Auf dem Portal www.zoll-auktion.de lassen sich Schnäppchen machen - vom Rettungswagen bis zum Klavier. Wer allerdings einen Rettungswagen ersteigern will, sollte sich das genau überlegen.

Dortmund

, 02.07.2018, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Buch „Mehr als ein Spiel“ zum Deutschen Fußballmuseum liegt wie Blei im virtuellen Schaufenster. Jedenfalls auf dem Online-Auktionsportal www.zoll-auktion.de. Acht Exemplare für zusammen 100 Euro Mindestgebot. Das Finanzamt Dortmund-West hat die Bücher dort als nicht eingelöste Pfandsache eingestellt. Trotz des Schnäppchenpreises - bei Amazon kostet ein Exemplar 19,95 Euro - gab es auch sechs Tage vor Gebotsschluss kein Angebot von den 176 möglichen Interessenten, die es angeklickt haben.

Das Internetportal www.zoll-auktion.de, virtuelles Auktionshaus von Bundesbehörden, Ländern und Gemeinden sowie der Polizei, versteigert vom Oldtimer bis zu Ohrenschützern, vom Thermomix bis zu Thekeninventar alles, was gepfändet, sichergestellt und beschlagnahmt wurde sowie ausgemustertes Verwaltungsgut. Das Portal ist dem Vorbild des Branchenriesen Ebay ähnlich und wird deshalb auch Behörden-Ebay genannt. Jeder kann dort Dinge ersteigern. Jahr für Jahr fließen so Millionen in die Staats- und auch ein wenig in die Stadtkasse.

Rettungswagen im Angebot

Zu den aktuellen Geboten, die aus Dortmund auf das Portal gestellt wurden, zählt ein Rettungswagen der Feuerwehr. Anbieter ist die Stadt. Ein 14 Jahre alter Daimler Chrysler CDI Sprinter, Diesel, knapp 300.000 Kilometer gelaufen, Mindestgebot 4300 Euro.

Waren im Wert von 48.000 Euro hat die Dortmunder Feuerwehr in 2017 über zoll.auktion.de versteigert, berichtet Feuerwehrsprecher André Lüddecke, neben Fahrzeugen gehören auch Ausrüstungsgegenstände zum Angebot. „Darunter waren vor allem alte tragbare Leitern.“ Sie waren bei der Sicherheitsprüfung für die Ansprüche der Feuerwehr durchgefallen. „Alte Schläuche, Wasserförderpumpen oder ausgemusterte Stromerzeuger - es gibt eigentlich nichts, was man nicht versteigern kann“, sagt Lüddecke.

Behörden-Ebay: Zoll, Finanzämter und Justiz versteigern Dortmunder Schnäppchen

Unter dem Stichwort „Dortmund“ lassen sich bei der Online-Versteigerung immer einige Angebote finden. © Screenshot/Grafik: Hasken

Gutachten lesen

Allerdings muss man als Bieter schon genau hinsehen. Wie beim Rettungswagen. Nicht nur die Fahrleistung, sondern auch die besondere Fahrweise hinterlasse ihre Spuren, warnt Lüddecke: „Vollgas, Abbremsen, Vollgas, das ist für den Motor nicht gut.“ Auch der Hygiene-Standard sei durch das ständige Desinfizieren nicht optimal. „Da kann man eher einen Leichenwagen kaufen.“ Deshalb wird auf dem Portal auch empfohlen, sich das zum Gebot eingestellte Gutachten genau anzusehen.

Der Erlös aus den Versteigerungen der Feuerwehr fallen dem allgemeinen Stadthaushalt zu.

Während die Rettungswagen es schwer haben, an einen neuen Besitzer zu kommen, sind die von den Dortmunder Finanzämtern auf zoll-auktion.de angebotenen Behördenfahrzeuge schnell weg. Die haben eine gute Ausstattung und ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis, weiß der Feuerwehrsprecher aus Erfahrung.

