„Romeos“ waren besondere DDR-Spione: Sie waren Profi-Frauenverführer. Einer davon arbeitete von Dortmund aus – getarnt als Blumenhändler. Sein größter Erfolg mündete in einem großen Skandal.

Dortmund

, 21.02.2020, 08:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das war ein richtiger Kumpeltyp, erinnert sich Franz-Josef Benthaus. „Der war immer freundlich, immer nett, lud einen oft großzügig auf einen Kaffee ein.“

Dass der nette Christoph Willer ein Top-Spion der Stasi mit ganz besonderem Auftrag war, erfuhr der Blumenhändler aus Hörde erst später.

Besuch vom Militärischen Abschirmdienst

Irgendwann standen zwei Männer vom Militärischen Abschirmdienst (MAD), der Spionageabwehr der Bundesrepublik, bei Franz-Josef Benthaus auf der Matte. Ob er Christoph Willer kenne, wollten sie wissen, erinnert sich Benthaus.

So erfuhr der Blumenhändler, welches Doppelleben sein Kumpel vom Blumengroßmarkt führte – und welchen Beitrag er offenbar selbst zu einer ganz besonderen Liaison geleistet hatte. Denn Christoph Willer, der sich als Blumenhändler in Dortmund tarnte, ging als ein sogenannter „Romeo“-Spion in die deutsch-deutsche Geschichte ein.

Franz Benthaus erinnert sich an seine Begegnungen mit Stasi-Spion Christoph Willer.

Franz Benthaus erinnert sich an seine Begegnungen mit Stasi-Spion Christoph Willer. © Oliver Volmerich

Stutzig hätte Benthaus schon früher werden können. Denn Willer leistete ihm bei einem ganz speziellen Auftrag hilfreiche Dienste. Der Hörder Blumenhändler sollte für die Dekorationen eines Offiziersballs in der Kaserne der britischen Rheinarmee in Brackel sorgen.

Christoph Willer war damals stellvertretender Leiter des Dortmunder Blumengroßmarkts, berichtet Benthaus. Und er war sofort hilfreich zur Stelle. Er bot nicht nur Pflanzen vom Blumengroßmarkt als Leihblumen an, sondern wollte auch bei der Lieferung mithelfen.

Fotos auf dem Kasernengelände

Und so begleitete er Benthaus bei der Fahrt auf das britische Kasernengelände in Brackel. „Er hatte einen Fotoapparat dabei“, erinnert sich der Blumenhändler. Für einen DDR-Spion war es schließlich eine tolle Gelegenheit, eine sonst hermetisch abgeriegelte Nato-Kaserne zu erkunden.

Und das tat Willer dann wohl auch. „Er war die ganze Zeit mit dabei. Aber nicht da, wo ich dekorierte. Er lief wohl auf dem Gelände herum und hat Fotos gemacht“, berichtet Franz-Josef Benthaus.

Blumenladen in Brackel

Wenig später hatte der Stasi-Mann dann ganz besondere Aufträge für Benthaus. Anfang 1976 eröffnete Willer einen eigenen Blumenladen am Wieckesweg in Brackel, zwischen Knappschaftskrankenhaus und Hauptfriedhof. Er handelte zwar selbst mit Blumen, hatte aber keinen Fleurop-Service für weltweiten Versand. Deshalb nutzte er den Fleurop-Service, den Franz Benthaus anbot.

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Mehrfach verschickte Benthaus im Auftrag von Willer Blumen nach Brüssel. Er sagte, er habe da „ein Schätzchen“, erzählt Benthaus. Was der Hörder Blumenhändler nicht ahnte: Er förderte damit eine besondere Liaison. Denn die Empfängerin der Blumengrüße aus Dortmund, Ingrid Garbe, war Sekretärin im Nato-Hauptquartier, Willer ihr Führungsoffizier und Liebhaber.

Sekretärin unter Verdacht

Bekannt wurde das besondere Verhältnis Anfang 1979. Denn da machte Ingrid Garbe Schlagzeilen. „NATO-Sekretärin unter Verdacht“, berichteten die Ruhr Nachrichten auf der Titelseite am 12. Februar 1979. „Die Sekretärin des Leiters der Politischen Abteilung bei der Bonner NATO-Botschaft in Brüssel, Ingrid Garbe, soll unter dem Verdacht der Spionage für die DDR verhaftet worden sein.“

So berichteten die Ruhr Nachrichten am 12. Februar 1979 über die Festnahme der Geliebten von Christoph Willer.

