Auf den Spuren der Dampfmaschine in Dortmund

rnIndustriegeschichte

Vor 250 Jahren wurde die Dampfmaschine patentiert. Eine Erfindung, die nicht nur den heimischen Bergbau revolutionierte. In Dortmund gibt es heute noch Spuren.

Dortmund

, 20.01.2019, 04:09 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am 21. Februar 1816 ist die „Newcomsche Feuermaschine (...) in Umgang gekommen“. So halten es die Annalen des Bergamtes für den Start der ersten Dampfmaschine in Dortmund fest. Sie stand am Maschinenschacht der Zeche Friedrich Wilhelm im Gebiet des heutigen Westfalenparks – und revolutionierte nicht nur den Bergbau in Dortmund. Mit ihr begann das Zeitalter des Tiefbaus bei der Steinkohle-Förderung.

„Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mehr uns janz dumm.“ Der legendäre Satz des Lehrers Bömmel aus der „Feuerzangenbowle“ kommt vielen ebenso in den Sinn wie die kleinen glänzenden Maschinen, die großen „Kindern“ unter den Weihnachtsbaum gelegt wurden. Eine Dampfmaschine war alles andere als ein Spielzeug. Und wer ihre Geschichte in Westfalen im 19. Jahrhundert kennt, ahnt, warum wir heute bei der Verbreitung von Digitalisierung und Internet im 21. Jahrhundert manchmal Probleme haben.

Eine Erfindung mit weit reichenden Folgen

Am Anfang steht eine technische Erfindung. Doch bis sie verbreitet und richtig genutzt wird – bis sie Wirtschaft und Gesellschaft umkrempelt – dauert es. Das Internet wurde Mitte der 1960er erfunden, und noch heute ist nicht jeder „drin“, noch heute sind nicht alle Unternehmen und schon gar nicht die Schulen digitalisiert. Und noch heute wird diskutiert, ob es Sinn macht oder gefährlich ist.

Die Dampfmaschine hatte die gleiche Wirkung. Der Engländer Thomas Newcomen konstruierte schon 1712 die erste verwendbare Dampfmaschine, um Wasser aus Bergwerken zu pumpen. James Watt – berühmter, aber fälschlicherweise als Erfinder gerühmt – verbesserte die einfache Maschine erheblich. Für Technikfreunde: Er baute erstmals einen separaten Kondensator, wodurch die Maschine bei beiden Kolbenbewegungen arbeiten konnte. Diese Idee meldete er 1769 zum Patent an – vor 250 Jahren.

Eine alte Dampfmaschine ist auch in der Dasa-Arbeitswelt-Ausstellung in Dorstfeld zu bewundern.

Eine alte Dampfmaschine ist auch in der Dasa-Arbeitswelt-Ausstellung in Dorstfeld zu bewundern. © BEG Behler, Enker, Gasenzer

Es dauerte, bis die neue Erfindung in deutsche Lande kam. Dank Industriespionage und Abwerbung von englischen Experten lief 1787 die erste deutsche Maschine in Sachsen-Anhalt einigermaßen rund. Bis ins Ruhrgebiet dauerte es weitere Jahre: 1802/1803 ging unter der Führung von Franz Dinnendahl erstmals eine Dampfmaschine für den Ruhrbergbau in Betrieb – auf der Zeche Vollmond in Bochum-Langendreer.

Gisbert von Romberg war der Dampfmaschinen-Pionier

Auftraggeber war ein Dortmunder. Denn Gisbert von Romberg, Bauherr von Schloss Brüninghausen und Begründer des heutigen Botanischen Gartens Rombergpark, war Haupteigner der Zeche und hatte das nötige Kapital, um die Neuanschaffung zu stemmen. Er kaufte die schon 1792 nach Newcomscher Bauart konstruierte Dampfmaschine, die ursprünglich für eine Zeche in Essen bestimmt war.

Ein weiterer „Halb-Dortmunder“ war ebenfalls als Dampfmaschinen-Pionier aktiv. Ab 1819 baute Friedrich Harkort, geboren in Wetter und gestorben in Hombruch, Dampfmaschinen auf seiner Burg in Wetter, Bauteile dafür später in Hombruch.

