Aplerbecker Politiker ringen um Entscheidung über Canarisstraße

rnNS-Vergangenheit

Soll ein Zusatzschild erklären, nach wem die Aplerbecker Canarisstraße benannt ist: Dem Ex-Hüttenchef oder dem Nazi-Admiral? Vor dieser Entscheidung stand die Aplerbecker Bezirksvertretung.

Aplerbeck

, 06.12.2018, 04:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Canarisstraße erhitzt die Gemüter. Schon lange. Ist sie nun nach dem ehemaligen Leiter der Aplerbecker Hütte, Carl Canaris, benannt oder nach seinem Sohn, Admiral Wilhelm Canaris, der unter Hitler Geheimdienst-Chef war, aber später als Widerstandskämpfer gehängt wurde? Wilhelm Canaris ist eine Figur der Zeitgeschichte, an der sich die Geister scheiden. Opfer oder Täter?

Die Bezirksvertretung (BV) wollte Nägel mit Köpfen machen und beschließen, die Straße mit einem Legendenschild auszustatten, das dem Vater, dem ehemaligen Leiter der Aplerbecker Hütte, Carl Canaris gewidmet ist.

In die Februarsitzung geschoben

Doch die Entscheidung darüber wurde verschoben – in die Februarsitzung 2019. Einer der Gründe wird die Darstellung von Dr. Georg Eggenstein gewesen sein. Der erste Vorsitzende des Aplerbecker Geschichtsvereins war als Sachverständiger zur Sitzung eingeladen, um die Figur Wilhelm Canaris näher zu beleuchten.

„Die Frage mit der Canarisstraße ist ja in der Tat nicht neu. Ich denke, dass diese Straßenbenennung immer eine politische Bedeutung gehabt hat“, sagt Eggenstein. Schon vor neun Jahren war der Straßenname Thema in der BV, und auch damals ging es darum, ob Admiral Wilhelm Canaris würdig sei, dass eine Straße nach ihm benannt werde. „Und in der Tat ist das eine wichtige Frage, da es sich hier um eine zeitgeschichtlich sehr bedeutende Person handelt“, sagt Georg Eggenstein.

Der Namensgeber ist unbekannt

Das Kuriose an dem Straßennamen ist, dass die Anwohner immer davon ausgegangen sind, dass die Straße nach Carl Canaris benannt war. Das machte der SPD-Fraktionsvorsitzende Jan Gravert noch einmal deutlich, der in der Straße aufgewachsen ist.

Kommentar - Warum muss man sich festlegen?

Es ist ein spannendes Thema – keine Frage. Ein Thema, bei dem man sich nicht nur Freunde macht, wenn man seine Meinung äußert. Ich mach’s trotzdem. Lasst alles, wie es ist. Die Canarisstraße soll Canarisstraße bleiben. Einfach so, ohne Legendenschild. Warum muss man sich festlegen? Carl oder Wilhelm, eigentlich schnuppe, mir zumindest. Nicht schnuppe ist mir die Diskussion darüber. Die finde ich wichtig. Denn an dem Namen Wilhelm wird man sich immer wieder reiben – auch die nächsten Generationen. Und das ist gut so. Der kritische Umgang mit der Vergangenheit muss allgegenwärtig bleiben. Mit einem Legendenschild mit dem Namen Carl Canaris ist der an dieser Stelle verloren.

„Auch von Erzählungen meiner Großeltern war für mich immer klar, dass die Straße nach dem Leiter der Aplerbecker Hütte benannt worden ist und nicht nach dem Admiral“, sagt Gravert. Und deshalb solle dem gefühlten Willen der Bürger auch nachgekommen und das Legendenschild mit dem Namen Carl Canaris angebracht werden.

Das sieht Georg Eggenstein völlig anders. „Für uns als Geschichtsverein war eigentlich immer klar, dass die Straße nach Admiral Wilhelm Canaris benannt ist.“ Und daher solle das Legendenschild den Namen Wilhelm tragen. „Das ist politisch völlig unproblematisch“, so Eggenstein. „Er ist in deutlicher politischer Polarität zu den Nazis gewesen und am Ende auch hingerichtet worden.“

Kein abschließendes Urteil

Man solle vor dem Thema nicht die Augen verschließen, sondern sich der Geschichte stellen. Und was nun? „Es geht uns nicht darum, ein historisch-politisches Urteil über Wilhelm Canaris zu fällen. Sondern es geht darum, den Straßennamen so zu verorten, wie er in der Bevölkerung empfunden wird. Also sollten wir das Legendenschild mit dem Namen Carl beschließen“, sagt Benjamin Beckmann (Grüne).

Nur, das scheinbar schnelle Beschließen des Legendenschildes, klappte dann nicht. Die BV-Mitglieder konnten kein Urteil über Canaris fällen und wollten das auch nicht. Aber das Thema Wilhelm Canaris einfach zu den Akten legen, wollten die Politiker auch nicht. Die Diskussion in Aplerbeck geht weiter – im Jahr 2019.

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