Arztpraxis in Dortmund verkauft Krankschreibung ohne Untersuchung – für 2 Euro

rnIllegaler Service

Wer einen Krankenschein will, ohne wirklich krank zu sein, kann ihn sich bei manchen Ärzten einfach erkaufen. In einer Praxis in Dortmund dauerte unser Test keine zwei Minuten.

Dortmund

, 15.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Arztpraxen sind gerade in der Grippesaison häufig überfüllt. Das Personal muss Dutzende kranke Akut-Patienten versorgen. Mindestens eine Arztpraxis im Dortmunder Norden greift dabei zu illegalen Mitteln - und gibt Krankenscheine ohne Untersuchung heraus. Ohne Fragen, gegen eine Barzahlung.

Nach einem entsprechenden Hinweis machte unsere Redaktion den Undercover-Test: Im Treppenhaus zur Arztpraxis herrscht vormittags am Donnerstag, 14. November, um kurz vor 11 Uhr reger Verkehr. Am Empfang bildet sich eine Schlange, die aber sehr schnell abgearbeitet wird. Nach kurzem Austausch verlassen die Patienten die Praxis direkt wieder.

Den Zeitraum der Krankschreibung kann man sich aussuchen

Unsere Testperson, weiblich, 23 Jahre alt, sagt der Angestellten, dass sie für die Uni eine Krankschreibung für zwei Tage brauche. „Heute und morgen?“, fragt die Frau hinter dem Schalter, nimmt die Versichertenkarte entgegen - und stellt schon die Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung (AU) aus. Ohne zu fragen, welche Beschwerden die Patientin überhaupt hat.

Nach zwei Minuten und dem Hinweis: „2 Euro, bitte!“, verlassen wir die Praxis bereits wieder. Den Arzt sehen wir überhaupt nicht.

Schulleiter hat schon bei verdächtigen Ärzten angerufen

Einige Schulen sind von der Anfrage unserer Redaktion zum Thema überhaupt nicht überrascht. „Ich habe schon wegen verdächtigen Krankmeldungen bei Ärzten angerufen“, sagt Ulrich Gerdesmeyer, stellvertretender Leiter der Theodor-Heuss-Realschule in Eving: „Dort bekommt man aber keine Auskünfte über die Patienten.“

Er möchte sich mit Anschuldigungen nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, bekomme aber zum Beispiel besonders viele Krankenscheine zu Beginn und Ende der Schulferien.

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„Ich weiß, dass einige Schüler auch versuchen, Klassenarbeiten zu umgehen“, sagt Gerdesmeyer: „Es würde mich nicht überraschen, wenn die Scheine häufig vom selben Arzt kommen.“

Bislang sei ihm keine Praxis namentlich aufgefallen, er will die Entwicklung nach unserer Anfrage aber besonders im Auge behalten.

„Wir haben immer mal wieder Situationen mit einem auffälligen Verdacht“, sagt auch Dr. Dirk Bennhardt, Leiter des Helmholtz-Gymnasiums in der Nordstadt. Einmal habe er sich sogar mit der Bitte um Überprüfung eines Arztes beim Gesundheitsamt gemeldet: „Dann haben wir daraufhin aber leider nichts mehr gehört.“

In Westfalen-Lippe gibt‘s jedes Jahr etwa fünf Verdachtsfälle

Beschwerden über Dortmunder Mediziner landen bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe. „Eine AU ist ohne ärztliche Untersuchungen nicht auszustellen“, betont Sprecher Volker Heiliger. Als Ergebnis einer Untersuchung koste die AU kein zusätzliches Geld. Das Verhalten des Praxis-Personals im Falle unseres Tests sei berufsrechtlich eindeutig illegal.

Für die Bescheinigung einer Prüfungsunfähigkeit, etwa für die Universität, könnten durchaus Zusatzkosten erhoben werden - nicht aber für eine normale AU. Der Schein, den unsere Testperson erhielt, ist eine normale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.

Im Zuständigkeitsbereich der Ärztekammer - etwas mehr als die Hälfte Nordrhein-Westfalens - treten pro Jahr etwa fünf solcher Beschwerden auf. Die Ärztekammer fordert dann eine Stellungnahme des Arztes ein und spricht in der Regel Abmahnungen aus. „Sozusagen eine gelbe Karte“, so Heiliger: „Bislang blieb es immer bei Ersttätern.“

Geldstrafen bis zu 50.000 Euro sind möglich

Ärzte, die abgemahnt wurden, seien danach nicht nochmal aufgefallen. Bei wiederholtem Fehlverhalten könne man den Arzt vors Berufsgericht bringen. Geldstrafen von bis zu 50.000 Euro seien möglich.

„Es handelt sich nicht um ein Kavaliersdelikt“, sagt Volker Heiliger. AU haben zum Beispiel für Arbeitgeber einen sogenannten Beweiswert, wenn es mit dem krankgeschriebenen Angestellten zu einem Rechtsstreit kommt.

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