Brexit-Beauftragter Friedrich Merz spricht vor der IHK Klartext zum britischen EU-Austritt

rnIHK-Veranstaltung

„Die Briten sind verrückt, aber nicht völlig wahnsinnig.“ Friedrich Merz fand am Freitag vor der IHK deutliche Worte. Bei den Unternehmern herrscht in Sachen Brexit keine gute Stimmung.

Dortmund

, 23.03.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Countdown Brexit“ war die Diskussionsveranstaltung überschrieben, bei der Friedrich Merz, Brexit-Beauftragter der nordrhein-westfälischen Landesregierung, vor rund 100 Zuhörern im großen Saal der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund seine persönliche Prognose abgab.

Ihm zufolge wird Großbritannien die Europäische Union (EU) verlassen, zuvor aber dem ausgehandelten Vertrag zustimmen, möglicherweise ergänzt um einige Klauseln. Danach werde es eine Übergangsfrist geben, in der Großbritannien zwar kein EU-Mitglied mehr sei, aber die Spielregeln des EU-Binnenmarktes erst einmal unverändert blieben. „Das ist aus meiner Sicht das wahrscheinlichste Szenario“, sagte Merz, der offenbar weiterhin hohe Popularität genießt. Einer der Gäste sagte: „Ich bin extra wegen Herrn Merz gekommen, ich hatte noch nie Gelegenheit, ihn live zu sehen.“

„Die Kosten tragen die Kunden“

Zu den Zuhörern gehörte auch Ingo Hopf, Vorstand der Firma Hokon e.K. Seit 2014 auf Phoenix-West angesiedelt, rund 30 Mitarbeiter stark, hat sich Hokon auf Verschlusstechnik spezialisiert, liefert beispielsweise Befestigungen für Innenverkleidungen. Auch an Partnerfirmen in England. Trotz des Hin und Her um den Brexit bleibt Hopf erstaunlich gelassen. Das England-Geschäft mache lediglich drei Prozent am Gesamtumsatz aus, sagt er. Und wenn ein ungeordneter Brexit die Zölle und damit die Preise nach oben treibt? „Was sollen wir tun?“, sagt Hopf, „dann müssen die Kunden höhere Kosten tragen“.

Brexit-Beauftragter Friedrich Merz spricht vor der IHK Klartext zum britischen EU-Austritt

Friedrich Merz rät Unternehmern „dringend“, sich mit dem Brexit zu befassen. © Gregor Beushausen

In den Unternehmen werden die Nachrichten täglich, wenn nicht gar stündlich, verfolgt. „Wir können kaum vernünftig planen“, bemängelte die Vertreterin eines Kupferherstellers, die nicht genannt sein möchte. Sollte es beim Brexit-Datum 12. April bleiben, „müssen unsere Lkw nach Großbritannien spätestens am 8. April raus.“ Und im Falle eines Brexits ohne Vertrag? „Dann müssten wir uns mit jedem Kunden in Großbritannien einzeln abstimmen.“

Checkliste für Betriebe

Die IHK erhalte seit Monaten Anfragen von Unternehmen zum Thema EU-Austritt, sagte Kammer-Präsident Heinz-Herbert Dustmann, „und das jeden Tag“. Mit einer Checkliste, die im Netz zu finden ist, will die IHK Firmen zumindest über die wichtigsten Punkte informieren – Lösungen für alle denkbaren Szenarien kann freilich auch die IHK nicht anbieten.

Brexit-Beauftragter Friedrich Merz spricht vor der IHK Klartext zum britischen EU-Austritt

„Den Schaden haben wir auf beiden Seiten des Ärmelkanals“, sagte IHK-Präsident Heinz-Herbert Dustmann in seiner kurzen Begrüßungsrede. © Gregor Beushausen

41 Prozent der Unternehmen im IHK-Bezirk fühlten „sich auf den Brexit nicht gut vorbereitet“, zitierte Dustmann aus einer Umfrage. Neun Prozent aller NRW-Firmen hätten sich mit dem Thema nicht einmal befasst, ergänzte Merz. „Ich rate dringend, das zu tun.“ Das von Populisten losgetretene Brexit-Votum zeige, wohin solche Volksabstimmungen in einer repräsentativen Demokratie führten.

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