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Angela Dicke bekam nach 70 Jahren Post von ihrem Vater aus einem sibirischen Lager

rnBriefe eines Kriegsgefangenen

Alte Briefe wecken Erinnerungen. Doch die Karten, die Angela Dicke in den Händen hält, sind ein Gruß aus der Hölle. In der ihr Vater Werner Junge saß, lange bevor die Pfarrerin geboren war.

Barop

, 16.05.2019 / Lesedauer: 3 min

Erst waren es nur Karten, die ein Deutscher im Jahr 1948 aus einem Lager in Sibirien an seine Cousine schrieb. Es sind Dokumente voller Trauer und Hoffnungslosigkeit. Für Werner Junge, der damals 36 Jahre alt war, schien das Leben, das vor dem Krieg kaum begonnen hatte, zu Ende.

Doch der Mann, der auf knapp bemessenem Raum den Tod seiner Frau in der Heimat betrauert und sich um seine Mutter sorgt, hatte noch ein langes Leben vor sich: Er wurde 97 Jahre alt. Er war ein geachteter Lehrer, zuletzt Schulleiter der Eierkampschule in Barop. In dem Gebäude ist heute die Mira-Lobe-Schule.

Fund im Müll am Borsigplatz

Gefunden wurden die Karten im Müll, am Borsigplatz. Eine Frau, die dort in einer Apotheke arbeitete, fand die Briefe zusammen mit anderen alten Dokumenten und brachte sie ihrem Vater, dem Mengeder Walter Kunze: Der sammelt seit Jahrzehnten Briefmarken, aber auch Dokumente aus alten Zeiten. Bei ihm ruhten die Briefe, bis er sie unserer Zeitung zeigte. Und bis Angela Dicke davon las und darin ihren Vater wiedererkannte.

Absender: „UdSSR Lager“

Dass ihr Vater die Briefe schrieb, ist unstrittig. Fast ehrfürchtig nimmt sie die alten Karten in die Hand und liest die Anrede: „Liebe Frieda!“ und als Absender: „UdSSR Lager“. „Ist das nicht schrecklich“, sagt sie und wundert sich über die akkurate Druckschrift, die so gar nichts mit der ausdrucksstarken Schrift zu tun hat, die sie als Kind oft nur mit Mühe entziffern konnte. Aber die Unterschrift „Werner“, die kennt sie. Der unbekannte Kriegsgefangene ist ihr Vater.

Was sie über die Kriegsgefangenschaft weiß? Wenig. Der Vater hat nicht viel erzählt. Aber sie weiß, dass er im Lager ein Streichorchester gegründet hat, Werner Junge spielte Geige. Zwei seiner Mitmusiker blieben ihm als Freunde bis fast zum Ende seines Lebens. „Mit der Musik haben sie sich emotional über Wasser gehalten“, sagt Angela Dicke.

Grauen der Kriegsgefangenschaft

Angela Dicke weiß auch, dass vieles andere grauenhaft war. Von Scheinexekutionen sprach er. Und dass er statt Schuhen nur Lappen mit Lederriemen hatte und so als Waldarbeiter Bäume fällen musste. Von Tschechien bis Russland waren die Gefangenen 2000 Kilometer zu Fuß gegangen. Die Knobelbecher waren danach kaputt. Andere Schuhe gab es von den russischen Siegern nicht. „Wie die das emotional überstanden haben, ist mir ein Rätsel“, sagt Angela Dicke. Sie kennt sich aus mit Grenzerfahrungen, arbeitet als Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde Dortmund-Südwest.

Lehrerseminar in Duisburg

Über das Leben ihres Vaters in der Heimat weiß sie mehr: Er war in Duisburg im Lehrerseminar, wohnte bei seiner Cousine Frieda, der er später die anrührenden Briefe schrieb. Aus dem Seminar wurde er eingezogen, durfte seiner Mutter in Dortmund nicht mehr Lebewohl sagen. „Das hat ihm das Herz gebrochen“, sagt Angela Dicke. Sie hat ihren Vater als sehr gefühlvollen Mann erlebt. An eine Heimkehr glaubte er 1948 nicht mehr.

1949 dann die späte Heimkehr, Ankunft am Dortmunder Hauptbahnhof. Werner Junge erkannte nichts wieder. „Er hat sich nach den Kirchtürmen den Weg nach Barop gesucht“, sagt Angela Dicke. Und fand das Elternhaus unversehrt, die Mutter lebte, die Schwester auch und viele Verwandte. „Das war schon irreal“, sagt Angela Dicke. Hoffnung auf persönliches Glück hatte er damals nicht. Und fand es doch im Lehrerseminar: Dort lernt er seine zweite Frau Waltraut kennen. 1952 kam die erste Tochter Ulrike, 1956 wurde Angela geboren, 1959 kam noch Christiane.

Familienmensch

Ein Glück für Werner Junge. Der Familienmensch blühte auf im Spiel mit den Kindern, war ein beliebter Lehrer und Gartenfreund. Los ließen ihn die Schatten der Kriegsgefangenschaft nie: Doch es waren 50 glückliche Jahre, von denen der hoffnungslose Mann aus dem Lager nicht zu träumen gewagt hatte.

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