So berichteten die Ruhr Nachrichten am 12. Februar 1979 über die Festnahme der Geliebten von Christoph Willer. © RN-Archiv

„Die 38-jährige Sekretärin hat, wie weiter verlautet, bei ihren Verhören zugegeben, zumindest Dokumente der Stufe ‚Vertraulich‘ weitergegeben zu haben“, heißt es in dem Bericht. „Sie habe Zugang zu NATO-Dokumenten der höchsten Geheimhaltungsstufe ‚Cosmic’ und Einblick in Geheimdokumente für die MBFR- und SALT-Verhandlungen gehabt. Eine Liebesbeziehung zu einem Führungsoffizier des DDR Staatssicherheitsdienstes mit dem Namen Willer, die schon 1975 geknüpft worden sei, habe den Vorstoß für die geheimdienstliche Tätigkeit gegeben.“

„Spioninnen im Liebesdienst“

Hintergründe wurden ein Jahr später beim Prozess gegen Ingrid Garbe bekannt. Die 38-jährige Sekretärin war wohl ein Opfer der so genannten „Romeo“-Masche. „Gut aussehende und kontaktfreudige Stasi-Agenten“ wurden in Westdeutschland gezielt auf Sekretärinnen angesetzt, von denen man sich Zugang zu geheimen Regierungsinformationen erhoffte.

Neben Ingrid Garbe wurden so allein 1979 fünf weitere Sekretärinnen, meist aus Büros von Bundespolitikern in Bonn, als „Spioninnen im Liebesdienst“, wie die „Zeit“ später schrieb, enttarnt.

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Ingrid Garbe war dabei wohl ein besonder Glücksfall für die Stasi. Als Willer sie 1975 in einem Tanz-Cafe in Hannover kennenlernte, war die gelernte Stenotypistin Fremdsprachen-Sekretärin in Diensten des Auswärtigen Amtes. Schon hier hatte sie kurze Zeit später als Chefsekretärin in der Rechts- und Völkerrechtsabteilung Zugang zu rund 4000 vertraulichen und geheimen Dokumenten.

Berichte aus Brüssel

Noch größer wurde die Ausbeute für die Stasi, als Ingrid Garbe im März 1976 in die deutsche NATO-Botschaft in Brüssel versetzt wurde. Von hier aus leitete sie jahrelang Dokumente über Truppenstärken, Waffen, Rüstungsexporte und Krisenplanungen nach Ost-Berlin weiter.

Insgesamt 500.000 Mark soll sie dafür an Spesen kassiert haben, hieß es beim Prozess. Ihr wahres Motiv, vermuteten Experten schon damals, war aber wohl nicht das Geld, sondern die Liebe. Die Liebe zu Christoph Willer, der ihr von Dortmund aus Blumengrüße schickte.

„Hals über Kopf verschwunden“

Im April 1978 zog Willer selbst nach Brüssel. Er wolle dort ein Geschäft für künstliche Blumen eröffnen, erzählte er seinem letzten Vermieter in Dortmund. Nachdem er sich mit seinem Vermieter am Wieckesweg überworfen hatte, betrieb Willer zuletzt eine „Blumen-Boutique“ am Brackeler Hellweg. Allerdings nur für vier Monate. Franz Benthaus erinnert sich daran, dass Willer „Hals über Kopf“ verschwunden sei.

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Brüssel war auch nur eine kurze Station für den Stasi-Spion. Im September 1978 setzte sich Willer in die DDR ab. Er hatte wohl in einem Griechenland-Urlaub mit seiner Geliebten Ingrid Garbe erfahren, dass ihm westdeutsche Behörden auf die Spur gekommen waren. Zu Silvester habe man sich dann noch einmal wiedergetroffen – in Helsinki, gab Ingrid Garbe später an.

Offene Rechnungen hinterlassen

Ingrid Garbe selbst kehrte freiwillig zunächst nach Brüssel und dann in die Bundesrepblik zurück, wo sie Anfang Februar 1979 festgenommen wurde. 1980 wurde sie zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt.

Christoph Willer verschwand dagegen spurlos. Er habe bei Blumengroßhändlern in Dortmund noch jede Menge unbezahlte Rechnungen hinterlassen, berichteten die Ruhr Nachrichten am 13. Februar 1979. Franz-Josef Benthaus gehört nicht zu den Geprellten.

„Bei mir“, sagt der heute 74-Jährige, „hat er alle Rechnungen bezahlt.“

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30 Jahre nach dem Mauerfall erzählen 2000 Seiten Akten aus den geheimen Archiven der Staatssicherheit erstmals, wie der DDR-Geheimdienst in Dortmund operierte. Von Jens Ostrowski

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