Spaziergänger, Jogger, Radfahrer: Im Stadtwald Bittermark suchen derzeit viel mehr Dortmunder als sonst Erholung und gehen ihren Hobbys nach. © Michael Schuh
Coronavirus

Ansturm auf Dortmunds Wälder: Die Menschen strömen im Lockdown in die Natur

In Dortmunds Wäldern sind dreimal mehr Menschen unterwegs als vor dem Lockdown. Der Regionalforstamt-Leiter appelliert an Spaziergänger, Radfahrer und Reiter, Rücksicht aufeinander zu nehmen.

„Frieden findet man nur in den Wäldern“, befand einst Michelangelo. Seit der italienische Künstler diese Weisheit zu Papier brachte, hat sich allerdings einiges verändert: Es sind nicht nur 500 Jahre vergangen, sondern auch das Coronavirus hat sich weltweit breit gemacht.

Und von dem Frieden, den Michelangelo in der Natur suchte, kann an einem Samstagmittag Mitte Januar 2021 im Dortmunder Stadtwald Bittermark kaum mehr gesprochen werden – Spaziergänger, Jogger, Fahrradfahrer und Reiter sorgen für ordentlich Gedränge.

Peter Bergen, Leiter des Regionalforstamtes Ruhrgebiet, bittet die zahlreichen Waldbesucher um gegenseitige Rücksichtnahme.
Peter Bergen, Leiter des Regionalforstamtes Ruhrgebiet, bittet die zahlreichen Waldbesucher um gegenseitige Rücksichtnahme. © Privat © Privat

„Ich schätze, dass dreimal mehr Menschen in den Wäldern unterwegs sind als vor dem Lockdown“, sagt Peter Bergen, Leiter des Regionalforstamtes Ruhrgebiet. „Es wird enger.“

Natürlich habe er nichts dagegen, wenn es die Menschen aufgrund fehlender Alternativen in die Wälder zieht: „Aber sie sollen sich bitte an die Regeln halten.“

Das sieht Sonja Schlamp, die seit Jahren regelmäßig mit Nicole Giesing und den vier Hunden Nelly, Perro, Alwa und Charlie in der Bittermark ihre Runden dreht, ähnlich: „Man begegnet vielen Leuten, die man ansonsten nie gesehen hat.“

Krankenkassen-Verschwörung

Und mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu: „Wahrscheinlich werden wir eine Generation von gesunden Menschen, weil alle ein Jahr lang spazieren gegangen sind. Vielleicht handelt es sich bei Corona ja um eine Verschwörung der Krankenkassen, die so Geld sparen wollen.“

Nicole Giesing (l.) und Sonja Schlamp, die regelmäßig mit ihren Hunden im Wald unterwegs sind, befürchten, dass viele Menschen sich in Lockdown-Zeiten unüberlegt einen Vierbeiner zugelegt haben.
Nicole Giesing (l.) und Sonja Schlamp, die regelmäßig mit ihren Hunden im Wald unterwegs sind, befürchten, dass viele Menschen sich in Lockdown-Zeiten unüberlegt einen Vierbeiner zugelegt haben. © Michael Schuh © Michael Schuh

Durchaus ernster meint Schlamp es indes, wenn sie von sogenannten „Corona-Hunden“ spricht, die nun überall zu sehen seien. Viele Leute hätten sich in Zeiten von Homeoffice und Lockdown unüberlegt einen Vierbeiner zugelegt: „Momentan haben sie Zeit für das Tier, aber wir reden hier über eine Lebensdauer von 13, 14, 15 Jahren. Ich gehe davon aus, dass es in einem Jahr jede Menge Tierschutz-Hunde geben wird.“

Weniger Senioren unterwegs

Auch Nicole Giesing hat bemerkt, dass der Wald spürbar voller ist als vor der Pandemie, verweist aber auch auf Gruppen, die man – im Gegensatz zu früher – derzeit nicht im Wald antreffe: „Die Bewohner aus dem nahen Seniorenheim sieht man gar nicht mehr. Ebenso wenig wie den Lauftreff, in dem jede Menge Sportler als Gruppe unterwegs waren. Das ist momentan ja verboten.“

Marion und Ralf Voelzkow gehören zu jenen Dortmundern, die während des Lockdowns schweren Herzens auf kulturelle Angebote verzichten müssen und deshalb nun häufiger an unterschiedlichen Orten spazieren gehen.

Der aktuellen Situation kann Ralf Voelzkow sogar etwas Positives abgewinnen: „Auf diese Weise entdecken wir immer wieder Neues in unserer Stadt.“

Erfreulicher Nebeneffekt

Auch ihnen ist aufgefallen, dass die Wälder nun voller sind als zu Zeiten, in denen das Virus das Leben noch nicht prägte. Einen Grund zur Kritik sieht Marion Voelzkow im geschäftigen Treiben in der Natur aber nicht: „Wenn wir spazieren gehen, können andere das gerne auch machen.“

Da es kaum kulturelle Veranstaltungen gibt, sind Marion und Ralf Voelzkow nun vermehrt im Wald unterwegs. So lernen sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch neue Menschen kennen.
Da es kaum kulturelle Veranstaltungen gibt, sind Marion und Ralf Voelzkow nun vermehrt im Wald unterwegs. So lernen sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch neue Menschen kennen. © Michael Schuh © Michael Schuh

Für die Dortmunderin hat der Betrieb im Wald zudem einen erfreulichen Nebeneffekt: „Man kommt immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die man ansonsten nicht kennenlernen würde.“ Ein Haar in der Suppe findet sie letztlich aber doch: „Vorhin bin ich fast von einem Fahrrad angefahren worden. Die Radfahrer sollten Rücksicht nehmen.“

„Wir brettern nicht“

Das sehen Sandra Temme-Schäffer und Claudia Temme, die mit dem E-Bike aus Schwerte in die Bittermark gefahren sind, genauso – und sie würden das Gebot der Rücksichtnahme auch beherzigen.

„Wir brettern nicht“, sagt Temme-Schäffer, die ihrerseits mit vierbeinigen Waldbesuchern weniger gute Erfahrungen gemacht hat: „Wenn frei laufende Hunde einem vors Rad laufen, ist das gefährlich. Einen Hund sollte man nur von der Leine lassen, wenn er auch hört.“

Sandra Temme-Schäffer und Claudia Temme sind nach längerer Zeit erstmals wieder aus Schwerte in die Bittermark gefahren. Und haben einen gravierenden Unterschied bemerkt: „Im Winter waren wir hier früher fast allein.“
Sandra Temme-Schäffer und Claudia Temme sind nach längerer Zeit erstmals wieder aus Schwerte in die Bittermark gefahren. Und haben einen gravierenden Unterschied bemerkt: „Im Winter waren wir hier früher fast allein.“ © Michael Schuh © Michael Schuh

Dass in den Wäldern rund um das Mahnmal Bittermark derzeit deutlich mehr los ist als in der Vergangenheit, kann Claudia Temme nur bestätigen: „Wir waren schon länger nicht mehr in dieser Gegend. Wenn man früher im Winter hier herfuhr, dann war man quasi allein.“

Sarah und Benjamin Huhn sind mit ihren Söhnen diesmal in der Bittermark unterwegs. Im Dortmunder Westen, ihrer Heimat, ist es nämlich mindestens ebenso voll.
Sarah und Benjamin Huhn sind mit ihren Söhnen diesmal in der Bittermark unterwegs. Im Dortmunder Westen, ihrer Heimat, ist es nämlich mindestens ebenso voll. © Michael Schuh © Michael Schuh

Sarah und Benjamin Huhn gehen häufig mit ihren Söhnen Fabio (3) und Elias (2 Monate) spazieren und sind diesmal aus ihrem Stadtteil Huckarde in den Dortmunder Süden gekommen, um eine neue Strecke auszuprobieren.

Denn auch im Dortmunder Westen sei momentan merklich mehr los, sagt der Familienvater: „Die Spielplätze in Wichlingen sind komplett dicht.“

Bei den Spaziergängen mit ihrem Hund Arthos stellte Rebecca Lausen fest, dass momentan selbst auf den Feldwegen viel los ist.
Bei den Spaziergängen mit ihrem Hund Arthos stellte Rebecca Lausen fest, dass momentan selbst auf den Feldwegen viel los ist. © Michael Schuh © Michael Schuh

Aber voll seien nicht nur die Wälder, sondern selbst die Feldwege rund um Dortmund, erläutert Rebecca Lausen, die mit ihrem Briard-Schäferhund-Mischling Arthos regelmäßig in der Natur spazieren geht. „In Zeiten des Lockdowns erinnern Wälder und Felder ein bisschen an ein Fitnessstudio unter freiem Himmel. Abstand halten ist da manchmal kaum möglich.“

Rücksicht nehmen auf Mensch und Tier

  • Regionalforst-Leiter Peter Bergen wünscht sich, dass Spaziergänger, Radfahrer, Hundeführer oder auch Reiter Rücksicht aufeinander nehmen.

  • Damit auch das Wild in den heimischen Wäldern nicht über Gebühr gestresst wird, bittet er die Menschen, auf den Wegen zu bleiben. In Naturschutzgebieten herrsche ohnehin ein Wegegebot.

  • Mountainbiker dürften die Wege generell nicht verlassen, erläutert der Experte. „Und gerade bei Radfahrern bemerken wir ein vermehrtes Aufkommen, da sich im Jahr 2020 offenbar viele Leute ein Fahrrad zugelegt haben.“
  • Einen leichten Zuwachs bemerkt Bergen auch beim Müll, der im Wald zurückgelassen wird: „Momentan sind das vor allem Taschentücher – und tatsächlich auch Masken.“ Auch hier appelliert er an die Vernunft der Waldbesucher: „Werfen Sie den Müll bitte nicht einfach weg.“
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