Beim „Schlagerboom“ in der Westfalenhalle feierten 9000 Menschen ohne Maske oder Abstand - alle waren geimpft oder genesen. © Stephan Schütze
Experte schätzt ein

Aufregung um „Schlagerboom“: Wie sicher ist 2G bei Großveranstaltungen?

Die Bilder erinnerten an Konzerte vor der Pandemie: 9000 Geimpfte und Genesene haben kürzlich ohne Masken oder Abstand in der Westfalenhalle gefeiert. Ein Dortmunder Infektiologe schätzt das Risiko ein.

Rund 9000 Menschen haben am Wochenende in der Dortmunder Westfalenhalle den „Schlagerboom“ gefeiert. An der ARD-Veranstaltung durften nur Menschen teilnehmen, die gegen Corona geimpft sind oder eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben (2G). Dafür gab es keine Abstandsregeln oder Maskenpflicht. Wie sicher ist dieses Konzept für Großveranstaltungen?

„Auf jeden Fall wesentlich besser, als 3G (auch negativ getestete Ungeimpfte nehmen Teil) mit Abstand und Maskenpflicht“, sagt Dr. Bernhard Schaaf, Infektiologe am Klinikum Dortmund. „Dabei wäre das gesellschaftliche Risiko deutlich höher, weil die Ungeimpften zwar getestet auf die Veranstaltung kommen, sich dann aber bei den Geimpften anstecken könnten.“

Anders als Geimpfte, die sich möglicherweise unter einer 2G-Regelung anstecken, würden Ungeimpfte, die bei einer 3G-Veranstaltung mit dem Coronavirus infiziert werden, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit schwer erkranken.

Die Risiken bei 2G-Veranstaltungen

Auch bei 2G-Veranstaltungen bleiben allerdings einige Risiken, wie Dr. Bernhard Schaaf erklärt: „aktuell vor allem, wenn man Risikofaktoren hat und möglicherweise noch keine Booster-Impfung bekommen hat“. Dann könnte der Impfschutz nicht mehr ausreichend sein.

Ein Problem könnte auch entstehen, wenn geimpfte Personen nach einer 2G-Veranstaltung Kontakt zu Ungeimpften haben. Sie könnten dann das Coronavirus unbemerkt in sich tragen und weitergeben.

Das Risiko, sich bei 2G-Veranstaltungen anzustecken, steige auch mit der Inzidenz, sagt Dr. Bernhard Schaaf. Diese sei allerdings bei Geimpften um den Faktor zehn bis zwölf geringe, als bei Ungeimfpten.

„Wenn in der Westfalenhalle also 9000 Geimpfte waren, kann man bei der aktuellen Inzidenz davon ausgehen, dass darunter vielleicht einzelne corona-positive Person war, die potenziell andere anstecken konnte. Ob es zu Ansteckungen gekommen ist, wird man in den nächsten 14 Tagen sehen.“

Allerdings können schon wenige Überträger bei Veranstaltungen mit engem Kontakt zu einer hohen Anzahl an Infektion führen. Dr. Bernhard Schaaf führt dazu das Beispiel einer Party in Münster an, bei der 380 Menschen unter 2G-Regelung gefeiert haben. 85 seien später positiv getestet worden. „Allerdings ist eine Discothek natürlich auch ein anderer Raum als die große Westfalenhalle.“

Das Risiko liegt in den Ungeimpften

Aktuell sei 2G die sicherste Variante, Großveranstaltungen stattfinden zu lassen, so Dr. Bernhard Schaaf. „Man muss allerdings auch die Krankenhauszahlen im Auge behalten und gegebenenfalls wieder einschränken.“

Das Risiko liegt, so sieht es Dr. Bernhard Schaaf, in den Ungeimpften. Stecken sich viele Ungeimpfte gleichzeitig an, könnten es wegen des höheren Anteils der schweren Verläufe wieder eng werden auf den Stationen. „Dass Geimpfte bei uns im Krankenhaus sind, ist dagegen eine Rarität.“

Impfung oder Infektion bis zum Frühjahr

„Ich hätte vielleicht noch mal vier Wochen abgewartet, was nach den Herbstferien mit den Infektionszahlen passiert“, bewertet Dr. Bernhard Schaaf die Veranstaltung abschließend, betont allerdings auch: „Wir können ja auch nicht ein Leben lang im Lockdown bleiben.“ Vieles einzuschränken, um Personen zu schützen, die zum größten Teil freiwillig nicht geimpft sind, könne man durchaus auch kritisch sehen.

Im Frühjahr, so schätzt Dr. Bernhard Schaaf, werden wohl fast alle entweder geimpft sein, oder bis dahin eine Corona-Infektion hinter sich haben. „Sie können als Ungeimpfter ja nicht – im Zweifelsfall auf Jahre – eine Infektion vermeiden.“

Wenn dann der Anteil der Menschen, die durch Impfung oder Genesung geschützt sind, noch höher sei, könnte sogar auch die 2G-Regelung für Großveranstaltungen hinfällig sein.

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Redaktion Dortmund
Gut recherchierter Journalismus liegt mir am Herzen. Weil die Welt selten einfacher wird, wenn man sie einfacher darstellt. Um Zusammenhänge zu erklären, setze ich auf klaren Text und visuelles Erzählen – in Videos, Grafiken und was sonst dabei hilft.
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Bastian Pietsch