altenas entspreche.

Eine Spitze war das. Ein kleiner Pfeil sollte es vielleicht sein für einen langsam beginnenden Wahlkampf, der dann ja doch nicht losging. Man kann das witzig finden. Man kann das auch als unsouverän betrachten. Oder als Zeichen dafür sehen, dass da jemand ernst genommen wird.

Wie bekommt man Hollsteins Präsenz auf die Straße?

Bei der Dortmunder CDU wiederum fragten sie sich damals, wie sie es schaffen können, die Präsenz Hollsteins in der überregionalen Presse und in den Talkshows auf die hiesigen Straßen zu bringen. Wohl wissend, dass die Jusos und die SPD eher eine Einheit in der Stadt sind als die Junge Union und die CDU.

Dann kam, kurz bevor Hollstein offiziell zum Oberbürgermeisterkandidaten wurde, Corona. Und alles wurde anders. Bevor ein Wahlkampf beginnen konnte, war er kein Thema mehr.

Kann man eine Wahl ohne Kampf gewinnen?

So ein Wahlkampf ist eine Ochsentour, man muss sich bekannt machen, sein Profil zeigen und schärfen. Gegen den politischen Gegner arbeiten, ohne sich dabei zu sehr an ihm abzuarbeiten. Klar machen, warum man die geeignete Person für die Aufgabe ist.

Hollstein weiß das alles, er hat sechs Wahlkämpfe geführt. Und er kann das, er ist eloquent im Gespräch, war vor seiner politischen Laufbahn auf dem diplomatischen Parkett unterwegs, Botschaftsrat, aus der Zeit kann er gute Geschichten erzählen.

Aber jetzt ist die Gegenwart, kann man eine Wahl ohne den Kampf gewinnen? Herzen ohne Sturm erobern? Als Außenseiter noch dazu? Wie zeigen, dass Hollstein mehr ist als der Mann mit dem Attentat?

„Die Menschen haben andere Sorgen“

In der Corona-Krise gab es regelmäßige Pressekonferenzen, da saßen dann verschiedene Mitglieder des städtischen Krisenstabs und sagten ab und an zu ihren Themenbereichen etwas.

Daniela Schneckenburger von den Grünen und Thomas Westphal von der SPD sind beide OB-Kandidaten für ihre Parteien und Mitglieder des Krisenstabes. Sie hatten also, anders als Hollstein, zumindest die Gelegenheit, in der Öffentlichkeit aufzutauchen. Hollstein sagt, er empfinde das nicht als Nachteil, weil er wisse, wie wenig das wahrgenommen werde. Was das an Prozentpunkten kosten könne, wisse er nicht, die Menschen hätten derzeit andere Sorgen.

Erstmals kam dann doch so etwas wie Wahlkampf auf, die IHK hatte zur Podiumsdiskussion der OB-Kandidaten geladen. Es war inmitten der Pandemie und die Veranstaltung fand dann unter besonderen Voraussetzungen statt: Mindestabstand, kaum Zuschauer, dafür eine Übertragung ins Netz. Dass der Wahlkampf momentan nicht ein beherrschendes Thema zu sein scheint oder zumindest da nicht war, zeigten die geringen Zuschauerzahlen.

Ein bisschen offensiver hätte es wohl sein dürfen, fanden sie

Auf dem Podium war dann auch wenig von Kampf zu spüren, alle Kandidaten stellten sich ganz ordentlich dar, heraus ragte keiner. Was vielleicht auch an der Zielrichtung der Veranstaltung lag: Wie soll man Antworten auf die Frage geben, was man als Kandidat tun wolle, um mittelständische Betriebe am Standort zu halten, wenn doch die eigentliche Frage ist, ob Betriebe überhaupt überleben werden?

Aber ein bisschen mehr Angriff hätte es dann schon sein können, fanden sie im Nachgang bei der Dortmunder CDU.

Für was steht er?

Was also will der Oberbürgermeister Hollstein? Er will, ohne Anspruch auf die richtige Reihenfolge:

  • die Bezirke stärken, indem sie bei zentralen Themen der Stadt – z. B. Sicherheit, Wohnen, Mobilität - mitgenommen werden.
  • Dortmund den Anspruch geben, nicht nur für sich gut zu sein, sondern auch nach außen zu wirken.
  • bezahlbares Wohnen für mehr Menschen ermöglichen.
  • mehr frühkindliche Bildung zur Armutsbekämpfung einsetzen.
  • eine solidere Finanzgrundlage schaffen
  • das Sicherheitsgefühl stärken, klar machen, dass Regeln für alle gelten.

Diese Themen hatte Hollstein vor der Corona-Krise im Kopf, als alles noch „normal“ war. Im Moment ist unklar, wie stark die Wirtschaft langfristig getroffen ist, wie viele Arbeitsplätze verloren gehen werden, wann und ob ein Aufschwung wieder einsetzt. Jetzt also dürfte das Thema Arbeitsplätze vor allen anderen stehen. Das weiß Hollstein, genauso wie er weiß, dass das ein „Wahlkampf sein wird, wie ich ihn noch nie erlebt habe“.

Vor der endgültigen Aufstellung

Im Juni soll er endgültig aufgestellt werden, ab spätestens dann gilt es, sich selbst und seine Inhalte nach vorne zu tragen. Dann, Ende Juni, beginnen die Sommerferien, sechs Wochen lang politischer Stillstand und eine Zeit, in der sich wenige für Wahlkampf interessieren werden. Mitte August geht es wieder los, am 13. September wird aller Voraussicht nach die Wahl stattfinden.

Bleibt man im Fußballerbild von Hollstein, in dem Düsseldorf gegen die Bayern spielt, dann wird die Zeit so langsam knapp. Auch wenn der Ball eigentlich noch gar nicht richtig rollt.

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