Tausende Kaugummis bilden in der Innenstadt ein Pflaster der Schande. Unser Autor findet, dass die Stadt gegen die Spucker vorgehen muss. Mit hohen Bußgeldern – und wirksamen Kontrollen.

Dortmund

, 25.01.2019, 18:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie sind klein, hässlich und extrem ortsfest. Meist nicht größer als eine Zwei-Euro-Münze. Am Anfang ihres Lebens weiß, nach einigen Tagen grau und schmutzig. Wo sie einmal pappen, kriegt man sie nur mit rabiater Gewalt wieder weg. Zu Abertausenden haben sie sich auf dem Pflaster in der City niedergelassen. Sie sind gekommen, um zu bleiben. Ausgekaute Kaugummis.

Eine Ansammlung vollgekleckerter Steine

Nagelneues, schickes Pflaster verwandelt sich innerhalb weniger Wochen in eine Ansammlung vollgekleckerter Steine. Dabei spucken sich die Kaugummis nicht selbst aus. Das machen allein die kauenden Menschen, die auf ihrem Weg durch die Stadt irgendwann genug geschmatzt haben und achtlos die klebrigen Klumpen ausspucken, wo sie gerade stehen und gehen. Das Dortmunder City-Pflaster ist zum Denkmal der Schmutzfinken verkommen.

Die Stadt hat im Kampf gegen die Kaugummiflecken auf dem Pflaster längst resigniert. 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft ließ die Stadt das Hellweg-Pflaster von einer Firma mit einer Mischung aus Dampf, Bürsten und Muskelkraft reinigen. 10.000 Euro hat das gekostet. Noch bevor Deutschland seinerzeit im Halbfinale im Signal Iduna Park gegen Italien mit 0:2 ausschied, war von der Reinigungsaktion nichts mehr zu sehen gewesen.

Sisyphos hatte es vergleichsweise einfach

Sisyphos, der einen Felsblock immer wieder auf einen Berg rollen musste, nur damit dieser kurz vor dem Ziel wieder ins Tal rauschte, hatte es vergleichsweise einfach. Pflaster in Dortmund kaugummifrei zu halten, ist ungleich schwieriger. Deshalb hat es seither auch keine vergleichbare Reinigungsaktion mehr gegeben.

„Wir haben das mal für den Friedensplatz durchgerechnet“, sagt Matthias Kienitz, Pressesprecher der Entsorgung GmbH (EDG), „allein für den Friedensplatz würde das 35.000 Euro kosten und nach 14 Tagen sähe es wieder genauso aus“. Das Problem an den Kaugummis ist erstens, dass sie überhaupt auf dem Pflaster landen, und zweitens, dass sie zu einem Teil aus Kunststoffen bestehen, die aus Erdöl gewonnen werden. Diese Kunststoffe sind nicht biologisch abbaubar, verschwinden also nicht innerhalb weniger Wochen wieder von selbst. Sie bleiben da, wo sie sind, jahrelang.

Eine Viertelstunde, um einen Quadratmeter Pflaster zu reinigen

Große Reinigungsmaschinen für diesen Zweck gibt es nicht. Will man die Flecken beseitigen, muss man ihnen mit Dampf, Spachtel und Muskelkraft zu Leibe rücken. Das geht, dauert aber 15 bis 20 Sekunden pro Flecken. Wer auf dem Westenhellweg die Flecken pro Quadratmeter zählt, kommt auf 30, 40 oder sogar 50 Kaugummis. Da kann sich jeder selbst ausrechnen, wie groß das Problem ist.

Noch besser wäre es natürlich, wenn die Kaugummis gar nicht erst aufs Pflaster gespuckt würden. Eigentlich sollte einem doch der gesunde Menschenverstand schon sagen, dass man das nicht tut. „Das machen die Menschen auf ihrer eigenen Terrasse doch auch nicht. Also warum tun sie es im öffentlichen Raum?“, fragt auch Matthias Kienitz. Gute Frage. Gleichgültigkeit? Gedankenlosigkeit? Rücksichtslosigkeit? Dummheit? Faulheit? Vielleicht eine Mischung aus allem.

Sauberkeit auf einer viertel Seite

2014 verabschiedete die Stadt das Konzept „City 2030“. Es umfasst 90 Seiten. Das Thema Sauberkeit wird auf Seite 65 abgehandelt – mit einer Viertelseite. „Der Eindruck von der City und ihrer Aufenthaltsqualität ist eng mit Sauberkeit und Sicherheit verbunden“, heißt es da. Die Kaugummi-Problematik spielt keine Rolle. Auch so dokumentiert sich Resignation.

Wenn Menschen nicht aus Einsicht vernünftig handeln, dann vielleicht aus Furcht vor Strafe. Bei Rasern hat das mittels Radarfallen zumindest häufig eine heilsame Wirkung. Auch gegen Kaugummisünder kann die Stadt vorgehen und tut es auch, heißt es bei der Stadt. Erwischte Kaugummi-Sünder bekommen in der Regel ein Bußgeld von 25 Euro aufgebrummt. Soweit die Theorie.

Sünder werden kaum erwischt

tIn der Praxis dürfte bisher kaum ein Kaugummi-Spucker gezahlt haben. Man erfasse die Kaugummi-Delikte nicht gesondert, heißt die Antwort der Stadt auf eine entsprechende Nachfrage. Es gebe nur Gesamtzahlen. 393 Verstöße gegen das Abfallrecht seien 2018 in Dortmund geahndet worden. Da sind aber alle Müll-Verstöße eingeschlossen – vom Müllabladen im Wald bis zur weggeworfenen Bierdose im Park. Bei den gefühlten Hunderten Kaugummis, die täglich neu auf dem Pflaster landen, dürfte der Anteil erwischter Kaugummi-Sünder im Promillebereich liegen, wenn überhaupt.

Es gibt Regionen, da ist das anders. In Baden-Württemberg zum Beispiel ist erst im Dezember ein neuer Bußgeldkatalog erlassen worden. Kaugummi-Sünder können jetzt mit einem Bußgeld bis zu 250 Euro belangt werden. In Singapur muss man mit mindestens 650 Euro Strafe rechnen. Dort gibt es Kaugummis übrigens nur auf Rezept und nach einer Registrierung zu kaufen, sonst sind sie verboten. Singapur zählt zu den saubersten Städten der Welt.

Ein Kaugummi-Verbot wäre illusorisch

Was also tun? Sollte Dortmund auch Kaugummis verbieten? Das ist illusorisch. Wie wäre es mit einem Pfand auf jedes Kaugummi wie bei Einwegflaschen? Nur wer die ausgekauten Dinger – vielleicht aufgeklebt auf gleich in jeder Packung mitgelieferte Pappen - zurückbringt, erhält sein Pfand zurück. Denkbar, aber kaum durchsetzbar. Das Bußgeld erhöhen? Vielleicht – der Griff ins Portemonnaie hilft immer.

Doch was nutzt eine noch so hohe Geldbuße, wenn niemand kontrolliert und Verstöße ahndet? Hier scheint das größte Problem zu liegen, aber auch ein Weg, um näher an die Wurzel des Übels zu kommen. Es wäre eine lohnende Aufgabe für die Stadt, sich genau darüber Gedanken zu machen, wie sich ein wirksames Kontrollsystem organisieren lässt. Bezahlen ließe es sich über die Bußgelder der erwischten Kaugummi-Spucker.

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