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Brandschutz an Hochhaus-Fassaden reicht nicht aus

Interview mit Dortmunds Feuerwehr-Chef

Wie sicher sind Deutschlands Hochhäuser? Der verheerende Hochhaus-Brand in London mit mindestens 17 Toten und vielen Verletzten wirft viele Fragen auf. Brandschützer warnen vor den Gefahren bei Fassaden-Bränden. Im Interview sagt Dortmunds Feuerwehr-Chef Dirk Aschenbrenner: "Aktuelle Sicherheitsstandards reichen nicht mehr aus."

DORTMUND

, 16.06.2017 / Lesedauer: 5 min

Unser Redakteur Peter Bandermann sprach mit Diplom-Ingenieur Dirk Aschenbrenner. Der 48-jährige Spezialist für Brand- und Explosionsschutz ist Chef der Dortmunder Feuerwehr und Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb).

 

Herr Aschenbrenner, der Hochhaus-Brand in London hat Feuerwehren weltweit aufblicken lassen, weil so ein Szenario selbst den besten Feuerwehren die Grenzen zeigt. Was wissen Sie über den Brand?

Fotos und Filme von dem Brand in London indizieren, dass eine Ausdehnung des Feuers über die Fassade mit eine Rolle gespielt haben muss. Wenn Fassaden mit Wärmeverbunddämmsystemen gedämmt sind, die nicht den heutigen Erkenntnissen der Brandsicherheit entsprechen, besteht ein hohes Risiko, dass ein Feuer extrem schnell auf die gesamte Fassade übergreifen kann.

Was heißt das konkret für einen Hochhausbrand, der sich am Dämmmaterial entwickelt?

Das Feuer läuft sehr schnell die Fassade hoch und erreicht ab 22 Metern eine kritische Höhe, ab der wir nicht mehr löschen können. Die Fenster platzen, Wohnungen geraten in Brand und Fluchtwege verrauchen. Immer mehr Menschen sind in Gefahr.

Wie muss die Feuerwehr gegen so einen verheerenden Brand vorgehen?

Wenn die Feuerwehr überhaupt eine Chance hat, dann in der Anfangsphase. Sie muss sofort massiv mit viel Personal und Material vorgehen, also auch Teleskopmasten, Hubrettungsgeräte und Wasserwerfer einsetzen und in kürzester Zeit sehr viel Wasser verwenden.

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Wenn sich der Brand über die kritische Höhe von 22 Metern hinaus ausbreitet, haben wir praktisch keine Chance mehr, auf das Feuer einzuwirken. Für die Bewohner der oberen Etagen kommt es dann auf den zweiten Rettungsweg und automatische Schließsysteme zum Schutz vor Rauch und Feuer an. Das alles sind Einrichtungen, die wir regelmäßig mit Brandschauen überprüfen.

Was gilt für Hochhaus-Brände grundsätzlich?

Wir haben es mit einer zweifachen Brisanz zu tun. Wegen der Höhe können wir Bewohner nicht mehr über die Drehleitern retten. Enorm hohe Anforderungen gibt es auch an die Brandbekämpfung: Wir müssen die Wasserversorgung über lange Wege aufbauen und dabei viel Druck von unten aufbauen. Deshalb gibt es deutlich schärfere Anforderungen an den vorbeugenden baulichen Brandschutz. Wir wollen, dass es in Hochhäusern erst gar nicht brennt.

Wie kann eine Hochhausfassade in Brand geraten?

Die Flammen einer brennenden Mülltonnenanlage oder eines brennenden PKW reichen schon aus. Sie können schnell auf eine Fassade übergreifen.

Der brennbare Dämmstoff Polystyrol ist weit verbreitet. Wie kann ein Emporklettern des Feuers an diesem Schaum entlang durch die Fassade verhindert werden?

Zunächst: Die Vorschrift, dass Hochhaus-Fassaden nicht aus brennbarem Material bestehen dürfen, ist schon alt. Nach den Ereignissen in London müssen wir genauer hinsehen und uns die älteren Objekte anschauen. Da hängt jetzt noch viel von den Erkenntnissen in den nächsten Tagen in London ab. Aber schon jetzt sehen wir Risiken: Die Standards sind nicht da, wo sie hingehören.

Wenn das so ist: Wie können Hochhaus-Fassaden sicherer werden?

Der Deutsche Feuerwehrverband, die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren und unsere Vereinigung haben ein über mehrere Monate vorbereitetes Positionspapier mit Empfehlungen für mehr Sicherheit an Hochhäusern verabschiedet. Unsere Vizepräsidentin Dr. Anja Hofmann-Böllinghaus hat unsere Positionen am Donnerstag (15.6.2017) in Brüssel während einer Sitzung über Sicherheitsnormen in Europa eingebracht. Der Termin fällt nur zufällig auf den Brand in London.

Worauf stützen die Verbände das Positionspapier?

Wir haben 90 reale Brandereignisse mit 11 Todesopfern und 24 Verletzen ausgewertet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass der heutigen Standard in Hochhaus-Fassaden nicht mehr ausreicht, um eine schnelle Brandausbreitung verhindern können.

Wie kann der Brandschutz an Hochhäusern von außen konkret verbessert werden?

Indem wir Brandriegel aus Steinwolle zwischen die Geschosse einziehen. Steinwolle brennt nicht, die Flammen können nicht auf den darüber liegenden Polystyrol-Schaum übergreifen. Ein Brand an einem Hochhaus vor wenigen Tagen in Karlsruhe hat das sehr anschaulich gezeigt: Es gab zwar massive Schäden, aber das Feuer ist nicht über die Fassade gelaufen. Wir brauchen also eine nicht brennbare Trennung zwischen den Etagen. In Österreich und Frankreich sind solche Schutzmaßnahmen bereits gesetzlich vorgeschrieben.

Wer muss jetzt Entscheidungen treffen?

Der Gesetzgeber muss festlegen, welche Risiken er toleriert und welche nicht und dabei aktuelle Erkenntnisse einfließen lassen. Das ist stets eine Güterabwägung. Ein Beispiel: Wir wissen, dass Holztreppen in den Hausfluren von Altbauten ein großes Risiko sind. Der Gesetzgeber hat in diesem Fall einen Bestandsschutz eingeführt, damit nicht alle Altbauten umgebaut werden müssen.

All diese Erkenntnisse entstehen erst nach schlimmen Ereignissen mit Todesopfern und Verletzten.

Es kann auch nicht richtig sein, dass die Feuerwehren so spät darauf hinweisen, dass ein Risiko besteht. In unserem System fehlt eine strukturierte Brandschutzforschung, die mit Entzündungsversuchen 1:1 prüfen kann, wie sich ein Feuer auf eine Fassade auswirkt und ob das getestete Material sicher ist. Wir brauchen also eine voll umfängliche Risikobetrachtung mit wissenschaftlich belastbaren Testprogrammen.

Versuche, vergleichbar mit den Testcrashs in der Automobilindustrie?

Ja, das wäre zum Beispiel schon vor der Installation von Photovoltaik-Anlagen auf Hausdächern notwendig gewesen. Auch da gab es diesen Fehler im System: Die Feuerwehren konnten erst in den Brandeinsätzen erkennen, dass wegen der Photovoltaik-Anlagen die Dächer nicht zu öffnen waren, um Rauch und Wärme ableiten zu können.

Wie können die deutschen Feuerwehren und ihre Verbände die Erkenntnisse aus London für den Brandschutz in Deutschland nutzen?

2018 werden wir einen Referenten der Feuerwehr in London zu einer Konferenz in Duisburg einladen.

Brennbare Dämmstoffe gibt es nicht nur in Hochhaus-Fassaden. Worauf müssen private Hauseigentümer achten?

Die Menschenrettung ist in niedrigeren Gebäuden deutlich einfacher als in Hochhäusern. Aber private Hausbesitzer, deren Fassaden mit Polystyrol gedämmt sind, müssen wissen, dass sich über die Fassade ein stark rauchiges und sehr heißes Feuer entwickeln kann. Sie sollten darauf achten, dass der Putz geschlossen angebracht ist und auch andere Risiken reduzieren: Alles, was in Brand geraten kann, sollte nicht in unmittelbarer Nähe zur Fassade stehen. Autos, Kaminholz, Mülltonnen sind mit ausreichend großem Abstand abzustellen.

Dirk Aschenbrenner ist seit 2013 der Präsident der in den 1950er-Jahren wieder gegründeten Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes. Sie hat 3000 Mitglieder: Brandschutzingenieure, Kommunen, Wissenschaftler, Fahrzeug- und Feuerwehrtechnik-Hersteller wollen Brandschutz, Katastrophenschutz und Rettungsdienst permanent verbessern. Der Verband ist einzigartig in Europa.

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