Auszählungs-Irrsinn: „Digitalste Stadt“ arbeitet wie ein Droschken-Unternehmen

rnKlare Kante

Am Wahlabend kam es in Dortmund zur massiven Verzögerung bei der Übermittlung der Wahlergebnisse. Die von der Stadt vorgebrachten Erklärungen dafür sind zum Fremdschämen, meint unser Autor.

Dortmund

, 14.09.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fast auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass Dortmund in Potsdam von der „Stiftung Lebendige Stadt“ als „Digitalste Stadt“ ausgezeichnet wurde. Hätte die Jury seinerzeit gewusst, wie dilettantisch sich die Stadt in der Wahlnacht des 13. September 2020 anstellen würde, niemals hätte Dortmund gesiegt.

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386 Wahllokale gab es am Sonntag. Alle Wahlvorstände sollten, so war es verabredet, zum Telefonhörer greifen und das Ergebnis ans Wahlamt durchgeben, sobald die Stimmzettel einer Wahl ausgezählt waren. Und davon gab es vier: Oberbürgermeister, Rat, Bezirksvertretungen und Ruhrparlament.

Da die Stimmbezirke möglichst gleich groß sein mussten, waren die Wahlhelfer jeweils etwa zur gleichen Zeit mit dem Zählen fertig. Folge: Sie griffen etwa gleichzeitig zum Telefon. 386 Wahllokale, 22 Mitarbeiter am anderen Ende der Telefonleitung im Wahlamt.

Desaster war vorprogrammiert

Ich behaupte jetzt mal ganz kühn: Da war das Desaster vorprogrammiert. 386 Wahllokale und vier Wahlen, das macht 1.544 notwendige Anrufe. Soviel wären es gewesen, wenn jeder gleich durchgekommen wäre. Ging natürlich nicht. Es gab 79.800 Anrufe sagt die Stadt, ganze 633 wurden angenommen.

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Unfassbar. Manfred Kruse, Leiter der Bürgerdienste, sagt: „Die hohe Anzahl an fast gleichzeitigen Anrufen führte jeweils zu besetzten Leitungen und zahlreichen Wiederholungsanrufen.“ Das war nicht absehbar?

Verantwortlich sei letztlich ein Urteil des NRW-Verfassungsgerichts von Ende 2019, sagt Kruse. Danach habe man alle Stimmbezirke neu einteilen müssen, damit sie möglichst gleich groß sind. Im Übrigen hätten die vielen Briefwähler dazu geführt, dass vor Ort weniger gewählt wurde. Das habe zur Folge gehabt, dass das Auszählen schneller gegangen sei und viele Wahllokale gleichzeitig angerufen hätten.

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Kreativer Umgang mit Logik

Ich halte diese Begründung für einen kreativen Umgang mit Logik, denn: Hätten weniger per Brief gewählt, wären mehr Stimmen in den Wahllokalen auszuzählen gewesen und alle Wahllokale hätten später, dann aber trotzdem zeitgleich zum Hörer gegriffen.

Das ist absurd, aber nicht der Kern des Problems: Wieso man im Jahr 2020 als „Digitalste Stadt“ ein so altertümliches Verfahren zur Übermittlung von Daten nutzt wie das Telefon, ist mir ein Rätsel. Inzwischen stehen viele elektronische Systeme zur Datenübermittlung bereit – ohne Warteschlangen, ohne Besetztzeichen und ohne die Fehleranfälligkeit mündlicher Durchsagen.

Zwei Pferde mehr vor der Kutsche

Man habe aus den Fehlern für die Stichwahl gelernt, sagt Stadtsprecher Maximilian Löchter. Dann gebe es ja nur eine Stimme und man werde mehr Personal für die Anrufe vorhalten.

Das ist schön. Die Stadt spannt also zwei zusätzliche Pferde vor die Kutsche. Willkommen im Dortmund des 21. Jahrhunderts!

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