Gebrauchte Espressomaschine

Zu den Pfandsachen, die das Finanzamt Dortmund-West aktuell anbietet, zählen eine gebrauchte Espressomaschine (2.200 Euro Mindestgebot) und ein Oldtimer (Verona Cabriolet ,Bauart Morgan, 15.355 Euro Gebot). 18 Interessenten haben für das nicht fahrbereite Liebhaber-Objekt schon geboten.

Können Bürger ihre Steuer nicht zahlen, wird von Vollziehungsbeamten gepfändet und die Gegenstände unter anderem auf dem Versteigerungsportal zu Geld gemacht. „Die Erlöse aus den Versteigerungen dienen vollumfänglich der Reduzierung oder Begleichung der bestehenden Steuerrückstände“, erläutert Arndt Hochstrate vom Finanzamt-Hörde.

100-DM-Schein im Bilderrahmen

Dinge im Wert von fast 80.000 Euro wurden im vergangenen Jahr vom federführenden Hauptzollamt Dortmund über die Zollplattform versteigert. Die Einnahmen haben sich im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt, teilt Stefanie Eisenfeller von der Stabsstelle Kommunikation des zuständigen Hauptzollamts Gießen mit.

Aber auch die Zahl der Versteigerungen sei gestiegen. Unter den Hammer kommen neben Autos auch Motorräder, Uhren, Schmuck, Fernseher, Spielkonsolen und Teppiche. Aber auch besondere Stücke wie ein „100-DM-Schein im Bilderrahmen“ wurden schon versteigert. Der Erlös betrug 98 Euro.

Die höchsten Gebote erzielen Autos

Ungewöhnlich war auch die Einspritzpumpe für einen Audi A6. Die höchsten Gebote, so Stefanie Eisenfeller, werden mit Kfz-Auktionen erzielt. Von der Chef-Klasse bis zum Kleinwagen. Ladenhüter gebe es eigentlich nicht. „Es kann jedoch vorkommen, dass für eine Auktion keine Gebote abgegeben werden. Die jeweilige Auktion wird dann erneut eingestellt. Bisher wurde aber noch für jede Auktion ein Gebot abgegeben“, sagt sie.

Die Zoll-Auktionen im Netz gibt es mittlerweile seit 16 Jahren - und sie haben Nachahmer gefunden. Auch die Justiz hat sich erfolgreich in die Welt des Internetbusiness vorgewagt. Über www.justiz-auktion.de versteigern die deutschen Landesjustizbehörden. Das Portal ist für Gerichte, Staatsanwaltschaften und Gerichtsvollzieher geöffnet, wurde 2006 eingeführt und dann nach und nach über alle Bundesländer ausgeweitet. Heute erstreckt es sich mittlerweile auch auf Österreich und die Schweiz.

26.000 Euro über justiz-auktion.de erzielt

Für den Bereich Dortmund wurde auf dem Justizportal in 2017 ein Umsatz von 26.000 Euro erzielt, sagt Oberstaatsanwalt Tim Engel, Leiter des Projekts Justiz-Auktion, das bei der Generalstaatsanwaltschaft Hamm angedockt ist.

Fast 3200 Euro hat die Staatsanwaltschaft Dortmund zu den 26.000 Euro beigetragen. Die versteigerten Gegenstände wurden entweder im Zuge von Strafverfahren eingezogen oder stammen von den Behörden selbst wie Schreibtische und Bücher. Weg wie warme Semmeln gehen elektronische Gegenstände wie PCs und Notebooks. Möbel seien dagegen weniger gefragt, teilt Henner Kruse, Staatsanwalt und Sprecher der Staatsanwaltschaft Dortmund, mit.

„Kein Betrugspotenzial“

Im Vergleich zu anderen Versteigerungsportalen könne man bei justiz-auktion.de sicher sein, nicht über den Leisten gezogen zu werden, versichert Oberstaatsanwalt Engel: „Bei uns wird keiner übers Ohr gehauen, die Leute bekommen das, was sie sehen können. Es gibt kein Betrugspotenzial.“

Der Erfolg resultiert sicher auch aus der Seriosität der Behörden-Ebays; denn die Einnahmen steigen stetig. In NRW gab es 2017 auf justiz-auktion.de 3600 Auktionen, mit denen 650.000 Euro erlöst wurden. In diesem Jahr sind es auch bereits wieder 1800 Versteigerungen mit einem Umsatz von 370.000 Euro. Aktuell stehen aus Dortmund drei zwangsvollstreckte Klaviere auf dem Portal, Startgebot ab 800 Euro.

