Arzt holt amputierten Soldaten nach Dortmund

Ukraine-Krieg

Auf eigene Faust geholfen: Ein Oberarzt des Klinikums Dortmund hat einen schwer verwundeten Soldaten aus der Ukraine nach Dortmund geholt. Oleksander Krotyk hat mit Mühe und Not einen Angriff auf seine Einheit überstanden. Jetzt liegt er im Klinikum.

DORTMUND

21.10.2014, 15:56 Uhr / Lesedauer: 2 min
Oberarzt Dennis Prokofiev (l.) holte Unteroffizier Oleksander Krotyk nach Dortmund. Untzerstützt wird er von Prokofievs Frau Alina Anbinder.

Oberarzt Dennis Prokofiev (l.) holte Unteroffizier Oleksander Krotyk nach Dortmund. Untzerstützt wird er von Prokofievs Frau Alina Anbinder.

Dennis Prokofiev (34) ist am Klinikum Oberarzt in der Urologie. Als er vor Monaten Bilder vom Kriegsgeschehen in seiner Heimat Ukraine sah, fasste er den Entschluss: Er wollte helfen. Möglichst ohne Vereine, Hilfskonvois, große Organisationen. Prokofiev hatte Angst, dass die Hilfe sonst in dubiose Hände gerät.

Über einen Bekannten kommt er mit Soldat Oleksander Krotyk (21) in Kontakt. Krotyk wurde bei einer Attacke der pro-russischen Separatisten der Unterschenkel so schwer verletzt, dass er amputiert werden musste. Wenn Krotyk von seiner Verwundung berichtet, wähnt man sich im Drehbuch eines Kriegsfilms. Es war der 11. Juli, 4.30 Uhr: Mit seiner Einheit liegt der Kriegsfreiwillige 21-Jährige nahe der Stadt Luhansk im Osten der Ukraine. Plötzlich schlagen Raketen ein, über den Köpfen der Soldaten explodieren Geschosse. Als Krotyk aufstehen will, fällt er immer wieder hin. Es dauert bis er begreift: Sein Unterschenkel wurde weggeschossen. Schmerzen verspürt er nicht, sein Körper steht unter Schock.

Der 21-Jährige sucht seinen Unterschenkel, robbt dann mit seinem halben Bein in der Hand unter einen Panzer, als die nächste Feuerwalze über die Stellung hinweg rollte. Eine Rakete setzt den Panzer in Brand. Auf Ellenbogen kriecht Krotyk hervor, vorbei an Leichen. 129 Soldaten sterben nach seinen Angaben bei dem Angriff. Überlebende legen ihn auf eine Trage, nehmen ihn mit zu einem der wenigen Wagen, die noch fahrtüchtig sind.  Während der zweistündigen Fahrt ins nächste Feldlazarett ist der Konvoi fortlaufend unter Beschuss. Erst im Lazarett und damit rund vier bis fünf Stunden nach dem ersten Angriff spürt Krotyk schließlich Schmerzen. Die Ärzte binden ihm notdürftig mit einem Gürtel das Bein ab. Von dort kommt er dann letztlich über ein weiteres Lazarett in das 500 Kilometer westlich entfernte Winnyzja. Es folgten dort acht Operationen in drei Wochen.

Jetzt kommt der Dortmunder Oberarzt Dennis Prokofiev ins Spiel. Über einen Bekannten gelangt er an Krotyk. Die Geschäftsführung des Klinikums und Prokofievs Chef, Prof. Dr. Michael Truß stimmen zu. Ein Bett im Klinikum ist für die Zeit der Prothesenanpassung in Deutschland sicher. Die Orthopädie-Technik-Firma Zieger spendet die Prothese. Seit dem 14. Oktober ist Oleksaner Krotyk nun in Dortmund. Inzwischen hatte er bereits mehrere Anproben mit der neuen Prothese und ist auch schon erste Schritte gelaufen. Andere Menschen in Dortmund, die ebenfalls aus der Ukraine stammen, haben über Facebook von dem Soldaten erfahren und unterstützen ihn. Einer geht mit ihm in den Park, ein anderer hat ihm sein Laptop geliehen, damit er per Skype nach Hause telefonieren kann. Knapp eine Woche wird Krotyk noch in Dortmund bleiben.

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