Anschlag von Halle: Jüdische Gemeinde in Dortmund gibt AfD Mitschuld

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Nach dem tödlichen Angriff in Halle vor einer Synagoge ist die Jüdische Gemeinde in Dortmund alarmiert. Der Vorsitzende der Gemeinde sieht die AfD mit in der Verantwortung für das Grauen.

Dortmund

, 10.10.2019, 17:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die tödlichen Schüsse in Halle/Saale mit vermutlich rechtsextremistischem Hintergrund haben auch bei der Jüdischen Gemeinde in Dortmund Besorgnis ausgelöst. Hier hatte die Polizei ohnehin am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur die Sicherheitsmaßnahmen rund um die Synagoge verstärkt und nach dem Anschlag – wie überall im Land – noch mal intensiviert, doch die Mitglieder der Gemeinde sind dünnhäutig.

Wie aus dem Kreis von Gemeindemitgliedern zu erfahren war, sei damit zu rechnen, dass bei den nächsten Gottesdiensten weniger Menschen in die Synagoge kämen.

„Die Ängste sind jetzt aufgekommen“, bestätigt Wolfgang Polak vom Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde Dortmund – auch vor dem Hintergrund der aktiven Nazi-Szene in der Stadt. Die Stimmungslage in der Gemeinde sei „deprimierend und sehr schlecht“, so Polak. Mehr wolle er dazu eigentlich nicht sagen.

Geistige Brandstifter

Allerdings sagt er dann doch, wen er als geistigen Brandstifter für mitschuldig an dem Anschlag hält: „Wenn die AfD solche Leute wie Björn Höcke auf dem Podium hat und ihm solch eine Plattform bietet, wenn sie das zulässt, sieht man, was das für ein Verein ist.“ Die Dortmunder müssten sich dazu äußern, „nicht wir“, meint der Gemeindevorstandsvorsitzende. Er wolle sich da ganz raushalten.

Baruch Babaev, Rabbiner der Dortmunder Gemeinde, schrieb in der Nacht zu Donnerstag auf Facebook, die Mitglieder der Kultusgemeinde seien „zutiefst erschüttert über den antisemitischen und menschenfeindlichen Angriff und Mord in Halle“. Heute in einem Monat gedenke man zum 81. Mal der Reichspogromnacht. „Damals wurden tausende Synagogen verbrannt, Menschen ermordet oder verschleppt. Verschwenden wir keine Zeit mit Debatten und der Frage ,wie konnte es nur soweit kommen‘. Es ist höchste Zeit zu handeln.“

Erst vor zehn Tagen antisemitische Parolen in der Nordstadt

Erst am 30. September, dem jüdischen Neujahrsabend, waren Neonazis durch die Nordstadt gezogen. Sie skandierten Parolen wie „Palästina hilf uns doch – Israel gibt‘s immer noch.“

Solidarisch mit den jüdischen Gemeinden erklärt sich auch der Dortmunder Kreisverband der Grünen. In einer Stellungnahme heißt es: „Die Angriffe und Morde von Halle, jeder Angriff auf jüdische Menschen und Einrichtungen sind Angriffe auf uns alle und auf die Werte unserer freien Gesellschaft. Antisemitismus ist deshalb mit aller Kraft und Härte zu bekämpfen, auch in Dortmund. Es ist nicht hinnehmbar, dass auch in Dortmund Neonazis immer wieder mit antisemitischen Parolen und dem Ruf „Nie wieder Israel“ durch die Straßen ziehen. Diese Rufe sind der verbale Aufruf für antisemitische Taten und Täter in Halle oder sonst wo.“

Die Grünen fordern alle Verantwortlichen auf, „dies mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu unterbinden. Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit dürfen nirgendwo, nicht in Deutschland, nicht in Dortmund, einen Platz haben.“

Spontandemo in der City

Noch am Mittwochabend hatte es nach dem Anschlag in Halle eine Spontandemo gegen Antisemitismus in der Dortmunder City gegeben. Mehr als 100 Menschen zogen durch die Innenstadt zum Platz der Alten Synagoge.

Auch das Netzwerk zur Bekämpfung von Antisemitismus in Dortmund schrieb auf Facebook: „Es kann nicht sein, dass im Jahr 2019 noch immer Menschen in Deutschland wegen ihres Glaubens Angst haben und ihre religiösen Stätten von der Polizei geschützt werden müssen – in Dortmund und anderswo.“ Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, gegen Antisemitismus, Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit einzutreten.

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