Briefmarkenladen am Rathaus: Ende 2020 soll Schluss sein

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Seit 2005 verkauft Mario Neubauer Briefmarken in der Dortmunder Innenstadt. Sein Laden ist ein Relikt der Vormoderne, ein Gegenentwurf zum Hochglanzhandel. Doch das Ende des Geschäfts naht.

von Wolf-Dieter Retzbach

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, 02.06.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In einem Sommer vor etwa zehn Jahren betritt eine alte Dame das Briefmarkengeschäft von Mario Neubauer. Sie legt ein großes, etwa sechs Kilo schweres Album auf den Tisch und sagt zu dem Händler: „Das müssen Sie jetzt nehmen.“ Seit 40 Jahren habe sie dieses Album als Türstopper benutzt, jetzt benötige sie es nicht mehr, weil sie umziehe.

„Ich will dafür kein Geld“, sagt die Seniorin, und sie habe auch nicht viel Zeit. „Ich sehe mir das Album trotzdem kurz durch“, entgegnet Neubauer. Das Buch, eingebunden in Leder, ist gut bestückt, mit klassischen Marken aus Jahren vor 1920. Neubauer erkennt den Wert und fragt die Frau: „Wenn ich Ihnen 1000 Euro gebe, wollen Sie das dann immer noch nicht?“ Das Geld nimmt die laut Neubauer „weit über 80 Jahre alte Dame“ dann doch, ehe sie den Laden wieder verlässt.

Erste deutsche Briefmarke aus dem Jahr 1849

Neubauer erinnert sich gern an diese Begegnung, das Album der Frau hat er heute noch zuhause. Am 1. Februar 2005 hatte er in der Dortmunder Prinzenstraße ein etwa 25 Quadratmeter großes Geschäft übernommen, er nannte es „Briefmarkenhaus Neubauer“. Dort befinden sich heute neben Münzen mehr als zwei Millionen Briefmarken - „diese Zahl sagt aber nichts über den Wert der Marken aus“, betont der 64-Jährige. In einem Album sind besonders wertvolle Briefmarken archiviert - etwa die erste deutsche Briefmarke, herausgegeben am 1. November 1849, die bayerische „Schwarze Eins“, die 1100 Euro kostet. Ein anderes Exemplar ist sogar 1500 Euro wert; es liegt sicher verwahrt im Safe.

Laut einem Jahrbuch des Bundesverbands gibt es in Deutschland mehrere Hundert Briefmarkenhändler, Neubauer ist einer von ihnen. Als Kind, in seinem brandenburgischen Geburtsort Kyritz, bekam er von einem Kollegen seiner Mutter DDR-Marken aus den 60er-Jahren geschenkt - seitdem sammelt er. Später, als Meister im Hochbau, saß ihm im Büro ein Kollege gegenüber, ein Tiefbauleiter, der sich ebenfalls für Briefmarken interessierte. Die beiden redeten oft über das Thema und den Traum von der Selbstständigkeit, „und irgendwann“, erzählt Neubauer, „machte es bei mir Klick“. Er entschied sich für den privaten Briefmarkenhandel, musste dafür aber seinen Beruf aufgeben, das war in der damaligen DDR die Voraussetzung. Eineinhalb Jahre nach dem Antrag erhielt er die Konzession, baute einen alten Friseurladen um und eröffnete im Mai 1989 in Kyritz seinen Laden. „Er wurde sehr gut angenommen“, erinnert sich Neubauer. Nach der Wende aber liefen die Geschäfte nicht gut. „Ich habe mich durchgebissen, und dann ging es weiter“ - bis es Mitte der 90er Jahre wieder aufwärts ging.

Mit dem Internethandel kamen viele gefälschte Marken

Jahre später bot ihm ein Vertreter das Geschäft in Dortmund an; Neubauer entschied sich dafür, verkaufte in Brandenburg Haus und Laden und zog ins Ruhrgebiet. Am 1. Februar 2005 eröffnete er sein Briefmarkengeschäft in der Dortmunder Innenstadt, nicht weit vom Hansaplatz entfernt. Mit den Menschen aus der Region machte er gute Erfahrungen: „Die Leute sind freundlich, offen, direkt.“ Das Wichtigste in seinem Beruf sei, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen, „Ehrlichkeit ist das A und O“. Doch gebe es heute viele gefälschte Marken auf dem Markt, „die nehmen rasant zu, seit es den Internethandel gibt“. Er selbst verzichte auf das Onlinegeschäft - „meine Kunden sind keine Internetkunden.“

Zu Neubauer kommen, trotz eines rückläufigen Gesamtmarkts, mehr Kunden als früher - aber nur, wie er betont, weil in den vergangenen Jahren viele seiner Kollegen aufhörten oder starben, etwa in Hamm und Bochum. Deren Kunden kommen nun zu Neubauer. Aber auch das Ende seines Geschäfts naht: Ende 2020, so der Plan, will er es schließen. „Schön wäre es, einen Nachfolger zu finden. Aber ich habe Zweifel, dass das klappt.“

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