Bodo-Chef Pütter: "Es wurde viel zu lange gewartet"

Unterwegs in der Nordstadt

Vor einem Monat wurde der Straßenstrich an der Ravensberger Straße geschlossen. Seitdem läuft in der Nordstadt ein Großeinsatz von Polizei und Ordnungsamt. Was hat sich seitdem geändert? Antworten liefert unsere neue Serie "Ortstermin Nordstadt". Nach dem Auftakt mit Ilsegret Bonke kommt heute Bastian Pütter vom Obdachlosenmagazin Bodo zu Wort.

DORTMUND

von Von Tobias Großekemper

, 18.06.2011, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Unser erstes Ziel ist eines der sog

enannten Problemhäuser, es liegt auf der anderen Straßenseite, nur einen Steinwurf entfernt. Bastian Pütter schaut aufmerksam nach rechts und links, dann tritt er auf die Straße. „Hier würde ich jetzt nie – ohne zu gucken – über den Zebrastreifen gehen.“ In der City oder Südstadt würde er das selbstverständlich machen. Hier aber nicht. Es ist nur eine Kleinigkeit, dahergesagt am Anfang des Gespräches. Eine Kleinigkeit, die aber darauf hinweist, dass hier die Regeln andere sind. Nach ein paar Metern stehen wir dann vor einem Haus, das die besitzende Immobilienfirma von einer privaten Sicherheitsfirma hatte räumen lassen. Hier hatten sich Roma einquartiert. Das Haus steht wieder leer.Und? Es gibt Häuser in der Nordstadt, um die man sich kümmert – und es gibt die, um die man sich nicht kümmert. Und die sind problematisch.

Auf der anderen Seite des Hauses ist ein Schriftzug aufgesprüht, er beginnt mit einem G und ist irgendwie verwaschen. Pütter weist darauf hin und sagt dann, dass das Hauptargument für die Räumung gewesen sei, „dass die Leute, die das Haus besetzt hatten, so ja auch widerrechtlich Renovierungsarbeiten behindern würden. Die Immobilienfirma hat es nicht mal geschafft, das ,Gypsys out‘ (Zigeuner raus) zu entfernen.“

Anwohner hätten den Schriftzug so verändert, dass man ihn nicht mehr sofort erkennt. Ansonsten seien hier nur Eisentüren eingebaut worden. Was übrigens auch reiche. Eine geschlossene Haustür in allen Häusern sei genug, um zu verhindern, dass Leute rein gehen. Das habe wenig zu tun mit der Art der Zuwanderung.Sondern? Damit, dass es Leute gibt, die nicht vernünftig wohnen. Und die suchen sich dann was. Wenn jemand hier nicht angemeldet wohnt, dann hat er auch keine Mülltonne. Dann schmeißt er den Müll in den Hof. Und wenn der nicht entsorgt wird, dann kommen die Ratten – und das gibt es hier überall. Und das hat nicht erst angefangen mit bulgarischer Zuwanderung. Das gab es schon lange vorher.

Wir bewegen uns in Richtung Nordmarkt, einfach geradeaus die Mallinckrodtstraße hoch. Der Verkehr donnert an uns vorbei. Pütter spricht über Integration, es ist eines seiner Themen, auch die Verkäufer der Bodo müssen sich, können sich durch ihre Arbeit wieder in „die“ Gesellschaft integrieren. Obdachlose, Alkoholiker, Junkies, verschiedenste Nationalitäten, alle zusammen in der Nordstadt, zuletzt kamen die Roma – alle begegnen uns, alle bedürfen der Integration, aber irgendwas ist falsch gelaufen.Was? Wir haben zu lange gewartet.

Er sagt „wir“ und meint „alle“. Die Konzepte, die vor zweieinhalb Jahren hätten da sein müssen, um die Roma zu integrieren, seien bis heute nicht da. Dazu die Ordnungsbehörden und ihr extrem langes Warten. Warten? Wenn Leute hier zu hunderten unter einer Meldeadressen leben, wenn andere einen Gewerbeschein als Transportunternehmer bekommen, ohne ein Auto zu haben, dann fällt einem das als Meldebehörde relativ frühzeitig auf. Wenn man möchte, dass das hier geordnet funktioniert, dann sind das schwere Versäumnisse – über eine lange Zeit.

Sichtbar sei das ab einem gewissen Zeitpunkt für jeden gewesen: „Eine große Gruppe von neuen Zuwanderern. Extrem fremd, extrem arm und mit einem für die Anwohner extrem ungewöhnlichen Verhalten.“ Viele Hilfseinrichtungen hätten Angebote, die für die Roma nicht passten.Ein Beispiel? Die Diakonie hat eine Kleiderkammer. Jetzt kommen Menschen dorthin, die bekommen etwas und dann wird bemerkt: Sie verkaufen das. Damit sie Geld haben. Weil, sie haben ja kein Geld. Und so geht es uns allen anderen auch – wir haben bisher keine Lösung gefunden. Aber wir haben einen EU-Vertrag, der den Leuten erlaubt, sich frei in der EU zu bewegen. Das war ein politisches Ziel. Wenn diese Menschen, die sich hier bewegen dürfen, eine legale Chance auf dem Arbeitsmarkt haben sollen, brauchen sie Sprachkenntnisse. Genau wie ihre Kinder – die Auffangklassen fangen jetzt an. Nach zwei Jahren.

Toleranz. Noch so ein Wort, vielleicht der Bruder der Integration. Oder ein Wort, um sich dahinter zu verstecken. Wenn ich etwas toleriere, lasse ich es für gewöhnlich in Ruhe. So wie zum Beispiel die Dealer, die keinen Meter entfernt von uns Geld gegen Ware tauschen und die hier niemanden zu stören scheinen. Die Alltag sind. Was sie in Kirchhörde nicht wären. Pütter spricht von einer Sonderhaltung gegenüber den Roma, die er nicht mit Toleranz verwechselt sehen will. Die man aber als solche tarnen könnte: Man habe geglaubt, „die“ sind etwas anderes – darum fielen sie nicht in unser Raster.Welche Raster? Wenn ich mein Kind nicht zur Schule schicke, kriege ich verdammt noch mal Ärger – und das ist auch richtig so. Diese Menschen haben hier auch ihren Wohnsitz – warum gelten da für diese einzelnen Gruppen unausgesprochen andere Regeln?

Mittlerweile gibt es Auffangklassen, der Straßenstrich ist dicht. Wir sehen auf unserem Gang eine Prostituierte, dafür stehen wieder Männer auf dem Arbeiterstrich und warten. Der Nordmarkt bleibt ein unübersichtlicher Schmelztiegel, in dem viele, die vor Jahrzehnten kamen, sich gestört fühlen von denen, die zuletzt kamen. Auch die Integration von denen, die zuerst kamen, hat lange gebraucht.Und jetzt? Wir haben hier gute Ansätze. Doch wir brauchen Informationen für alle, klare Ansagen und kein Weggucken.

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