Anzahl der Suizide im Alter steigt in Dortmund

Vom Tabu zum Thema

Am Ostermontag erschütterten zunächst Schüsse die Bredowstraße in Neuasseln, dann das Schicksal dahinter die ganze Stadt: Offenbar hat ein altes Ehepaar versucht, sich selbst zu töten. Kein Einzelfall: 36 von 90 Dortmunder Suizid-Toten im Jahr 2011 waren älter als 65 Jahre. Ein Tabu-Thema.

DORTMUND

von Von Felix Guth

, 11.04.2012, 07:35 Uhr / Lesedauer: 2 min
Anzahl der Suizide im Alter steigt in Dortmund

Nach den Schüssen am Ostermontag eilte ein Großaufgebot an Rettungskräften zur Bredowstraße nach Neuasseln. Das alte Ehepaar überlebte den Suizidversuch zunächst schwer verletzt

Hilfe in Dortmund gibt es unter anderem bei diesen Stellen: „Krisenzentrum“ in Wellinghofen (Tel. 43 50 77), psychiatrische Ambulanzen in Brackel, Hombruch und Lütgendortmund, Sozialpsychiatrischer Dienst der Stadt (Tel. 5 02 25 34), Seelsorger in Kirchengemeinden oder bei ehrenamtlichen Angeboten wie „ZWAR“ („Zwischen Arbeit und Ruhestand“).

Eine „Kette aus Enttäuschungen und Demütigungen“ nennt Johannes Ketteler den Weg in die Alters-Depression. Diese Kette hat viele Glieder. Durch körperliche Probleme schwindet frühere Mobilität. Der Tod von Freunden und Familienangehörigen hinterlässt Narben. Dazu kommen materielle Einbußen und Geldnot. Und schließlich der Verlust von sozialer Freiheit, das Gefühl von Abhängigkeit, Isolation, Vereinsamung. Wer in diese Spirale hinein gerät, für den wirkt der Selbstmord häufig als einziger logischer Ausweg. „Die Planung ist ein letzter autonomer Schritt mit einer erstaunlichen Klarheit“, sagt Ketteler. 60 Prozent der Opfer sind Männer.

Die Zahlen steigen stetig – auch, weil der immer älter werdende Mensch den Verlust von Selbstständigkeit immer bewusster erlebt, wissen die Experten. Die Psyche altere mit. Sich rechtzeitig mit diesem Prozess auseinanderzusetzen, ihn aktiv zu gestalten, helfe. Aber das Risiko für Depressionen steige im Alter, jeder Vierte über 65-Jährige ist laut Ketteler potenziell gefährdet. „Häufig werden die psychischen Erkrankungen zu spät erkannt“, sagt Dr. Barbara Reiter, Oberärztin an der Gerontopsychiatrischen LWL-Tagesklinik in Brackel mit rund 140 Patienten pro Jahr.Häufig beginnen die Probleme nach dem Ausstieg aus dem Beruf, sie können aber auch im hohen Alter noch auftreten. „Psychotherapie kann in jeder Lebensphase wirken. Sie macht wieder klar, dass die Leistungsfähigkeit höher ist, als die Patienten glauben“, sagt Reiter.

Das Problem: Wie kommt die Hilfe zu denen, die sie benötigen? „Es gibt bei älteren Menschen hohe Hürden, etwas anzunehmen“, sagt Johannes Ketteler. Zugleich fehlt vielfach auch Wissen. Dadurch wird das Thema umso mehr zu einer gesellschaftlichen Aufgabe. „Ob es einen angemessenen Platz für alte Menschen gibt, ist eine Grundfrage“, meint Ketteler. Eugen Brysch benennt es konkret: „Wir brauchen ein offizielles Amt für Altenpflege.“ Denn hinter jedem der fast 40 Fälle in 2011 steht die bittere Erkenntnis: Hier kam jede Hilfe zu spät.

Hilfe in Dortmund gibt es unter anderem bei diesen Stellen: „Krisenzentrum“ in Wellinghofen (Tel. 43 50 77), psychiatrische Ambulanzen in Brackel, Hombruch und Lütgendortmund, Sozialpsychiatrischer Dienst der Stadt (Tel. 5 02 25 34), Seelsorger in Kirchengemeinden oder bei ehrenamtlichen Angeboten wie „ZWAR“ („Zwischen Arbeit und Ruhestand“).

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