Aus einem Gasballon lichtet der Fotograf Tobias Klostermann die Stadt aus rund einem Kilometer Höhe ab. Einblick in eine eindrucksvolle Nachtballonfahrt über Dortmund.

von Tobias Klostermann

Dortmund

, 29.06.2018 / Lesedauer: 5 min

Eine kühle Sonntagnacht Anfang Juni. Die Sonne ist längst untergegangen und der Mond steht bereits über der taunassen Wiese, das hohe Gras wirft im Licht der Scheinwerfer lange Schatten. Ich stehe am Ballonstartplatz in Gladbeck und helfe mit beim Aufrüsten des Gasballons „Ferdinand Eimermacher“ vom „Freiballonsportverein Münster und Münsterland e.V.“, mit dem ich heute gegen Mitternacht zu meiner mittlerweile fünften Fahrt aufbreche.

Meine Vorfreude ist groß, denn ich habe heute gleich zwei Premieren: Ich fahre zum ersten Mal eine ganze Nacht hindurch und starte erstmals im Ruhrgebiet. Es ist ein lang gehegter Traum von mir, seine Lichter einmal im Dunkeln von oben zu sehen – und die Chancen stehen nicht schlecht, dass uns der Wind in dieser Nacht auch über Dortmund fahren lässt.

500 Kilogramm Sand

Bevor es losgehen kann, ist noch einiges zu tun: Der Pilot und der Verfolger kümmern sich um das Aufrüsten des Ballons und das Befüllen der Hülle mit rund 1000 Kubikmetern Wasserstoff - ein Vorgang, bei dem einige Sicherheitsmaßnahmen zu beachten sind und bei dem jeder Griff sitzen muss. Eine gute Stunde wird es dauern, bis die Ballonhülle, die jetzt noch schlaff und knitterig auf der großen Plane liegt, rund und prall über dem Weidenkorb steht. In der Zwischenzeit heißt es für mich und die beiden Mitfahrer erst einmal Sandsäcke füllen – am Ende werden es rund 500 Kilogramm Sand in über dreißig Säcken sein, die es braucht, um den Ballon im Gleichgewicht halten.

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Dortmund bei Nacht

Die schönsten Fotos von Dortmund bei Nacht.
29.06.2018
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Blick nach Süden auf den Hauptbahnhof. Im Vordergrund sind die hell erleuchteten Bahnsteige und Gleisanlagen sowie rechts das Hardenberg-Hochhaus zu sehen. In der Bildmitte liegt das Fußballmuseum und der Bahnhofsvorplatz, von dem aus die Katharinenstraße zur Petrikirche führt. Die Bildmitte durchziehen von links nach rechts die Kampstraße und der Westenhellweg.© Tobias Klostermann
Blick nach Süden über das Kreuzviertel auf die Westfalenhallen und das BVB-Stadion. Wie orangefarbene Adern verlaufen die Hauptstraßen im Licht der Laternen durch das Stadtgebiet: Vom Vordergrund in die Bildmitte die Lindemannstraße, in der Bildmitte von links nach rechts der Rheinlanddamm und hinten links die Ardeystraße.© Tobias Klostermann
Blick nach Süden auf das Klinikviertel. Im Vordergrund ist das Dortmunder U, der Hohe Wall und die Rheinische Straße zu sehen. Am Rechten Bildrand verläuft nach Süden die Möllerstraße. In der Bildmitte links sind die Liebfrauenkirche und das St.-Johannes-Hospital erkennbar, oben links sind die Städtischen Kliniken und die Hohe Straße zu sehen.© Tobias Klostermann
Blick nach Süden auf den Hauptbahnhof. Im Vordergrund sind die hell erleuchteten Bahnsteige und Gleisanlagen sowie rechts das Hardenberg-Hochhaus zu sehen. In der Bildmitte liegt das Fußballmuseum und der Bahnhofsvorplatz, von dem aus die Katharinenstraße zur Petrikirche führt. Die Bildmitte durchziehen von links nach rechts die Kampstraße und der Westenhellweg.© Tobias Klostermann
Blick nach Südwesten auf den Borsigplatz, der mit seinen hellen Ausfallstraßen wie ein Stern in der Nacht wirkt: Links die Brackeler Straße, vorne links die Wambeler Straße, vorne rechts die Oesterholzstraße, rechts die Borsigstraße und oben rechts die Oestermärsch.© Tobias Klostermann
Blick nach Süden auf Dormund-Wickede. In der Bildmitte links befindet sich das Gewerbegebiet an der Zeche-Norm-Straße, in der Bildmitte rechts ist unterhalb des Flughafens die Siedlung an der Steinbrinkstraße zu sehen. Der Wickeder und Asselner Hellweg zieht sich mittig von links nach rechts durch das Bild. Im Hintergrund ist der hell erleuchtete Flughafen zu sehen, dahinter Holzwickede.© Tobias Klostermann
Blick nach Südosten über den Hauptbahnhof auf die Dortmunder Innenstadt. Im Vordergrund ist das Fußballmuseum, das Hardenberg-Hochhaus und rechts das Dortmunder U zu sehen. Die Bildmitte durchziehen von links oben nach rechts der Westenhellweg und die Kampstraße mit Reinoldi- und Petrikirche.© Tobias Klostermann
Blick aus dem Ballonkorb fast senkrecht nach unten auf das Autobahnkreuz Dortmund-Hafen, das nur durch die Scheinwerfer der Autos in den Fahrspuren sichtbar ist.© Tobias Klostermann