Die Saline Königsborn machte den Anfang

Die erste Dampfmaschine Westfalens arbeitete da schon 20 Jahre – seit 1799 auf der Saline Königsborn in Unna. Der preußische Staat produzierte hier schon seit Jahrzehnten Salz – damals ein rares und wertvolles Gut. Mit der neuen Maschine pumpte man salzhaltige Sole aus Tiefen hoch zur Saline. „Der Staat war Vorreiter in Königsborn“, sagt Karl-Peter Ellerbrock, Direktor der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv in Dortmund.

Das hatte handfeste Gründe: Niemand anderes als der preußische Staat hatte anfangs das Kapital, um die große Investition zu tätigen. Banken, Kredite und Aktiengesellschaften – deren Sinn ja das Sammeln von Geld zum Investieren ist – entwickelten sich erst in den folgenden Jahrzehnten. Der hohe Kapitalaufwand ist wohl auch der Grund, warum ab 1816 auf der Zeche Friedrich Wilhelm „auf Wunsch der Gewerken“, also der Bergwerksbetreiber, „eine einfache Newcomensche“ und nicht die moderne „Wattsche Dampfmaschine“ zum Einsatz kam.

Doch die Dampfmaschine war nicht nur eine Erfindung, eine neue Technik. „Dahinter stecken ganz viele strukturelle Veränderungen“, sagt Karl-Peter Ellerbrock. Spürbar ist das zunächst als räumliche Verschiebung. „Die Standortvoraussetzungen haben sich völlig verändert“, so Ellerbrock. Vorher gab es Schmieden und Hütten, wo es Erze und Wasserkraft gab – in der Eifel oder im Sauerland. Die Dampfkraft macht die Standortwahl unabhängig davon. Eine Dampfmaschine funktioniert überall.

Die Veränderungen waren tiefgreifend. „Die Wirtschaftsordnung wurde revolutioniert“, sagt Historiker Ellerbrock. Daraus resultierten Sorgen und die artikulierten sich in Ablehnung der Technik. „Maschinenstürmer“ gab es auch in Westfalen. „Die Menschen hatten Angst“, sagt Ellerbrock. Immer wieder explodierten Kessel, gerieten die Kräfte außer Kontrolle.

Erst 1831 regelt eine Kabinettsorder, dass Maschinen genehmigt werden müssen. Es entstehen Dampfkesselüberwachungsvereine, die Vorläufer des heutigen TÜV.

Eine neue Ära für den Bergbau

In manchen Bereichen geht es auch bald nicht mehr ohne Dampfmaschine. „Für den Bergbau brach eine neue Ära an“, stellt Gabriele Unverfehrt als Bergbau-Expertin des Westfälischen Wirtschaftsarchivs fest. Die Dampfmaschine macht es möglich, Grubenwasser zu pumpen. Das ist die Voraussetzung für den Tiefbau, mit dem der Bergbau in Dortmund die Emscher in Richtung Norden überschreitet, wo eine dicke Mergelschicht die Kohle überlagert. Dass sich die Feuermaschinen anfang nur langsam durchsetzten, schreibt Unverfehrt den „oft zersplitterten Besitzverhältnissen, der zurückhaltenden Betriebspolitik der Bergbehörde und den hohen Anschaffungskosten“ zu.

„Aber der Siegeszug der Feuermaschine war nicht aufzuhalten“, bilanziert die Expertin. „Schon um 1830 waren bei Dortmund und Hörde sieben mit Dampfmaschinen ausgerüstete Tiefbauzechen in Betrieb.“ Schon bald wurde die Dampfmaschine nicht nur zur Wasserhaltung, sondern auch zur Förderung benutzt, löste Handhaspeln und Pferdegöpel ab. Zugleich stieg mit der Zahl der Dampfmaschinen der Bedarf an Kohle, die für die Befeuerung nötig war. Die Dampfmaschine von Friedrich Wilhelm hat in den ersten vier Monaten knapp 60 Tonnen Kohle verbraucht, wie aus historischen Quellen hervorgeht.

