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Apotheker fühlen sich im Notdienst ausgenutzt: „Komme mir vor wie ein Pizzaservice“

rnApotheken-Notdienst

Apotheker Michael Mantell hat mit einem spitzen Kommentar gegen die Rosinenpickerei der Online-Shopper ein starkes Echo entfacht. Im Notdienst komme er sich vor wie ein Pizzaservice.

Dortmund

, 15.08.2018 / Lesedauer: 3 min

24 Stunden war Michael Mantell, Vorsitzender des Dortmunder Apothekenvereins, am vergangenen Wochenende im Einsatz. Und das nach einer ganz normalen Arbeitswoche. Schon am Sonntagmittag waren die Läusemittel ausverkauft. Kinder kommen offenbar mit unliebsamen Mitbewohnern aus der Ferienfreizeit. „Zum Glück konnte ich aus der Apotheke meines Sohnes Nachschub besorgen“, sagt der Inhaber der Hörder Stifts-Apotheke.

Der engagierte Pharmazeut setzt sich mit Herz und Seele für die Patienten ein, die teilweise in höchster Not nachts und an Sonn- oder Feiertagen bei ihm anschellen. „Eine wohnortnahe, unverzügliche, sichere Arzneimittelversorgung gehört zu unseren Aufgaben“, sagt er. „Aber das Anspruchsdenken ärgert mich.“

Nasenspray wird am häufigsten nachgefragt

„Die Kunden denken, ,die sind ja eh da‘ und berücksichtigen nicht, dass wir diesen Dienst zusätzlich machen.“ Nach dem Juicy-Beats-Festival im Westfalenpark beispielsweise gaben sich die Nachteulen die Klinke in die Hand: Kopfschmerztabletten und Nasenspray waren die meistverkauften Produkte.

Nasenspray gehöre überhaupt zu den Rennern im Notdienst - nicht gerade ein überlebenswichtiges Medikament. „Aber viele können ohne gar nicht mehr schlafen“, weiß Mantell. Dabei sollten die Sprays eigentlich nicht länger als eine Woche am Stück verabreicht werden.

Kunden kommen mit lapidaren Problemen

Ein Kunde schellte nachts um 3 Uhr, um eine Salbe gegen Fußpilz zu erwerben. „Ich habe gefragt, ob ihm das nachts erst aufgefallen ist, da hat er gesagt: ,Ich fahre morgen in Urlaub.‘“ Es sei eben selbstverständlich, den Dienst der Apotheker in Anspruch zu nehmen. In der Notaufnahme in den Kliniken laufe das ähnlich oder sogar noch schlimmer. „Das hängt unmittelbar zusammen.“ Dabei sei es eben keinesfalls so, dass die Apotheker nur auf Kundschaft warten und froh sind, etwas zu tun zu haben.

Markus Mießner von der Linda-Petri-Apotheke in der Potgasse in der Innenstadt zeichnet ein etwas anderes Bild. Bei ihm stehen in der Regel tatsächlich Notfälle vor der Klappe in der Automatiktür. „Das liegt wahrscheinlich an der Nähe zu den Kliniken“, vermutet er. Etwa alle 20 Minuten wird der Apotheker im Nachtdienst herausgeschellt, ab zwei bis drei Uhr werde es meist etwas ruhiger. Die Kunden brauchen Antibiotika oder müssen Verletzungen, Durchfall und Allergien behandeln. Stark gefragt sei nachts auch die „Pille danach“.

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Mantell erinnert sich an einen Feiertag in der Erkältungszeit, an dem er 380 Kunden versorgen musste. Normalerweise klingeln etwa 25, wie ein Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe sagt.

Etwa neun Mal im Jahr muss Michael Mantell so wie alle anderen Apotheker im Kammerbezirk eine lange Notdienst-Schicht schieben. Sie ist für die klassischen Fälle gedacht - hohes Fieber, Pseudokrupp, Asthma oder Allergien. Nicht für Kondome, Zahncreme oder Tampons. „Alles, was mit Kindern zu tun hat“ findet Mantell gerechtfertigt. Auch die „Pille danach“ sei ein Notfall, denn die sollte so schnell wie möglich eingenommen werden.

„Das nenne ich Beratungsdiebstahl“

Wenn aber Kunden anrufen und entrüstet fragen „Liefern Sie denn nicht?“, dann ist der Apothekenvereins-Vorsitzende schon etwas fassungslos. „Ich komme mir manchmal vor wie ein Pizzaservice.“ In solchen Fällen rät er dazu, ein Taxi zu schicken. „Aber es sind viele Smart-Shopper unterwegs, für die Geiz geil ist.“ Sie ließen sich in der Apotheke umfassend beraten, um sich mit einem lapidaren „Ich überleg´s mir nochmal“ zu verabschieden und das Produkt ein paar Cent billiger im Online-Handel zu bestellen. „Das nenne ich Beratungsdiebstahl.“

Mantell betont, wie wichtig ihm die sichere Versorgung der Menschen ist. Er wolle sich auch nicht über die Notdienste beklagen, nur über die Ungerechtigkeit. Die Apotheke vor Ort sei der Notnagel für die Kunden der Versand-Apotheken, die sich nicht an dem System beteiligen. „Ohne unseren Service und Dienste könnten wir auch bessere Preise machen.“ Wenn Apotheken erst einmal geschlossen werden, sei es zu spät.

Die Zahl der Apotheken in Dortmund ist seit 2003 um fast ein Viertel gesunken, von 160 auf 122, teilt die Apothekerkammer mit. Das heißt auch, dass die Anzahl der Notdienste, die jede Apotheke leistet, tendenziell steigt.
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