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Für BVB-Fans ist die Saison vorbei. Für andere noch nicht. Ein Schwabe schaut im Dortmunder Lokal „Mit Schmackes“ das Relegationsspiel zwischen Stuttgart und Berlin. Das hat er erlebt.

von Wolf-Dieter Retzbach

Dortmund

, 24.05.2019 / Lesedauer: 4 min

„Ist der drin oder was?" Entgeistert sieht Jonas Heyden auf den Fernsehschirm. Ja, der Ball ist drin, im Stuttgarter Tor, Union Berlin hat ausgeglichen, 2:2. "Wer hat denn da schon wieder gepennt?", fragt Heyden, mehr sich selbst als seine Kumpels, mit denen zusammen er im Dortmunder Kneipenrestaurant "Mit Schmackes" an einem Tisch sitzt.

Donnerstagabend, Fußball, Relegationshinspiel, Übertragung im Bezahlfernsehen. Im „Schmackes“ läuft das Spiel, das über den Aufstieg in oder den Abstieg aus der ersten Fußball-Bundesliga mitentscheidet, auf mehreren Bildschirmen. Stuttgart gegen Berlin, Süden gegen Osten - interessiert ein solches Spiel jemanden in einem Lokal in Deutschlands Westen?

Überraschende Erkenntnis: Ein Gast ist hier „mit Herz und Seele" beim VfB

Einige Gäste lässt dieses Spiel nicht kalt. Am Tisch von Jonas Heyden gibt es nach jedem VfB-Tor eine Runde Schnaps. „Auf Mario", ruft der 30-Jährige über den Tisch, Mario Gomez hat gerade das 2:1 für die Stuttgarter erzielt. Heyden ist Dortmunder - und, wie er betont, "mit Herz und Seele beim VfB." Warum er, der Ruhrpottler, ausgerechnet einem schwäbischen Verein anhängt?

"Diese Frage ist mir in meinem Leben schon 150-mal gestellt worden." Heyden erklärt es ein weiteres Mal: Als Kind habe er selbst Fußball im Verein gespielt, auch in der zentralen Offensive, auch in roten Kickstiefeln - genau wie Krassimir Balakov, der damals zur gleichen Zeit ein Star in Stuttgart war. Heyden, der damalige Knirps, wurde deshalb von allen „Balakov" genannt - „seitdem bin ich durch und durch VfB-Fan". Spricht er über seinen Lieblingsverein, sagt er nur „Wir".

Im Jahr 2007, "als wir Deutscher Meister wurden", habe er noch bei seinen Eltern in Dortmund-Kurl gewohnt, die Bundesliga-Schlusskonferenz des letzten Spieltags hörte er im Radio. Nach dem Schlusspfiff ging er durch das Dorf und rief „Deutscher Meister" - er war der einzige Feiernde, der durch die Straßen zog.

„Was mir zu Baden-Württemberg sofort einfällt, sind Maultaschen"

Im "Schmackes" sitzt er an diesem Abend aber mit Gleichgesinnten am Tisch, alle sind gegen Berlin oder - besser - für den VfB. Das sieht Marco (31), der zusammen mit einem Kumpel am Tresen sitzt, anders: „Ich bin für Union."

Ein Zweitligist solle endlich mal wieder die Relegation gewinnen. Zum VfB habe er keinen Bezug, sagt der Bremerhavener. „Was mir zu Baden-Württemberg sofort einfällt, sind Maultaschen." Die Schwester von Marcos Kumpel wohnt in Stuttgart, deshalb ist der 30-Jährige mehr für den VfB. Denn würde ihn ein BVB-Auswärtsspiel wieder nach Stuttgart führen, könnte er dort gleich seine Angehörigen besuchen.

Auch Schalker sind unter den Gästen

Nicht jeder an diesem Abend will seinen Namen nennen, aus verschiedenen Gründen. Ein Rentner, 2010 aus Castrop-Rauxel nach Dortmund gezogen, hat einen besonders triftigen Grund: Er ist Fan von Schalke 04, dem größten BVB-Rivalen. Und das in der Kneipe, die Ex-BVB-Profi Kevin Großkreutz gehört.

Die Gelsenkirchener haben die Klasse gehalten, die Relegation aber nur knapp vermeiden können - und in dieser Saison so schlecht gespielt, dass "Schmackes"-Geschäftsführer Christopher Reinecke mit dem Rentner frotzelt: „Ihr habt ja alles dafür gegeben, dass Ihr heute Abend spielt."

Nun ist ein anderer, noch schlechterer Erstligist als Schalke an der Reihe, der VfB. Der Mann hat eine gesunde Einstellung zu dem Sport: „In erster Linie liebe ich den Fußball, zweitens habe ich mit Schalke einen Verein, drittens freue ich mich, wenn die gewinnen, und viertens finde ich, wenn die anderen besser sind, sollen die gewinnen.“

„Wer Reschke verpflichtet, kauft Missmanagement ein"

Wenige Meter von dem Mann entfernt sitzen viele Betriebsräte um einen Tisch. Sie sind auf Seminar in Dortmund und kommen aus mehreren Orten Deutschlands, einer etwa aus Mönchengladbach, einer aus Leverkusen, einer aus Nürnberg.

Volkan Cavas (38) ist aus Mühlacker angereist, einer Stadt unweit von Stuttgart, der Bürokaufmann hat an diesem Relegationsabend im „Schmackes" quasi ein Heimspiel. Denn in den 90er Jahren, als das „Magische Dreieck" um Balakov, Elber und Bobic nicht nur das Stuttgarter Publikum verzauberte, "war ich fast jedes Wochenende im VfB-Stadion".

Heute fehle den Stuttgartern ein klassischer Führungsspieler, "wie Balakov es einer war". Trotzdem geht der VfB gegen Berlin in Führung - was Cavas zu einem Faustschlag auf den Tisch veranlasst.

Ein Vergleich zwischen Dortmund und Stuttgart

Ein Paukenschlag ist auch die Einschätzung eines 55-Jährigen, der das Lokal während des Spiels verlässt und draußen über Stuttgart sagt: „Ich denke, diese Stadt wird genauso schlecht geführt wie Dortmund." Als Beispiel nennt er das Bahnprojekt Stuttgart 21 und den Umbau des Kulturzentrums U - beides sei schlecht geplant und teurer geworden als geplant.

Ein Bekannter des 55-Jährigen, Uwe Köhler, verbindet mit Baden-Württemberg Familiengeschichte: Sein Vater, damals zehn Jahre alt, kam im Zweiten Weltkrieg mit der Kinderlandverschickung nach Baden. Später besuchte er dort regelmäßig seine früheren Gasteltern, auch zusammen mit seinem Sohn. Außerdem habe er Freunde bei Stuttgart, sagt Köhler, "deshalb beobachte ich den VfB seit 30 Jahren". Das "Schmackes" verlässt er trotzdem schon während des Spiels: Köhler hat am nächsten Morgen früh einen Termin und muss deshalb, trotz VfB-Übertragung, nach Hause.

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