Erst schwebten die „Weihnachtsbäume“ vom Himmel, dann fielen die Bomben

rnZeitzeugenbericht

13.000 Menschen werden Sonntag wegen der Entschärfung mehrerer Weltkriegsbomben evakuiert. Das weckt Erinnerungen bei dem Dortmunder Horst Lück (83). Er erlebte die Bombardierung des Klinikviertels 1943.

Klinikviertel

, 10.01.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für viele Dortmunder wird der Sonntag (12. Januar) kein Sonntag wie jeder andere. Mehr als 13.000 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen, weil mehrere Weltkriegsbomben im Innenstadtbereich gehoben und entschärft werden müssen. Es schwingt da bei manchen ein Stück weit Ungewissheit mit, ob und wann sie wieder nach Hause zurückkehren können.

„Zwar ist in den vergangenen Jahren bei anderen Entschärfungen nie ein Blindgänger losgegangen, dennoch bete ich für die Männer vom Kampfmittelräumdienst", sagt der Dortmunder Horst Lück.

Erst schwebten die „Weihnachtsbäume“ vom Himmel, dann fielen die Bomben

Heute lebt Zeitzeuge Horst Lück in Berghofen. © Fabian Paffendorf

Die Bergung und Entschärfung am Wochenende ist für den Dortmunder Senior eine emotionale Sache. Als er davon hörte und las, in welchem Bereich der Innenstadt geräumt wird, habe ihn das innerlich aufgewühlt, wie er erzählt. Denn Horst Lück war als Kind dabei, als die Flieger der Alliierten die Sprengkörper 1943 über dem Klinikviertel abwarfen.

Nacht im Luftschutzkeller nie vergessen

Eine Nacht im Juli 1943 hat sich besonders in Lücks Erinnerung eingegraben. „Ich habe es zuvor und danach nie wieder gesehen, dass so viele erwachsene Menschen so dicht aneinander hockten und beteten – und da war es egal, ob sie gläubig waren oder nicht. Sie beteten zusammen im Luftschutzkeller, als uns die Klamotten um die Ohren flogen“, sagt der 83-Jährige.

Jetzt lesen

15 Menschen saßen im Keller, als die Bomben fielen. „Eine der Druckwellen war so stark, dass eine Metallplatte durch den Raum flog, die zum Schutz vor den Fenstern befestigt war“, sagt der Zeitzeuge.

Erst schwebten die „Weihnachtsbäume“ vom Himmel, dann fielen die Bomben

Gertrud und Hermann Lück mit ihren Söhnen Jochen und Horst in den 1940er-Jahren. © Lück

Die Bombardements gehörten ab Mai 1943 zum Alltag der Dortmunder Bevölkerung. „Immer wieder ertönte der Fliegeralarm, man brachte sich in Sicherheit und auf dem Weg in den Luftschutzkeller sah man sie vom Himmel gleiten, die ‚Weihnachtsbäume‘“, erzählt Lück.

Die sogenannten „Weihnachtsbäume“ waren weitleuchtende Zielmarkierungen, die den Bomberpiloten die Abwurfzonen ihrer tödlichen Fracht markierten.

Haus der Familie zerstört

In der denkwürdigen Nacht im Juli 1943 fielen die Bomben auch auf das Haus der Familie Lück an der damaligen Leuther Straße 16/18 und zerstörten es. „Eigentliches Ziel war es, den Dortmunder Bahnhof zu zerstören, da kamen Brandbomben runter, unser Haus brannte ab“, sagt Horst Lück und erinnert sich zurück. Gut eine Stunde lang, so schätzt der Senior, dauerte das Bombardement.

„Aus dem Keller heraus sah ich meinen Vater, der mit Wasser aus dem Löschteich unser brennendes Haus löschen wollte. Mein Bruder Jochen, gerade einmal fünf Jahre alt, rannte mit seinem kleinen Spieleimer raus, um Papa zu helfen.“

Im Sommer 1943 sollte Horst Lück eingeschult werden und nach der Bombennacht fragte er seine Mutter: „Muss ich jetzt immer noch in die Schule, oder verschiebt sich das jetzt doch noch ein wenig?“

Obdach in der Fabrik

Obdach nach der Bombennacht fand Horst Lücks Familie in Schüren, in den Räumen der Fabrik seiner Eltern. Die Eltern betrieben die Firma Hagemann & Co., die auf die Mutter Gertrud zurückzuführen ist, da sie eine geborene Hagemann war. Die Firma besteht noch heute in Schüren.

Jetzt lesen

Das von den Bomben beschädigte Haus ließ Familie Lück nicht mehr wieder aufbauen. Stattdessen verkaufte man das Grundstück. Die Lücks blieben in Schüren. „Groll gegen die Amerikaner oder die Engländer habe ich nie gehegt. Irgendwie war das alles weggewischt, was da damals passierte“, sagt Horst Lück.

Was den Zeitzeugen viel eher beschäftigt, ist die Tatsache, dass auch 2020 immer noch nicht alle Blindgänger im Dortmunder Stadtgebiet gefunden wurden. „Die Luftbilder sind schon so alt, da ist das unverständlich“, sagt er.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt

Wenn am 12. Januar Teile der Dortmunder Innenstadt wegen der Suche nach Bombenblindgängern evakuiert werden, ist auch der Hauptbahnhof betroffen. Infos für Zugreisende sind noch spärlich. Von Oliver Volmerich

Lesen Sie jetzt