Die Dampfkompressoren der Kokerei Hansa sind bei Führungen zu erleben.

Die Dampfkompressoren der Kokerei Hansa sind bei Führungen zu erleben. © Stephan Schütze

Auch andere Branchen nutzen die Dampfkraft. Die Stahlwerke bewegen riesige Hämmer. Immer größere Brauereien löschen den Durst in den wachsenden Städten an der Ruhr, was ohne neue Kühltechnik der Dampfmaschine nicht möglich war. Vor allem braucht es die rollende Dampfmaschine, um die Produkte zu verkaufen. Erst die Eisenbahn bringt Stoffe, Kohle und Stahl zu akzeptablen Transportkosten zu Absatzmärkten außerhalb Westfalens.

Auch andere Verkehrsmittel profitierten von der neuen Technik. Friedrich Harkort, der zunächst den Eisenbahnbau mit vorangetrieben hatte, widmet sich in den 1830er Jahren dem Dampfmaschinenbau für Schiffe. In Hombruch produzierte Maschinenteile lässt er in der von ihm mitbegründeten Mechanischen Werkstatt in Wetter zu Dampfmaschinen montieren, die dann über die Ruhr zu Werften am Rhein verschifft werden.

Elektromaschinen lösten den Dampf ab

Das Ende der Dampfmaschine kam so langsam wie der Anfang. „Die Dampfmaschine hat nicht sofort grundlegend an Bedeutung verloren“, sagt Karl-Peter Ellerbrock. In der großen Industrie spielten sie lange noch eine Rolle, genauso wie die Dampflokomotiven. Die Bundesbahn stellte den Betrieb erst 1977 endgültig ein. Dampfhämmer formten bis in die 1950er-Jahre das glühende Eisen. „Das ist eine Krafterzeugung, die muss man mit Strom erstmal hinbekommen“, erklärt Ellerbrock.

Elektromotoren ersetzten deshalb nicht, sondern ergänzten die Dampfmaschine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Statt einer großen, teuren Dampfmaschine, deren Kraft mit Transaktionsriemen auf viele Maschinen verteilt werden musste, konnte Elektromotoren flexibler eingesetzt werden. Kleine gewerbliche Betriebe, denen eine Dampfmaschine zu aufwendig war, nutzten nun diese neue Technologie.

Den Technikwechsel im Bergbau leitet die Zeche Zollern II/IV in Bövinghausen ein, wo 1902 die erste elektrisch betriebene Hauptschacht-Fördermaschine im europäischen Bergbau zum Einsatz kam. Aber noch 1934 wurde eine Dampffördermaschine auf der Zeche Gneisenau in Betrieb genommen, die heute vom Förderkreis Zechenkultur Gneisenau gehütet und gehegt wird. Der Traum ist, die Maschine irgendwann wieder ans Laufen zu bringen, berichtet der Vorsitzende des Vereins Helmut Böcker. Das wird allerdings wohl noch einige Jahre dauern.

Ausflugstipps


Hier sind Dampfmaschinen zu sehen

  • Die Dampfmaschine als Motor der Industrialisierung spielt eine große Rolle in der Ausstellungseinheit „Im Takt der Maschinen“ in der Dasa Arbeitswelt-Ausstellung in Dorstfeld – wobei es dort schwerpunktmäßig um die Textilindustrie geht.
  • Die DASA-Dampfmaschine aus dem Jahr 1889 wird bei Vorführungen in Gang gesetzt. Kleiner Schönheitsfehler: Sie wird inzwischen von einem Elektromotor angetrieben.
  • Einen Eindruck von Dampfmaschinen in Aktion bietet auch die Kompressoren-Halle der Kokerei Hansa in Huckarde. Einer der fünf Gas-Kolben-Kompressoren wird bei Führungen im Schaubetrieb vorgeführt.
  • Die historische Dampffördermaschine in der Zeche Gneisenau in Derne ist regelmäßig am Tag des offenen Denkmals im September zu besichtigen – und nach Vereinbarung mit dem Förderkreis. Infos unter www.bergwerk-gneisenau.de
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt