Bibliotheken sollten für alle kostenlos sein!

rnKolumne: Klare Kante

Bildung, heißt es, ist der Schlüssel zu allem. Bildung soll vor Armut schützen. Warum ist der Zugang zu Bibliotheken in Dortmund, wo knapp 15 Prozent von Hartz IV leben, kostenpflichtig?

Dortmund

, 08.10.2018, 04:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mein Vater war Bergmann. Er war das, soweit ich das beurteilen kann, ziemlich gerne. Im Wohnzimmer hängen heute noch die alten Grubenlampen, auch wenn mein Vater schon ein paar Jahre tot ist. Er ist Geschichte. So wie der Bergbau Geschichte ist.

Rohstoffe, die sich zu Geld machen lassen und ihren Mann ernähren, gibt es hier nicht mehr.

Was es noch gibt, ist der Rohstoff Bildung. Hört man ja immer wieder. Und die Bildung, das hört man ja auch immer wieder, soll ja der Schlüssel zu allem sein. Und vor vielem bewahren: vor Fettleibigkeit und schlechten Zähnen, vor ungesundem Lebenswandel. Kurz gesagt vor Armut.

Armut ist und bleibt in Dortmund ein Riesenthema.

Armut ist in dieser Stadt ein Riesenthema: Knapp 90.000 Menschen leben hier von Hartz IV. Rund 14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Desaströs ist die Lage bei Kindern und Jugendlichen: 30,3 Prozent der Menschen, die jünger sind als 18 Jahre, leben in Familien, die Hartz IV beziehen. Das sind rund 28.000 Kinder und Jugendliche.

Wenn man sich mit Sozialarbeitern unterhält, erfährt man, dass diese Kinder nicht alle unter Hunger leiden. Sie frieren auch nicht zwingend. Was ihnen aber allen fehlt, ist der Zugang zu Wissen. Die Möglichkeit, an Bildung außerhalb der Schule teilzuhaben.

Man kann das so hinnehmen. Man kann aber auch sehen und lernen, wie es anderorts besser gemacht wird.

In Dänemark etwa, wir verbrachten dort die Sommerferien.

Entdecke die Möglichkeiten!

Unser Ältester ist neun Jahre alt und er liest aktuell ganz gerne. Die paar Bücher, die wir für ihn dabei hatten, hatte er schnell durch. Wir brauchten Nachschub.

Dänische Nachbarn gaben uns den Tipp, es in der örtlichen Bibliothek zu versuchen. Ich war skeptisch, aber wir hatten die Zeit und standen dann kurz darauf in einer für dieses kleine Hafenstädtchen gar nicht mal kleinen Bibliothek.

Deutsche Kinder- und Jugendbücher? Die habe man, hieß es dort, leider nicht hier. Aber in ein paar Nachbarkommunen und -städten gäbe es vereinzelte Exemplare. Wenn wir morgen, besser übermorgen wiederkämen, dann seien die alle hier.

Wir waren dann einen Tag später wieder da und bekamen tatsächlich einen Stapel Bücher. Zurückgeben könnten wir, sagte uns die Bibliothekarin, die Bücher in jeder öffentlichen Bibliothek in Dänemark. Das sei praktisch, wenn wir gerade eine Rundreise machen würden. Oder, wenn ein Buch zum Ende des Urlaubs noch nicht fertig gelesen sei. Dann könne das auf der Rückfahrt gelesen und kurz vor der Grenze abgegeben werden. Ich war ob der Möglichkeiten ziemlich platt.

Nichts gegen das Personal der Stadt- und Landesbibliothek am Dortmunder Hauptbahnhof, die Menschen dort sind in der Regel sehr freundlich – aber so viel Service war mir in einer Bibliothek noch nie begegnet.

Und dann auch noch alles für lau

Ich zückte dann meinen Ausweis, ließ mir einen Dänischen Bibliotheksausweis (Bibliotek & Borgerservice, Frederikshavn Kommune) ausstellen. Und zahlte für den ganzen Spaß: nichts. Das sei schon mit den Steuern, die der Staat eingenommen habe, bezahlt worden. Zugang zu Bildung sei wichtig und dürfe nichts kosten. Und dass ich kein Däne sei, sei auch nicht weiter tragisch, das gelte auch für EU-Ausländer.

Wer in Dortmund einen Büchereiausweis haben will, zahlt als Jugendlicher oder Kind auch nichts. Aber ein Kind geht auch nicht alleine in die Bibliothek. Ein Erwachsener zahlt 20 Euro. Und 20 Euro können eine mächtige Menge Holz sein. Warum ist das nicht auch hier einfach für alle kostenlos? Die Bücher und die DVDs, die CDs, die E-Books und das W-LAN.

Wer das jetzt alles zahlen soll? Na, wir! Mit unseren Steuergeldern. Es ist eine alte Binse, aber sie gilt bis zum Beleg des Gegenteils: Jeder Euro, den man in Prävention steckt, ist sinnvoll angelegt. Mit dem Geld vermeidet man Kosten. Wer für sich selber aufkommen kann, muss nicht unterstützt werden. Und zahlt in der Regel Steuern.

Eine Welt, von der wir heute noch nicht wissen, wie sie aussehen wird.

Mein Vater war Bergmann. Seine Branche ist Geschichte, ihr Ende war absehbar. Er hat seinen Kindern nie empfohlen, Bergmann zu werden.

Ich bin Journalist. Und ich würde, Stand heute, meinen Kindern nicht empfehlen, beruflich in meine Fußstapfen zu treten. Ich weiß nicht, was meine Kinder später einmal machen werden. Aber wenn sie genug in der Birne haben, wenn sie freien und unbeschränkten Zugang zu Bildung haben, so wie es alle Kinder haben sollten, dann mache ich mir keine übermäßigen Sorgen. Darüber, dass sie sich in einer Welt zurechtfinden werden, von der wir heute noch nicht wissen, wie sie dann aussehen wird.

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