1924 verloren elf Menschen bei einer Gasexplosion auf der Halde Schleswig ihr Leben. Der Asselner Hobbyhistoriker Klaus Coerdt erinnert an das dramatische Unglück vor 95 Jahren.

von Klaus Coerdt

Neuasseln

, 26.12.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Klaus Coerdt, Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins Asseln, erinnert an ein historisches Ereignis aus Asseln: die Gasexplosion beim Abtragen der Bergehalde Schleswig 1924.

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Erfreulicherweise blieben die Schachtanlagen Schleswig (Neuasseln) und Holstein (Asseln) der „Zeche Hoerder Kohlenwerk“ von schweren Massenunglücken verschont. Der folgenschwerste Unglücksfall ereignete sich am 16. September 1924 – allerdings über Tage beim Abtragen der Bergehalde Schleswig. Dieses Unglück stand nach Angaben des Grubensicherheitsamts im Preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe „nach Umfang und Folgen bisher einzig“ da.

Bei Gasexplosion auf der Halde Schleswig kamen 1924 elf Menschen zu Tode

Diese Skizze liegt vom Unfallgeschehen vor. © Archiv Klaus Coerdt

Wie auf der vom Grubensicherheitsamt angefertigten Skizze zu ersehen ist, hatte die Bergehalde 1924 zwei nach Westen vorgestreckte, 15 bis 25 Meter hohe Rücken. Der Böschungswinkel der Haldenabhänge betrug 45 Grad. Die Schlucht war am östlichen Ende etwa 20 Meter breit und verengte sich nach Westen.

Ein 30 Meter langer Tunnel

Unter dem nördlichen Haldenrücken befand sich ein 30 Meter langer, 2,50 Meter hoher und ebenso breiter Tunnel, durch den die mit Bergematerial vom südlichen Haldenrücken beladenen Förderwagen zur Beladestation der beiden Drahtseilhängebahnen, die zu den Zechen Scharnhorst und Courl führten, gebracht wurden.

Dort wurde das Bergematerial zum Versatz unter Tage verwendet. Die Tätigkeiten auf der Halde wurden von einem Fremdunternehmen unter Leitung des Tagesbetriebsführers der Zeche Courl ausgeführt.

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Am Unfalltag, dem 16. September 1924, schwelte der obere Teil des südlichen Haldenbergs, der am Vortag mit Wasser berieselt worden war. Ohne besondere Vorzeichen rutschten kurz nach 9 Uhr zwischen den Bereichen A und B schätzungsweise 300 Kubikmeter Haldenmassen unter dumpfem Getöse in die Schlucht.

Dieser Vorgang setzte riesige Gasmengen frei, die sich in Klüften und Hohlräumen der Halde durch Schwelung angesammelt hatten und sich unter dem plötzlichen Hinzutritt von Sauerstoff an glühenden Kohlenteilchen entzündeten.

Verstärkt wurde die Wirkung der Explosion durch die Entspannung von Wasserdampf. Die mit großer Gewalt aufgewirbelten feinen Kohlen- und Ascheteilchen verursachten zum einen die schweren Verbrennungen bei den Arbeitern, zum anderen bedeckten sie die gesamte Unfallstelle mit feinem Staub.

28 Arbeiter reagierten geistesgegenwärtig

Alle westlich der Abrutschungsstelle A beschäftigten 28 Arbeiter reagierten geistesgegenwärtig, flüchteten in Richtung Westen und blieben unverletzt. Von den sieben Arbeitern, die östlich der Abrutschungsstelle B tätig waren, kam einer sogleich zu Tode. Seine Leiche wurde verschüttet, konnte aber bald entdeckt werden, weil eine Hand aus der feinen Asche herausragte.

Ein anderer lief in Richtung Westen und erlitt an der Unfallstelle (D) tödliche Verbrennungen. Die übrigen 5 Arbeiter suchten Zuflucht im Tunnel (E), wo sie sich in Sicherheit wähnten.

Bei Gasexplosion auf der Halde Schleswig kamen 1924 elf Menschen zu Tode

Traueranzeige für die verstorbenen Bergleute. © Archiv Klaus Coerdt

Doch dann wurde der südliche Tunneleingang zugeschüttet, und aus dem Haldenmaterial entwichen brennbare Gase, die sich an glühenden Haldenstücken entzündeten. Die Explosion im engen Tunnel war so gewaltig, dass die mit einem Hemmklotz festgerammten beladenen Förderwagen und die in den Tunnel geflüchteten fünf Arbeiter mit den drei Arbeitern, die im Tunnel beschäftigt waren, aus dem Tunnel hinausgeschleudert wurden. An der mit (G) bezeichneten Stelle wurden sie mit glimmender Arbeitskleidung, Knochenbrüchen und Schädelverletzungen, aber noch lebend von ihren unverletzt gebliebenen Arbeitskollegen aufgefunden. Die herbeigeeilten Dorf-Ärzte konnten nur versuchen, ihnen Linderung zu verschaffen; eine reale Chance zu überleben, hatte leider keiner.

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Von den beiden an der Unfallstelle (C) beschäftigten Arbeitern erlitt einer tödliche Verbrennungen, während sich der andere unverletzt in Sicherheit bringen konnte. Der an der Telefonzelle der Beladestation der Drahtseilbahn (F) beschäftigte Arbeiter kam mit leichten Brandwunden davon.

Im Bericht des Grubensicherheitsamts im Preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe erhoben die Gutachter keine Einwendungen gegen die Betriebsweise der Haldenabtragung.

Trauerfeier und Beerdigung der Todesopfer

Am Sonntag, dem 21. September 1924, fand in der offenen Zechenhalle die Trauerfeier statt, wo in langer Reihe die elf schweren Eichensärge standen. Der Chronist berichtete von herzzerreißenden Szenen, die sich an den Särgen abspielten. Tausende waren aus den umliegenden Dörfern gekommen, um den tödlich verletzten Zechenarbeitern das letzte Geleit zu geben. Die Totenfeier, die unter dem Motto „Hinter Euch liegen die dunklen Berge, die Euer Unglück schufen“ stand, hielt der Brackeler Pfarrer Heinrich Grüber.

Posaunenchor spielte vor 5000 Trauernden

Unter den Klängen des Posaunenchores formierte sich der Trauerzug, der sich langsam in Richtung Aplerbeck zum neuen Friedhof in Bewegung setzte. Voran gingen, wie in der Zeitung zu lesen war, zwanzig Vereine aller Art mit ihren Fahnen und Kapellen, dann kamen die Wagen mit den Särgen. Den Angehörigen folgten etwa 5000 Trauernde im Zug und und mindestens ebenso viele säumten die Straßen.

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Auf dem neuen Friedhof in Aplerbeck widmete Pfarrer Friedrich Petersmann den Toten die letzten Worte „Von Erde seid ihr genommen, zu Erde sollt ihr werden.“ Dann sang der Arbeiter-Gesangverein Aplerbeck den Entschlafenen übers Grab: „Schlaf wohl, du Kamerad, schlaf wohl. Schlaf wohl im kühlen Grab.“

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