Am Samstag bildeten sich vor einer Arztpraxis in der Dortmunder Nordstadt den ganzen Tag über lange Schlangen von Impfwilligen. © Felix Guth
Coronavirus

Booster nach weniger als sechs Monaten: Klappt das in Dortmund?

Für einige Tausend Menschen in Dortmund war am Samstag Impftag. Dazu zählte auch unser Autor. Für die Booster-Impfung hat er sich lange angestellt. Hat er die dritte Spritze bekommen? Ein Selbstversuch.

Samstagmorgen, 10.30 Uhr, die Münsterstraße in der Dortmunder Nordstadt: Willkommen in der Impfschlange. Vor der Praxis der Allgemeinmediziner Andreas Bellmunt und Kirsten Leuow warten gut 60 Menschen auf dem Bürgersteig.

Erstimpfung oder Auffrischung, hier sollen alle drankommen, ohne Termin. Für 600 Personen gibt es an diesem Tag (20.11.) Impfstoff. Am Ende wird diese Menge aufgebraucht sein.

Darf ich geboostert werden? Eine Empfehlung gibt es nicht

Als ich mich hier im kühlen Wind anstelle, kann ich mir noch nicht sicher sein, dass ich wirklich etwas abbekomme. Denn meine Zweitimpfung liegt viereinhalb statt der empfohlenen sechs Monate zurück. Dafür habe ich in der ersten Dosis Astrazeneca erhalten – dann wiederum wird eine Auffrischung auch schon zu einem früheren Zeitpunkt empfohlen.

In der Reihe vor dem Back-Café „Torty’s“ kurz hinter dem Mehmet-Kubasik-Platz erfahre ich an diesem Vormittag viel darüber, wie das Thema Corona-Impfung eigentlich in der Gesellschaft gesehen wird. Etliche Personen sind die Booster-Zielgruppe: Über 70 oder auch etwas darunter, im Winter/Frühjahr geimpft, jetzt angeschrieben für eine dritte Dosis.

Impfschlangen-Hopping zwischen Fußballmuseum und Nordstadt

Ein Mann erreicht leicht abgehetzt das Ende der Schlange. „Geht das hier schneller als in der Stadt? Am Fußballmuseum stehen 200 Leute“, sagt er. In der Tat stehen vor dem Hauptbahnhof zu diesem Zeitpunkt die Menschen mehrere Hundert Meter in Richtung Dortmunder U an.



Einige kommen, so wie ich, aus anderen Gegenden der Stadt hier an die Münsterstraße. Aber an der Münsterstraße sind viele der Anstehenden Bewohnerinnen und Bewohner der Nordstadt. Also jenem Stadtteil, der mit knapp über 50 Prozent die niedrigste Impfquote in Dortmund hat.

Menschen vieler unterschiedlicher Typen und Herkunftsländer stehen hier. Rauchende End-Vierziger-Pärchen mit BVB-Kappen, dazwischen mischen sich Studentinnen, Schüler und Männer, die in verdreckter Arbeitskleidung von der Nachtschicht kommen.

Booster und Erstimpfungen

Viele holen sich hier ihre erste Impfdosis ab. Der Eindruck beim Blick auf die Warteschlange: Hier stehen noch nicht die durch 2G an die Spritze gezwungenen Impfgegner, sondern eher diejenigen der Kategorie „Ich habe es bisher noch nicht geschafft“.

Aber es fällt auf, dass die steigenden Infektionszahlen und die zu erwartenden neuen Regeln offenbar Menschen zur Impfung motivieren, die bisher noch gezögert haben.

Es geht langsam voran, eine Stunde verstreicht, dann eine zweite, bis wir im Flur des Ärztehauses an der Münsterstraße stehen. Das Ziel ist nahe. Aber ich kann mir immer noch nicht sicher sein, ob ich nicht doch zurückgeschickt werde, weil ich eben noch nicht in das offizielle Schema passe.

Ärztin geht die Sache pragmatisch an

Wie unbegründet meine Zweifel sind, merke ich, als dann plötzlich doch alles ganz schnell geht. Für einen Abschied von den in zweieinhalb Stunden vertraut gewordenen Gesichtern in der Impfschlange bleibt keine Zeit. Nach 30 Sekunden im Wartezimmer sitze ich bei der Impfärztin.

Auf meine Frage, ob ich denn wirklich dürfte, antwortet sie nur knapp: „Es ist nicht die Zeit, um solche Diskussionen zu führen. Die Feiertage stehen vor der Tür“, sagt sie. Medizinische Bedenken gebe es in meinem Fall nicht.

Seit Monaten seien solche Impfaktionen an Wochenenden Teil ihres Arbeitsalltags. „Auch ich möchte irgendwann mal wieder in den Normalzustand zurück.“

So viel Pragmatismus ist überzeugend und möglicherweise genau das, was uns aus dem Winter-Schlamassel helfen könnte. Sekunden später ist der Booster drin.

Als ich die Praxis verlasse, ist es bereits früher Nachmittag und draußen warten immer noch Impf-Willige. Ebenso wie am Impfbus werden hier bis weit über die eigentliche veranschlagte Zeit hinaus noch am Nachmittag Menschen durchgeschleust.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
Zur Autorenseite
Felix Guth