Um 0 Uhr 8 ist es dann soweit: Ein paar letzte Checks, es werden Sandsäcke abgehangen, bis der Ballon in der Schwebe ist. Dann geht es schnell: Der Pilot löst die vier Spanngurte, mit denen der Ballon in den Bodenfundamenten verankert ist. Wir rufen dem Verfolger noch ein herzliches „Glück ab“ zu und steigen lautlos in den nachtschwarzen Himmel auf - ausgerüstet mit allerlei Navigationsgeräten, blinkender Nachtfahrtbeleuchtung und einem Transponder, der uns bei der Flugsicherung auf dem Radar erscheinen lässt. Der Pilot meldet uns per Funk bei der Luftaufsicht an, und schon nach vier Minuten überqueren wir in gut 300 Metern Höhe die A2.

Lichtermeer bis zum Horizont

Wir Mitfahrer sind restlos überwältigt - das Ruhrgebiet ist ein Lichtermeer bis zum Horizont und wir können uns gar nicht satt sehen: Die von Laternen gesäumten Hauptstraßen durchziehen die nächtliche Industrielandschaft wie gelbe Adern, in denen die Fahrzeuge langsam dahinzufließen scheinen. Fabriken und Kraftwerke heben sich in weiträumiger Regelmäßigkeit als Lichtinseln aus dem Dunkel hervor – sie wirken wie Organe, die die riesige Stadtregion am Leben halten. So auch die Raffinerie in Gelsenkirchen-Horst mit ihren endlosen Rohrleitungen und riesigen Tanklagern, über die wir 20 Minuten nach dem Start in gut 800 Metern Höhe hinweg fahren.

Das älteste Luftfahrzeug der Welt

Der Gasballon, das älteste und leiseste Luftfahrzeug der Welt, hat mich mal wieder in seinen Bann gezogen: Völlig lautlos schweben wir durch die Nacht – und die Geräuschkulisse macht mir nachdrücklich bewusst, wie laut unsere Städte mit ihren Autobahnen, Industriegebieten und Gleisanlagen eigentlich sind.

Die Fahrt führt uns vorbei an Gelsenkirchen und Herne – und wir merken überhaupt nicht, wie die Zeit vergeht. Es ist schon 0 Uhr 50, als wir im Bochumer Norden die A43 überqueren, wo die großen, unbeleuchteten Halden wie schwarze Löcher aus dem städtischen Lichtermeer ausgeschnitten sind.

Wir sind mittlerweile auf über 1000 Meter aufgestiegen - und mit guten 30 Stundenkilometern sind wir recht flott unterwegs. Hier in dieser Höhe ändert sich unser Kurs von anfänglich südöstlicher auf östliche Richtung – und führt uns nun geradewegs auf Dortmund zu: Als ersten Vorboten entdecke gegen 1.11 Uhr direkt unter uns das Autobahnkreuz Dortmund-Hafen, das nur durch die Scheinwerfer der vielen Autos in den Fahrspuren zu erkennen ist – schnell greife ich zu meiner Kamera und dem Teleobjektiv und versuche den außergewöhnlichen Anblick festzuhalten, bevor er hinter uns wieder im Dunkel verschwindet.

„Die Stadt, die niemals schläft“

Keine zehn Minuten später erreichen wir auch schon die Dortmunder Innenstadt – die heller und lauter ist als alles, was bislang auf unserer Strecke lag: In dem ganzen Straßen- und Eisenbahnlärm hören wir hier oben auch Krankenwagen, Polizeiautos und die dumpfen Bässe mehrerer Diskotheken. Mir kommt „The city that never sleeps“ in den Sinn - „Die Stadt, die niemals schläft“: Auch auf Dortmund scheint dieser Spitzname zu passen, der ja eigentlich New York gilt.

Als wir gegen 1 Uhr 20 am „Dortmunder U“ und dem Bahnhof mit seinen hell erleuchteten Gleisanlagen vorbei fahren, komme ich aus dem Staunen nicht heraus: Ich kann einen ICE und S-Bahnen erkennen – und in der Skyline zwischen dem RWE-Tower und dem Harenberg City-Center zieht die bunt blinkende Lichtinstallation auf dem Vorplatz des Deutschen Fußballmuseums meine Aufmerksamkeit auf sich. Sogar das BVB-Stadion ist im Hintergrund mit seinen vier markanten, beleuchteten Ecken gut zu erkennen.

Kurze Zeit später sehe ich unter mir auch den Borsigplatz, der mit seinen unverkennbaren, hell beleuchteten Ausfallstraßen wie ein Stern in der Nacht am nordöstlichen Rand der Innenstadt liegt.

