Archäologinnen legen am Schwanenwall das Fundament des mittelalterlichen Schwanenturms frei. Die Steinmauer dahinter gehört zur alten Stadtmauer. © Thomas Thiel
Spektakulärer Fund

Am Schwanenwall stand einst Dortmunds wohl stinkendster Turm

Im Mittelalter gehörte Dortmund zu den mächtigsten Städten Deutschlands. Nun haben Archäologen ein einmalig erhaltenes Relikt aus dieser goldenen Ära gefunden - das damals wohl ziemlich übel roch.

Das Dortmund des Hochmittelalters war eine boomende Handelsmetropole und ein mächtiger Stadtstaat. Die Freie Reichsstadt war eines der mächtigsten Mitglieder der Hanse.

Dortmunds Kaufleute handelten mit halb Europa, waren große Fische in den Handelskontoren von Brügge, Antwerpen und London. Sogar die englische Königskrone war zeitweise in ihrem Besitz, als Pfand für die enormen Schulden, die England bei den Dortmundern hatte.

Stadtarchäologe kommt ins Schwärmen

Ein einzigartiges Zeugnis dieses Goldenen Zeitalters haben Archäologen nun am Schwanenwall freigelegt. Bei den Bauarbeiten zum Radwall stießen sie neben einem zehn Meter langen Abschnitt der alten Stadtmauer auch auf einen der 14 Türme, die Dortmund im 14. Jahrhundert nachträglich zum weiteren Schutz seiner Reichtümer vor seine Mauer gebaut hatte: den Schwanenturm.

Stadtarchäologe Ingmar Luther zeigt auf einem Stadtplan von 1610, wo der Schwanenturm stand. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Dortmunds Stadtarchäologe Ingmar Luther versucht gar nicht erst, seine Begeisterung über den Fund zu verbergen: „Für uns ist das ein absoluter Jackpot“, schwärmt er, „man träumt als Archäologe davon, so etwas zu finden.“

Das Besondere am Schwanenturm ist, dass sein Fundament vollständig erhalten ist. Nachdem der Turm wie der Rest der Dortmunder Stadtbefestigung Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgebaut worden war, entstand an seinem Standort ein Wohnhaus, das bis 1945 existierte.

Eigentlich waren die Archäologen davon ausgegangen, dass bei der Unterkellerung dieses Gebäudes die Überreste des Schwanenturms vollständig zerstört worden waren. Doch tatsächlich war das Gegenteil der Fall: In anderthalb Metern Tiefe stießen die Archäologen auf rund 1,70 Meter dicke mittelalterliche Mauern, die wahrscheinlich noch bis zu 2,5 Meter tief in die Erde reichen.

Ein Turm, der wohl nicht nur zum Schutz da war

Dieser seltene Fund biete zahlreiche Möglichkeiten, sagt der Archäologe Luther: „Wie alt ist der Turm genau? In welchem Kontext steht er zur Stadtmauer? Wie ist er aufgebaut? All das können wir nun untersuchen.“

Die Ausgrabungsstelle am Schwanenwall wird Ende der Woche wieder zugeschüttet.
Die Ausgrabungsstelle am Schwanenwall wird Ende der Woche wieder zugeschüttet. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Und Luther will noch einer weiteren These nachgehen: Denn der Schwanenturm könnte im Gegensatz zu den anderen Dortmunder Türmen nicht nur die Stadtmauer geschützt haben. „Wir wissen aus historischen Quellen, dass es hier auch eine Schleuse gegeben haben muss, durch die die Abwässer aus der Stadt in die Stadtgräben geleitet wurden“, sagt Luther.

Der Stadtarchäologe vermutet, dass der Schwanenturm in diesem Fall auch Standort für eine Art Wartungsmannschaft war, die die Schleuse und das Abwassersystem instand hielt und dafür sorgte, dass es zu keinen Verstopfungen kam.

Ein unangenehmer Arbeitsplatz

Bestätigt sich diese Theorie, gab es in Dortmund bestimmt angenehmere Arbeitsorte als den Schwanenturm: „Wenn hier Fäkalien durchgeleitet wurden, hat es ordentlich gestunken“, sagt Luther. Zudem ging es in dem rund 12 Meter hohen Turm wohl auch ziemlich beengt zu: In seinem rechteckigen Inneren gab es pro Etage nur knapp 14 Quadratmeter Platz für die Wachmannschaft.

Auf eine längerfristige Untersuchung muss Luther jedoch noch eine Weile warten: Ende der Woche wird die Ausgrabungsstätte wieder mit Sand zugeschüttet und mit einer Vliesschicht abgedichtet – damit die Arbeiten am Radwall weitergehen können, aber auch, um die Funde vor Wettereinflüssen zu schützen.

Auf lange Sicht sollen die Fundamente des Schwanenturms und die angrenzende Stadtmauer wieder ans Tageslicht kommen. Sie sollen als Denkmal ins Stadtbild integriert werden. „Eine Idee wäre eine Stahlgitter-Brücke für den Radverkehr, um das Bodendenkmal zu überbrücken und darunter zu präsentieren“, so Stadtsprecher Christian Schön.

Diese und andere Ideen werden nun von der Unteren Denkmalbehörde geprüft. Sie soll ein Konzept erstellen, wie die Relikte nach der Fertigstellung des Radwalls Mitte 2022 am besten präsentiert und gepflegt werden können.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel