In der Kunstausstellung „Art Dortmund“ hängt ein Gemälde, auf dem die Umweltaktivistin Greta Thunberg zu sehen ist. Die Reaktionen fallen gemischt aus.

von Johannes Bauer

Mitte

, 19.12.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Dumme Göre!“, „Gott, wie hässlich!“, „Was soll die hier?“

Künstlerin Martina Wernicke hat notiert, wie Besucher auf das Gemälde von Greta Thunberg reagiert haben. Gegner der Umweltaktivistin würden ihre Verärgerung deutlich zeigen, Befürworter eher in stiller Bewunderung vor dem Kunstwerk stehen.

An diesem verregneten Nachmittag besuchen nur wenige Menschen die Ausstellung „Art Dortmund“ in der Innenstadt.

Besonders auffallen dürfte ihnen eine Skulptur in Form eines Eimers, aus dem sich ein Schwall orangeroter Farbe auf den Boden ergießt – und das Gemälde mit Greta Thunberg in der Mitte des Raumes. Das war nicht immer so.

„Dumme Göre“: Ausgestelltes Greta-Gemälde polarisiert

Der Künstler und sein Greta-Bild. © Johannes Bauer

Kurz nachdem Igor Jablunowskij mit dem Bild fertig war, hatte er es neben dem Eingang platziert. „Aber einige Leute kamen dann gar nicht mehr rein“, erklärt Jablunowskij. „Und Leute, die in die Ausstellung wollten, konnten es nicht, weil die anderen den Eingang verstopft haben“, fügt er hinzu.

Inzwischen hat sich ein älteres Ehepaar dem Gemälde genähert, wirft Greta einen schüchternen Blick zu und geht weiter. So ähnlich wie die beiden verhalten sich heute viele Besucher: Sie gehen auf das Bild zu und erkennen offensichtlich, wer da zu sehen ist.

Fast alle erkennen Greta

Einige hauchen noch kaum hörbar den Namen „Greta Thunberg“ in die ohnehin schon aufgewärmte Ausstellungsluft. Dann schlendern fast alle weiter und sind nach wenigen Minuten schon wieder zur Tür hinaus.

Das allein genügt Jablunowskij: „Als Künstler freue ich mich schon, wenn die Leute Greta erkennen.“

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Schließlich stellt Jablunowskij die Anlage leiser. Es gebe aber auch Tage, an denen die Zuschauer mehr Interesse an dem Greta-Gemälde zeigen. „Oft werde ich gefragt, was ich damit ausdrücken möchte“, meint Jablunowskij. Darauf entgegnet er immer: „Erzählen Sie mir, was Sie darin sehen.“

Jablunowskij blieb lange unpolitisch

Dass sich Jablunowskij eigentlich nur ungern politisch positionieren möchte, liegt an seiner Vergangenheit. Als junger Mann habe er in der sowjetischen Armee gedient. „Da musste ich fünf mal fünf Meter große Propaganda-Gemälde malen, häufig einen Soldaten mit Kalaschnikow“, sagt der Künstler mit ukrainischen Wurzeln.

Wegen dieser Erfahrung hatte sich Jablunowskij fast 30 Jahre lang auf unpolitische Kunst konzentriert. Auf schöne Bilder, wie er selbst sagt. Bis vor wenigen Monaten. Die Haare des 51-Jährigen sind ergraut, der Ansatz weit nach hinten gewandert.

Doch wenn er über Greta Thunberg redet, umspielt ein lebhaftes Lächeln seine Lippen und eine goldene Krone blitzt auf: „Die hat mich so bewegt. Deshalb musste ich sie malen.“

Umweltaktivistin hat Künstler bewegt

Die finale Initialzündung für das Gemälde: Greta Thunbergs Atlantiküberquerung und ein eindrückliches Erlebnis für den Künstler in seinem Atelier in Hörde. Seine Nachbarinnen sollen vor der Tür gestanden und über die Schwedin geschimpft haben. Da dachte er sich: „Das muss ich aufgreifen.“ Nach vier Tagen war das Gemälde fertig.

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Der Abend bricht an. Draußen wird es langsam dunkel, aber Gemälde sind wegen der Lampen hell erleuchtet. Nicht allen gefällt, was sie sehen. Mit Blick auf das Greta-Gemälde flüstert eine Frau Mitte 40 ihrem Mann zu: „Sie kann einem schon Angst machen.“

„Ich will, dass ihr in Panik geratet“

Vielleicht hat die Frau auch den Titel des Gemäldes gesehen. Der lautet: „Ich will, dass ihr in Panik geratet.“ Drastische Worte, mit denen Greta Thunberg im Januar die Untätigkeit der Erwachsenen in der Klimakrise kritisiert hatte. „Ich hab‘ das Bild so genannt, weil es die Leute provoziert“, sagt Jablunowskij.

Zwei geflochtene Zöpfe und ein Blick, der den Besucher nur aus einer bestimmten Perspektive trifft. So blickt Greta aus dem Gemälde in die Ausstellung. Die Umweltaktivistin ist in Sepia gehalten. Mit rauchenden Schornsteinen im Hintergrund bildet sie eine Blase, die Jablunowskij in eine idyllisch überhöhte Naturlandschaft platziert hat.

„Dieser starke Kontrast nimmt dem Ganzen die Ernsthaftigkeit und die Aussage kippt“, beurteilt Künstlerin Martina Wernicke die Arbeit ihres Kollegen. Ihr gefällt das Gemälde. Wernicke appelliert für ein neues Bewusstsein unter den Künstlern: „Wir müssen raus aus dem Atelier rein in die Gesellschaft!“ Dem Urteil des Publikums sollten sich die Künstler stellen, meint Wernicke.

Gemischten Reaktionen hautnah miterlebt

Jablunowskij findet die beobachtete Polarisierung interessant. „An manchen Tagen reagiert man als Künstler aber auch dünnhäutig“, sagt er. Dann möchte er nur noch Ruhe und sein „soziales Experiment“ am liebsten wieder von der Wand nehmen.

Bedauern würden das wohl vor allem Mädchen und junge Frauen. Sie sehen in Greta Thunberg ein Idol, kommen immer wieder, um sich das Gemälde anzusehen. Betreten Gegner hingegen die Ausstellung, seien kuriose Szenen zu beobachten.

„Dazu zählen vor allem Männer der Generation 50 plus. Die stehen schon mal allein vor dem Gemälde und beschimpfen Greta“, wundert sich Wernicke. Grundsätzlich habe Jablunowskij für beide Gruppen Verständnis. Für die Gegner, weil er sich prinzipiell auch nicht von jungen Menschen die Welt erklären lassen wolle, und auch für die Klimaaktivisten. Das liege vor allem an seiner Tochter. Die sei zwar kein junges Mädchen mehr, aber Jablunowskij ist überzeugt: „Meine Tochter lebt sicher noch länger als ich. Das ist ihre Welt.“

Heute verkauftes Kunstwerk: Frau trägt Huhn

Ein paar Schnittchen mit Lachs, Schinken-Kanapees und ein Teller mit Schaumküssen. Der Gemeinschaftstisch der Künstler ist verwaist, vermittelt aber den Eindruck, dass noch jemand in der Ausstellung ist. Mit einem Bündel Geldscheine in der Hand durchquert Jablunowskij den Raum.

Eben hat er den Abdruck eines Gemäldes verkauft, ein so genanntes Repro-Original. Das Motiv: Eine Frau, die ein Huhn und eine Banane auf dem Kopf trägt. Was der Käufer von dem Greta-Gemälde hält? Einen eindeutigen Kommentar möchte er nicht abgeben, sein Murren deutet aber nicht unbedingt auf Zustimmung hin.

Wie viele andere Kunden hat sich der Mann spontan zum Kauf entschieden. Durch die zentrale Lage am Hansaplatz lebt das „Art Dortmund“ von Laufkundschaft. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn diese wegfiele. Jablunowskij ist das bewusst. Sein erster Gedanke, nachdem das Greta-Gemälde fertig war: „Was habe ich uns da angetan?“

Greta-Kunstwerkt erst der Anfang

Heute sagt er das vergnügt, doch die anfänglichen Zweifel sind noch hörbar. Die Reaktionen, so gemischt sie auch ausfallen, haben ihn in seinem Tun bestärkt. Mittlerweile überlegt er sogar, weitere bekannte Persönlichkeiten zu malen, wen weiß er noch nicht.

Die ganz scharfen Reaktionen blieben heute zwar aus, doch der Nachmittag hat gezeigt, dass das Greta-Gemäde keinen Besucher kalt lässt. Bald schon könnten die Emotionen aber wieder hochkochen. Jablunowskij überlegt nämlich, eine Podiumsdiskussion zu veranstalten. Gegner wie Befürworter von Greta Thunberg sind willkommen.

Öffnungszeiten der AUsstellung

  • In der Galerie „Art Dortmund“, Wißstraße 22, ist derzeit eine Dauerausstellung beheimatet. Die Kunstwerke stammen von acht Künstlern und wechseln, wenn Werke verkauft werden und wenn sich weitere Künstler mit ihren Werken an der Ausstellung beteiligen.
  • Der Eintritt ist frei.
  • Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 12 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 17 Uhr, montags: Ruhetag.
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