Flugzeuge im Flutlicht

Flott geht unsere Fahrt weiter über den Dortmunder Osten – und die nächste deutlich sichtbare Landmarke lässt nicht lange auf sich warten: Wir fahren auf den Dortmunder Flughafen zu. Der Pilot nimmt Kontakt mit dem Tower auf und wir erhalten die Erlaubnis zur Einfahrt in die Kontrollzone – und dürfen in unserer aktuellen Höhe von gut 1.100 Metern bleiben. Es dauert nicht lange, da fahren wir auch schon über Dortmund-Wickede nördlich am Flughafen vorbei. Seine Startbahn liegt nachtschwarz im Dunkeln – nur das Abfertigungsgebäude und das Rollfeld, auf dem wie verloren zwei Flugzeuge stehen, leuchten hell im Flutlicht der Laternen. Nicht viel los da unten, denke ich.

Nachdem wir Dortmund hinter uns gelassen haben, wird es allmählich ruhiger. Gegen 1 Uhr 50 überqueren wir südlich von Kamen die A1. Neben der Autobahn grüßt einsam das helle Reklameschild eines bekannten schwedischen Möbelhauses zu uns hinauf, der Rest des großen Gebäudes liegt im Dunkeln. Bei diesem ungewöhnlichen Anblick kann man sich nur schwer vorstellen, welche Menschenmassen dort tagsüber anzutreffen sind.

Kaffee aus der Thermoskanne

Hinter Unna werden die Abstände der Städte und Ortschaften allmählich größer, bis sie schließlich nur noch einzelne Lichtinseln in der ansonsten nachtschwarzen Landschaft unter uns sind. Wir überqueren Werl und Soest, und es wird langsam kälter hier oben. Da unter uns gerade nichts Spannendes zu sehen ist, nutzen wir gegen 3 Uhr die Gelegenheit für ein sehr frühes Frühstück und trinken dazu heißen Kaffee aus unserer Thermoskanne. Langsam meldet sich die Müdigkeit und in den nächsten zwei Stunden fällt es mir schwer, wach zu bleiben.

Atemberaubende Luftbilder zeigen Dortmund bei Nacht

Beeindruckender Blick während der Ballonfahrt nach oben: Es zeigt im Vordergrund einen Teil des Korbrings, an dem die Korbleinen und die Auslaufleinen des Ballons sich treffen. Die Öffnung an der Unterseite des Ballons ist der sogenannte Füllansatz, durch den der Ballon mit dem Traggas befüllt wird. Die rote Leine – die Ventilleine – führt zum Ventil an der Oberseite des Ballons, durch das Gas abgelassen werden kann, wenn der Ballon sinken soll. © Tobias Klostermann

Gegen 5 Uhr geht dann über dem Paderborner Land endlich die Sonne auf - und es wird wieder spürbar wärmer im Korb. Auf den Bauernhöfen hören wir die Hähne krähen und es gibt wieder etwas zu sehen: Die Fahrt führt uns ins nordhessische Bergland und über das dunstverhangene Wesertal hinweg, über kleine Dörfer, Felder und Wälder – und es gibt immer wieder Momente der absoluten Stille unter uns.

Schließlich landen wir um 8 Uhr 46 sanft auf einer Wiese bei Göttingen. Nach fast neun Stunden und 198 gefahrenen Kilometern geht eine tolle Gasballonfahrt zu Ende. Ihr unbestrittenes Highlight – Dortmund bei Nacht – wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Und ich bin schon neugierig, wohin der Wind mich beim nächsten Mal tragen wird, wenn ich wieder in den Weidenkorb steige und es „Glück ab“ heißt.

Das Gasballonfahren hat in Deutschland eine lange Tradition, jedoch ist es in den letzten zwei Jahrzehnten selten geworden: Mehreren Zehntausend Heißluftballonen stehen weltweit nur noch etwa 80 Gasballone gegenüber - mehr als 40 davon sind in Deutschland angemeldet. Zwei davon betreibt der in Münster ansässige „Freiballonsport-Verein Münster und Münsterland e. V.“ Der traditionsreiche Verein – einer der erste Luftsport-Vereine Deutschlands – feierte im Jahr 2009 sein 100-jähriges Bestehen und verfügt über einen eigenen Startplatz für Gas- und Heißluftballone. Ursprünglich als reiner Gasballonverein gegründet, ist heute das Fahren mit Heißluftballonen der zweite wichtige Bereich des Vereins, der auch Piloten ausbildet. So richtet er regelmäßig die überregional bekannte Montgolfiade aus, deren 48. Auflage in diesem Jahr vom 24. bis 26. August auf dem Flugplatz Borkenberge nordöstlich von Haltern stattfindet. Die Gasballonfahrten des Münsteraner Vereins starten in den späten Nachtstunden oder in der Morgendämmerung und dauern etwa 4 bis 6 Stunden. Gestartet wird in der Regel ab Münster, nach Rücksprache sind aber auch Starts ab Gladbeck möglich. Kontakt: Freiballonsport-Verein Münster und Münsterland e. V. info@fsv-muenster.com www.fsv-muenster.com
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