Amazon hat gut zu tun, sieht sich aber nicht als Gewinner der Krise

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Die Amazon-Aktie ist gestiegen, es gibt Boni für die Beschäftigten und allein für Dortmund werden mehr als 100 neue Mitarbeiter gesucht. Als Krisengewinner sieht Amazon sich aber nicht.

Dortmund

, 22.05.2020, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auch am Standort Dortmund funktioniert der Online-Händler Amazon unter Corona-Bedingungen völlig anders als noch zu Jahresbeginn: Es gibt ein erweitertes „Team Safety“, 2500 Liter Desinfektionsmittel wurden verbraucht, das operative Geschäft im Logistikzentrum auf der Westfalenhütte läuft im Drei-Schicht- statt im Zwei-Schicht-Betrieb.

„Wir haben eine Nachtschicht eingeführt. Die Kolleginnen und Kollegen können so viel aufgelockerter Arbeiten und Abstand halten. Wir konnten die Schichten so sehr gut entzerren“, sagt Lars Krause, der das im Oktober 2017 eröffnete Dortmunder Umverteilzentrum leitet. 2000 Menschen sind dort beschäftigt, um Waren zu sortieren, die dann als Nachschub an das Netzwerk ausgeliefert werden.

Keine Antwort auf die Frage nach Covid-19-Infektionen bei Amazon in Dortmund

Ob es Covid-19-Infektionen gab oder gibt, dazu wollten sich weder Lars Krause noch der Betriebsratsvorsitzende Osman Oezkan und Pressesprecher Thorsten Schwindhammer in einem Interview mit dieser Redaktion äußern.

Lars Krause sagte: „Für den Fall, dass es Infektionen gibt, konsultieren wir die Gesundheitsbehörden. Wir sind vorbereitet und könnten die Kontaktpersonen nachvollziehen, bezahlt für 14 Tage in Eigenquarantäne schicken und den Betrieb aufrechterhalten.“ Thorsten Schwindhammer ergänzte: „Amazon hat sehr frühzeitig bereits Anfang Februar mit ersten Maßnahmen reagiert, als das Virus in Deutschland noch nicht sonderlich präsent war.“

Amazon-Leiter: „Wir haben gut zu tun“

Darin bestätigt, dass das eigene Sicherheitskonzept greift, sieht sich das Unternehmen spätestens seit einem Besuch des Amtes für Arbeitsschutz der Bezirksregierung Arnsberg am Dienstag, 19. Mai. „Die Behördenmitarbeiter kamen unangekündigt und waren begeistert“, sagt Betriebsratschef Osman Oezkan.

Masken und Plexiglas gehören auch bei Amazon zum Arbeitsalltag. Um mehr Abstand an den Warenbändern und im Lager halten zu können, wurde eine Nachtschicht zusätzlich eingeführt.

Masken und Plexiglas gehören auch bei Amazon zum Arbeitsalltag. Um mehr Abstand an den Warenbändern und im Lager halten zu können, wurde eine Nachtschicht zusätzlich eingeführt. © Amazon

So kann in dem 50.000 Quadratmeter großen Warenverteilzentrum derzeit störungsfrei gearbeitet werden. Von Kurzarbeit keine Spur. Im Gegenteil: das Geschäft boomt. „Wir wollen über 100 Mitarbeiter zusätzlich einstellen, weil wir viele Bestellungen haben, die sich aufgestaut haben. Viele asiatische Händler zum Beispiel haben in den vergangenen Monaten Waren zurückgehalten oder nicht liefern können, die jetzt wieder ankommen“, sagt Lars Krause.

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An der Stelle betonen alle drei Amazon-Vertreter, dass sie sich mit ihrem Unternehmen nicht als Krisengewinner fühlen. „Das wird in den Medien gerne so dargestellt. Es stimmt: wir haben gut zu tun, der Online-Handel wird gut frequentiert.

Amazon lagert Waren für kleine und mittelständische Unternehmen

Aber die Hälfte der Waren, die wir hier in Dortmund lagern und verteilen, gehören kleinen und mittelständischen Unternehmen“, sagt Lars Krause. Der Standortleiter nennt dazu Beispiele: „Ein Spielwarenhändler vertreibt über uns Artikel über die europäischen Grenzen hinweg. Oder: Gartenstuhl-Auflagen von einem Betrieb aus dem Münsterland verschicken wir nach Indien. So greifen wir also den Unternehmen bei ihrem digitalen Geschäft unter die Arme.“

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Zahlen zu einem durch die Corona-Pandemie bedingten Wachstum sind von Amazon nicht zu bekommen. „Der Online-Handel ist ein sehr schnell wachsendes Geschäft. Wir sind jetzt drei Jahre in Dortmund, und ständig gewachsen“, sagt Lars Krause.

