Aus Angst vor Neonazis nach Dortmund geflohen

V-Mann vor NSU-Ausschuss

Runde 750 Meter. Das war die Entfernung, in der 2006 Toni S. vom Tatort des Dortmunder NSU-Mordes entfernt lebte. S. war hochrangiger Neonazi und V-Mann des Brandenburger Verfassungsschutzes. Wer dort wohnte, erfuhr die Dortmunder Mordkommission erst Jahre später. Am Mittwoch wurde S. dem NSU-Ausschuss polizeilich vorgeführt. Einem ersten Vernehmungstermin war er unentschuldigt ferngeblieben.

Düsseldorf

, 27.04.2016, 20:28 Uhr / Lesedauer: 2 min
Aus Angst vor Neonazis nach Dortmund geflohen

Die Polizei führt den Ex-V-Mann im Düsseldorfer NSU-Ausschuss vor.

Ein früherer V-Mann des Verfassungsschutzes und Angehöriger der rechten Szene hat im NSU-Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags jegliche Verbindung zum Terrortrio verneint. Er sei Anfang 2003 von Brandenburg nach Dortmund gezogen und habe seitdem nichts mehr mit der rechten Szene zu tun, sagte Toni S. am Mittwoch im Düsseldorfer Ausschuss. Er habe die beiden mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht gekannt.

Wegen Volksverhetzung verurteilt

S. war rund zwei Jahre lang V-Mann für den brandenburgischen Verfassungsschutz, flog 2002 auf und wurde wenig später wegen Volksverhetzung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Seine Aussagen im Landtag sollen vor allem Licht ins Dunkel bringen bei den Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in NRW. In Köln waren 2004 in der türkisch geprägten Keupstraße 22 Menschen durch eine Nagelbombe verletzt worden, einige davon lebensgefährlich.

Dortmunder Taxifahrer will Toni S. erkannt haben

In Dortmund war am 4. April 2006 ein türkischer Kioskbesitzer mit Kopfschüssen getötet worden. Der Ausschuss konfrontierte Toni S. nun mit der brisanten Zeugenaussage eines Taxifahrers. Dieser hatte angegeben, er habe Toni S. am 1. April 2006 - drei Tage vor dem Mord - zum Dortmunder Hauptbahnhof gebracht, wo S. einen Mann und eine Frau abgeholt habe. Später gab der Fahrer an, der abgeholte Mann sei Mundlos gewesen, er habe ihn auf Fotos erkannt. Toni S. wies das als Lüge zurück, der Taxifahrer sei ein „Spinner“.

Angeblich keinen Kontakt zur rechtsextremen Szene

Der Zeuge S. betonte, er habe weder den Kioskbesitzer gekannt, noch sei er je in dessen Laden gewesen. Der Kiosk und die Wohnung von Toni S. liegen wenige hundert Meter von einander entfernt.

Der 41-Jährige meidet nach eigener Aussage die rechtsextreme Szene seit Jahren, auch wenn er früher deren Ideologie geteilt habe. Bei seinem Umzug 2003 sei ihm nicht bekannt gewesen, dass Dortmund ein rechter „Hotspot“ in NRW sei. Befragt zu Namen, die auch beim Münchner Prozess gefallen waren - von Personen mit möglichen Verbindungen zum NSU - antwortete der 41-Jährige, er kenne diese gar nicht oder flüchtig.

Ausschussmitglieder äußern Zweifeln

S. war 2002 vom Berliner Landgericht wegen Volksverhetzung und Verwendung von NS-Symbolen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er hatte eine rechtsextreme und gewaltverherrlichende CD vertrieben. Laut CDU-Obmann Heiko Hendriks war S. eine „zentrale Figur“ bei der Verbreitung einschlägiger Materialien und mache sich nun in Nachhinein „klein“ in Bezug auf seine damalige Bedeutung in der rechtsextremen Szene. Der Ausschussvorsitzende Sven Wolf und Mitglieder anderer Fraktionen äußerten ebenfalls Zweifel.

Zeuge wurde von der Polizei vorgeführt

S. war im Februar nicht vor dem Ausschuss erschienen. Am Mittwoch wurde er auf Anordnung des Düsseldorfer Oberlandesgerichts „polizeilich vorgeführt“: Beamte des Polizeipräsidiums Dortmund brachten ihn von seiner Wohnung zur Vernehmung in den Landtag.

Dem Terrortrio NSU werden deutschlandweit zehn Morde zur Last gelegt. Einzige Überlebende und Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess ist Beate Zschäpe. 

Von dpa  

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