Mit sehr wenig Personal muss das Ordnungsamt das Falschparken eindämmen. Das ist aus mehreren Gründen schwierig - nicht zuletzt, weil viele Falschparker ein spezielles Völkchen sind.

Dortmund, Kaiserstraßenviertel

, 11.04.2019 / Lesedauer: 4 min

1947,6 Kilometer Straße gibt es in Dortmund. Um die zu kontrollieren, hat das Ordnungsamt 36 Vollzeitstellen. Diese „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Außendienstes der Verkehrsüberwachung“ arbeiten in zwei Schichten. Urlaub und Ausfälle durch Krankheit eingerechnet, sind pro Schicht 12 Außendienstler unterwegs.

Eine flächendeckende Kontrolle ist völlig ausgeschlossen

Das bedeutet: Mehr als stichpunktartige Kontrollen sind nicht drin. Es gebe Straßen in Dortmund, wo das Ordnungsamt noch nie kontrolliert habe - sagt Ordnungsamts-Chefin Beate Siekmann. Stattdessen versucht sie, die Kontrolleure einzusetzen, wo die Not am größten ist: „Unsere Schwerpunktbereiche sind natürlich die City und der innenstadtnahe Bereich, außerdem die Stadtteilnebenzentren.“

Dort beobachten die Kontrolleure laut Siekmann die Entwicklung sehr genau. „Die Beschwerdesituation“, sagt sie, „hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Die Autos werden größer – und damit auch der Egoismus ihrer Fahrer. Die Menschen wollen am liebsten immer bis direkt vor die Tür fahren. Und andere Menschen akzeptieren das immer weniger.“

Das bedeutet zum einen, dass immer mehr Menschen andere anzeigen. Dank Smartphone geht das inzwischen einfach und schnell.

Andererseits bedeutet es, dass der Parkraum immer knapper wird. Denn zwei SUVs brauchen so viel Platz wie drei oder vier Golfs oder Smarts.

Brutale Falschparker – Kontrolleure müssen psychologisch betreut werden

Beate Siekmann leitet das Ordnungsamt seit 2014. © Benito Barajas

Viele Falschparker rasten sofort aus

Mit dem steigenden Egoismus, den Siekmann wahrnimmt, scheint auch das Unverständnis für die Arbeit des Ordnungsamts zuzunehmen. Immer öfter empfänden Falschparker schon die Aufmerksamkeit des Ordnungsamts als persönlichen Affront und gingen sofort steil.

„Es würde manche Menschen erden“, sagt Siekmann, „wenn sie mal mitkriegen würden, was sich die Kolleginnen und Kollegen im Außendienst so anhören müssen.“ Die Schimpfwörter seien oft „unterste Schublade“. Vor allem Kontrolleurinnen müssten sich übelste Schmähungen gefallen lassen.

Immer öfter bleibe es nicht bei verbalen Attacken. Siekmann nennt zwei Beispiele:

  • Ein Mann parkte unberechtigt auf einem Schwerbehindertenparkplatz – direkt vor dem Ordnungsamt. Eine Kontrolleurin erteilte ihm ein Knöllchen. Statt sich zu entschuldigen, beleidigte der Mann die Kontrolleurin und fuhr ihr absichtlich über den Fuß.
  • Ein Mann parkte auf einer Sperrfläche (gestrichelte Markierung). Als eine Kontrolleurin ihm ein Knöllchen ausstellte, ergriff der Mann das mobile Datenerfassungsgerät, das die Kontrolleurin mit einer Schlaufe um den Daumen trug. Er zerrte so heftig daran, dass der Frau sämtliche Sehnen und Knorpel des Daumens rissen.

Wohlgemerkt: Beide Männer hatten bewusst gegen die Regeln verstoßen, und beide Male ging es um Knöllchen in Höhe von 10 oder 20 Euro. Das seien keine Einzelfälle, sagt Siekmann, sondern Beispiele für ein Verhalten, das immer öfter und heftiger vorkomme. "Ein unerträglicher Trend“, sagt Siekmann. Die Außendienstmitarbeiter würden inzwischen intensiv betreut, psychologisch unterstützt und im Selbstschutz ausgebildet. „Sie können alle gut schlafen“, sagt Siekmann. „Und das soll auch so bleiben.“

Die Kontrolleure sind viel freundlicher als ihr Ruf, sagt Siekmann

Begünstigt wird eine derart hasserfüllte Haltung vermutlich durch den schlechten Ruf des Ordnungsamts. Den Ruf, bei jeder Gelegenheit gnadenlos abzukassieren. Stimmt nicht, sagt Beate Siekmann. Im Gegenteil würden die Kontrolleure ihren Ermessensspielraum meist zugunsten der Autofahrer auslegen.

Ihre Beispiele:

  • Wenn sich Beschwerden aus einem Bereich häufen, der ein Jahr oder länger nicht mehr kontrolliert wurde, sendet Siekmann die Kontrolleure verstärkt dorthin. Das Ordnungsamt geht dann davon aus, dass die Anwohner sich angewöhnt haben, falsch zu parken. Deshalb verteilen die Kontrolleure bei den ersten Kontrollen meist gebührenfreie Verwarnungen: Hinweise ohne Bußgeld.
  • Für Veranstaltungen wie B2Run und Citylauf werden bestimmte Straßen vorübergehend zu Parkverbotszonen. Wenn Anwohner trotzdem dort parken, versuchen die Kontrolleure zuerst, die Halter ausfindig zu machen. Wenn sich herausstellt, dass der Halter ganz in der Nähe wohnt, klingeln sie dort, und wenn der Halter sein Auto dann wegfährt, muss er auch kein Bußgeld zahlen. Die Alternative ist in so einem Fall allerdings nicht das Knöllchen. Denn die Veranstaltung kann nur stattfinden, wenn die Autos weg sind. Wenn der Halter nicht gefunden wird, muss das Auto abgeschleppt werden.

Manchmal muss sofort abgeschleppt werden

In manchen Fällen bleibe den Kontrolleuren keine Wahl, als Falschparker sofort abzuschleppen: immer dann, „wenn die Fläche, auf der das Auto abgestellt ist, in ihrer Funktion gestört ist“. Zum Beispiel Feuerwehrzufahrten und andere Sperrflächen. Aber auch das könne man nicht pauschal sagen, sondern müsse immer von Fall zu Fall entschieden werden.

Fast immer jedoch werde abgeschleppt, wenn ein geparktes Auto den Mindestabstand von 1,05 Meter zur Hauswand unterschreitet. Auch in diesen Fällen stoßen die Kontrolleure oft auf Unverständnis: „Es gibt Leute, die gerade mal einen Zentimeter Platz lassen – damit der Lack nicht beschädigt wird“, seufzt Siekmann. „Und die dann noch sagen: Da kann man doch außen rum gehen.“ Nur, dass sie damit völlig außer Acht lassen, dass Menschen mit Kinderwagen, Rollator, Behinderung oder anderen Einschränkungen das eben nicht können.

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