Angst bei Thyssenkrupp in Dortmund: Sind 1300 Arbeitsplätze in Gefahr?

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Der englische Konkurrent Liberty Steel möchte Thyssenkrupp die Stahlwerke abkaufen. Sind jetzt rund 1300 Arbeitsplätze in Dortmund bedroht? Die Arbeitnehmervertreter schlagen Alarm.

Dortmund

, 20.10.2020, 14:17 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit Argusaugen blicken die rund 1300 Beschäftigten von Thyssenkrupp in Dortmund auf das, was gerade rund um ihren Konzern passiert. Mitten in der Corona-Krise will der britische Konkurrent Liberty Steel die Stahlsparte von Thyssenkrupp kaufen.

„Wir wollen aber keinen Verkauf“, sagt die Dortmunder Betriebsratvorsitzende der Thyssenkrupp Steel Europe AG, Kirstin Zeidler. „Einen guten Partner zu finden, wäre sehr gut, aber ein Aufkauf wäre das Schlimmste“, meint sie. Kirstin Zeidler ist seit über 30 Jahren im Unternehmen. „Ich bin ein gebranntes Kind, denn ich habe schon zwei Fusionen hinter mir und weiß, dass eins plus eins nicht zwei ist“, sagt sie.

Die Stahlbranche in Europa steht erheblich unter Druck. Überkapazitäten auf dem Weltmarkt machen den Stahlproduzenten erheblich zu schaffen. „Wir waren schon vor Corona ein Risikopatient, aber jetzt müssen wir beatmet werden, damit wir wieder ans Laufen kommen“, sagt die Arbeitnehmervertreterin Kirstin Zeidler.

Thyssenkrupp in Dortmund produziert für die Autoindustrie

Thyssenkrupp Steel beschäftigt mehr als 27.000 Menschen - vor allem in Nordrhein-Westfalen. Große Standorte gibt es in Duisburg, Bochum, Südwestfalen und eben auch in Dortmund. Auf der Westfalenhütte werden vor allem feuerbeschichtete und elektrolytisch beschichtete Karosserieteile für die Autoindustrie produziert.

Kirstin Zeidler ist Betriebsratvorsitzende bei Thyssenkrupp in Dortmund

Kirstin Zeidler ist Betriebsratvorsitzende bei Thyssenkrupp in Dortmund. „Einen guten Partner zu finden, wäre sehr gut, aber ein Aufkauf wäre das Schlimmste“, sagt sie. © IG Metall

Die Corona-Krise hat nun den Autoabsatz erheblich gebremst und den Umsatz für die Stahlproduzenten und -weiterverarbeiter stark gemindert. Für die Gewerkschafterin Ulrike Hölter ist klar, wer den Risikopatienten Thyssenkrupp jetzt beatmen muss. „Das Land NRW muss einsteigen, so wie das die Landesregierungen in Niedersachsen und dem Saarland für ihre Stahlstandorte auch tun. Ministerpräsident Laschet könnte ein richtiger Stahlarbeiter werden. Wir hätten ihn gerne an unserer Seite“, sagt Ulrike Hölter, die die Geschäftsführerin der IG Metall in Dortmund ist.

Aus Düsseldorf sendete NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart allerdings am Montag (19.10.) andere Signale. Der FDP-Politiker begrüßt mögliche Zusammenschlüsse der Stahlsparte von Thyssenkrupp, wenn Job-Auflagen erfüllt werden: „Auch Zusammenschlüsse mit anderen Anbietern können Teil der Lösung sein, wenn sie den Umbau beschleunigen und die Wettbewerbsfähigkeit stärken. Dabei wird die Landesregierung genau darauf achten, dass die Interessen der Beschäftigten gewahrt werden“, sagte Pinkwart der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.

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Pinkwart betonte weiter: „Die Stahlindustrie ist dreifach herausgefordert: durch Überkapazitäten auf den Weltmärkten, pandemiebedingte Umsatzrückgänge und den notwendigen Umbau hin zu einer CO2-neutralen Produktion. Damit die Unternehmen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine gute Zukunft in Nordrhein-Westfalen haben, müssen alle einen Beitrag leisten: Unternehmen, Sozialpartner und Politik.“ Die Politik müsse die richtigen Rahmenbedingungen setzen und helfen, damit der klimafreundliche Umbau gelingt.

Liberty-Steel-Chef will schnell CO2-neutral produzieren

Ulrike Hölter hofft für die 1300 Beschäftigten in Dortmund, dass sich Pinkwart nicht durchsetzt. „Wir befürchten seitens der IG Metall, dass Liberty Steel nicht ausreichend finanzielle Mittel mitbringt, einige Standorte nicht weiter betreiben will und nichts investiert“, sagt sie. Die IG-Metall-Geschäftsführerin fügt hinzu: „Wenn Liberty Steel kommt, haben wir Angst um die Arbeitsplätze.“

Blick auf das Areal der alten Westfalenhütte in Dortmund. Links entsteht auf dem Werksgelände von Thyssenkrupp eine neue Feuerbeschichtungsanlage.

Blick auf das Areal der alten Westfalenhütte. Links entsteht auf dem Werksgelände von Thyssenkrupp eine neue Feuerbeschichtungsanlage. © Blossey Luftbild

Diese Angst wiederum will der Inhaber des britischen Konzerns, Sanjeev Gupta, vertreiben. Er sieht die europäische Stahlindustrie in einer schwierigen Situation. Gupta sagte der „Rheinischen Post“: „Die Werke sind nicht ausgelastet und die Klimabilanz der Branche ist alles andere als gut. Deshalb müssen wir Stahl möglichst schnell CO2-neutral produzieren. Das treibt mich an, als Familienvater und Unternehmer. Gemeinsam mit Thyssenkrupp können wir das deutlich besser und früher erreichen.“

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Die IG Metall überzeugt das nicht. „Wir brauchen keinen neuen Eigentümer, sondern zusätzliches Kapital - und das hat Liberty auch nicht“, sagte das Vorstandsmitglied der Gewerkschaft, Jürgen Kerner, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Eine Übernahme durch Liberty löse keines der Probleme.

Der nordrhein-westfälische IG-Metall-Bezirksleiter Knut Giesler ergänzte: „Wer meint, in einem Ein-Euro-Laden Thyssenkrupp billig kaufen zu können, ist nicht der richtige Partner.“ Liberty habe kein industrielles Konzept, sondern betreibe bislang nur Billigstandorte.

Thyssenkrupp setzt auf zweite Feuerbeschichtungsanlage

Die IG Metall bekräftigt daher ihre Forderung nach einem Staatseinstieg bei Thyssenkrupp. „Was für Airbus und die Lufthansa gilt, sollte für Thyssenkrupp auch gelten“, sagt Ulrike Hölter.

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Für die Dortmunder Betriebsratchefin Kirstin Zeidler wächst mit der zweiten Feuerbeschichtungsanlage auf dem Werksgelände gerade eine Zukunftshoffnung. 250 Millionen Euro kostet sie und soll 100 neue Arbeitsplätze schaffen. Eigentlich sollte sie in diesen Wochen fertig werden, wegen der Corona-Krise verzögert sich jedoch der Bau. Anfang 2022 soll die Anlage nun in Betrieb gehen.

Da Autohersteller beim Karosseriebau immer mehr auf feuerverzinkten Stahl setzen, soll die Anlage helfen, Dortmund als Stahlstandort zu sichern. Dazu muss allerdings erst die Corona-Krise bewältigt werden.

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