Dampflokomotive versteigert

Engel erinnert sich an einen ganz besonders ausgefallenen und großen Versteigerungsgegenstand, für den man zur Abholung einen eigenen Gleisanschluss brauchte: „Vor fünf Jahren kam eine komplette historische Dampflokomotive unter den Hammer. Die ist dann nach Polen gegangen.“

Der Vorteil einer Online-Versteigerung gegenüber Vor-Ort-Auktionen liegt für die Behörden auf der Hand: „Dahinter steht die Erkenntnis, dass Hinterhofversteigerungen nicht dazu beitragen, den Marktwert der angebotenen Gegenstände widerzuspiegeln“, erläutert Projektleiter Engel, „wenn wir das Maximum herausholen wollen, erreichen wir das über das Internet besser.“ Auch der Aufwand ist geringer.

Elektrische Zahnbürsten

Während die Staatsanwaltschaft eher die „dicken Fische“ wie Ferraris oder jüngst in Wuppertal eine Stereoanlage für 250.000 Euro unter den Hammer gibt, läuft’s beim Dortmunder Amtsgericht eine Nummer kleiner. Neben eigenem ausgemusterten Mobiliar und Inventar werden eingezogene, beschlagnahmte und sichergestellte Gegenstände, die keinem Besitzer mehr zugeordnet werden können, auf die Justiz-Plattform gestellt. „Die Aufsätze von elektrischen Zahnbürsten gehen immer gut weg“, weiß Amtsrichter und Behördensprecher Jan Schwengers.

Gefragt sind auch Fahrräder und neue Bekleidung. „Im Grunde geht alles weg“, sagt Schwengers. Auch die Sensen, mit denen Öko-Aktivisten Gen-Maisfelder den Garaus machen wollten. Weil die Bieter sich zuweilen hochsteigern, wechseln Dinge auch schon mal überteuert den Besitzer. Was zum Beispiel mit einem Wert von 20 Euro recherchiert worden sei, habe den erfolgreichen Bieter am Ende 25 Euro plus Versand gekostet, berichtet Schwengers.

Nicht alles ist erlaubt

Doch nicht alles darf beim Behörden-Ebay über die virtuelle Bietertheke gehen. Ausgenommen sind Dinge, die gegen Verbote oder die guten Sitten verstoßen und das Ansehen der Justiz beschädigen.

Darunter fallen Waffen aller Art, Plagiate, verbotene Videospiele, gewaltverherrlichende, pornografische sowie mit Hakenkreuzen versehene Gegenstände, Festplatten, USB-Sticks, Zigaretten, Drogen oder auch Gegenstände, mit denen man Cannabis anbauen kann. „Zum Beispiel spezielle Leuchtröhren“, so Schwengers, „mit denen kann man viel verdienen, wir vernichten die.“

Tabu sind neben geschützten Tierarten auch getragene Kleidung und verderbliche Ware wie Lebensmittel. Alkohol hingegen ist erlaubt. So wurde vor vier Jahren in Bayern die Weinsammlung des Ex-BayernLB-Vorstands Gerhard Gribkowsky versteigert - das waren 892 Flaschen.

Bei zoll-auktion.de fließt der Erlös aus Verwaltungsgütern fließt unter anderem in den Bundes- oder Landeshaushalt, bei Pfandsachen geht der Ertrag nach Verrechnung der entstandenen Kosten an die Auftraggeber der Vollstreckung wie die Bundesagentur für Arbeit, an die Berufsgenossenschaften, die Krankenkassen oder andere Sozialbehörden. Bei justiz-auktion.de geht das Geld entweder an die Landeskasse, an Gläubiger oder an Opfer von Straftaten. Beim NRW-Tag 2018 vom 31. August bis 2. September auf Zeche Zollverein wird justiz-auktion.de präsentiert und mit Präsenz-Versteigerungen für das Portal geworben.
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