Amazon-Betriebsrat: „Es gibt eine wirklich faire Bezahlung“

So wenig wie das Etikett vom Krisengewinner zu Lasten des Einzelhandels, so wenig schmeckt Amazon auch der Vorwurf, dass man die Mitarbeiter ausbeute. Lars Krause sagt klar: „Wir zahlen einen attraktiven Lohn mit verschiedenen Zusatzleistungen, pflegen einen direkten Austausch und bieten ein sicheres Arbeitsumfeld. Die Erfahrung zeigt, dass die Mitarbeiter gerne bei uns in Dortmund arbeiten.“

Lars Krause leitet inzwischen seit drei Jahren den Amazon-Standort in Dortmund: „Wir zahlen einen attraktiven Lohn. Die Erfahrung zeigt, dass die Mitarbeiter gerne bei uns in Dortmund arbeiten.“

Lars Krause leitet inzwischen seit drei Jahren den Amazon-Standort in Dortmund: „Wir zahlen einen attraktiven Lohn. Die Erfahrung zeigt, dass die Mitarbeiter gerne bei uns in Dortmund arbeiten.“ © Archiv

Der Betriebsratvorsitzende Osman Oezkan bestätigt das. „Für alle Versandmitarbeiter gibt es seit März sogar zwei Euro mehr Lohn bis Ende Mai als Zeichen der Anerkennung und zum Dank für den Einsatz – aufgerechnet auf den Einstiegslohn von mindestens 11,61 Euro in Dortmund.“, sagt er.

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Verdi kritisiert Bonus-Zahlungen als Anreiz, um krank zur Arbeit zu zahlen - Amazon widerspricht

Wird mit der Bonuszahlung aber nicht für die Mitarbeiter ein Anreiz geschaffen, in dieser Boom-Zeit auch krank zur Arbeit zu kommen, wie die Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi kritisiert? Sollte Amazon nicht dauerhaft mehr Stundenlohn zahlen?

„Wir sagen zu jedem Bonus Ja und haben auch nichts gegen dauerhaft mehr Geld. Aber, es gibt schon jetzt eine wirklich faire Bezahlung“, antwortet Osman Oezkan. Wichtig ist ihm, klarzustellen: „Von einem Anreiz krank zur Arbeit zu kommen, kann keine Rede sein. Niemand muss etwas befürchten, wenn er zu Hause bleibt bei Unwohlsein.“

Waren des täglichen Bedarfs werden nicht mehr bevorzugt ausgeliefert

Abgesehen von Schutz- und Hygienemaßnahmen normalisiert sich das Geschäft im Amazon-Zentrum auf der Westfalenhütte in diesen Tagen wieder. „In Dortmund wie im Gesamtnetz wurden während des Lockdowns Artikel priorisiert, um sicherzustellen, dass Waren des täglichen Bedarfes schnell bei den Kunden ankommen. Auch bei Amazon gab es das Toilettenpapier-Phänomen. Mittlerweile können wir auch nicht priorisierte Artikel wieder gewohnt schnell ausliefern – durch die Öffnung des Einzelhandels kommt es spürbar zu einer Normalisierung“, sagt Thorsten Schwindhammer.

Und Lars Krause, selbst vierfacher Familienvater, stellt an einem kleinen Phänomen fest, dass die Bleib-zuhause-Phase („Stay home“) beendet ist und Kindergärten und Grundschulen wieder geöffnet sind. „Mir sind hier Paletten mit Bügelperlen aufgefallen, die wir in dieser Stückzahl vor Corona nicht hatten und jetzt auch nicht mehr haben.“

Amazon

Spenden für soziale Einrichtungen

  • Amazon engagiert sich in der Stadt unter anderem mit einer Spende von 3000 Euro an die Dortmunder Tafel. „Die Tafel ist seit geraumer Zeit ein wichtiger Partner, deren Helfer eine immens wichtige Arbeit leisten“, sagt Unternehmenssprecher Thorsten Schwindhammer.
  • Weitere 3000 Euro gingen zudem an die Kana Suppenküche Dortmund, sowie 2000 Euro an die Echt Jugendhilfe sowie 1000 Euro an die Vestischen Caritaskliniken Kinderheilstätten (je 500 Euro an das Kinderhaus Dortmund-Berghofen und das Kinderhaus Dortmund Leierweg).
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