Brutaler Mörder seit 21 Jahren flüchtig – Hat er noch Dortmunder Kontakte?

rnSerie Ungeklärte Dortmunder Verbrechen

Fünf Menschen hat Norman Volker Franz getötet. Seit 21 Jahren ist der Dortmunder auf der Flucht. Von dem brutalen Mörder gibt es keine heiße Spur. Ein Fahnder ist aber sicher: „Wir finden sie immer.“

Dortmund

, 21.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 7 min

„Norman“. Der Zielfahnder duzt ihn wie einen guten Kumpel. Norman „ist für uns so etwas wie eine vertraute Person geworden“, sagt der Zielfahnder. Die Wirklichkeit: Norman ein gefährlicher Gegner.

Der Zielfahnder verfolgt seine Spuren quer über den Globus. Norman Volker Franz, in Arnsberg geboren, in Dortmunds Nordstadt aufgewachsen: Ein Geldräuber, Auto-, Waffen- und Zigarettenschieber - und schließlich fünffacher Mörder. Er wird im Mai irgendwo auf der Welt den 50. Geburtstag gefeiert haben, sollte er noch leben. Aber das weiß der Zielfahnder des Düsseldorfer Landeskriminalamtes eben nicht genau.

Denn Norman, einer der meistgesuchten Kriminellen der Republik, ist seit 21 Jahren auf der Flucht.

Unterwelt nutzt neue Freiheit

Das Deutschland der Nachwende-Jahre. Die Grenzen zum bislang abgeschotteten Osteuropa sind offen. Die Unterwelt nutzt das. Russische, polnische, deutsche Mafiosi dealen mit gestohlenen Autos und unversteuertem Tabak. Alleine zwischen 1990 und 1995 war der Handel mit illegalen Zigaretten weltweit um 73 Prozent gewachsen. Berlin ist ein Brennpunkt des Milliardengeschäfts, weiter westlich ist es das Ruhrgebiet.

Mitten durch Dortmund verläuft die Schmuggelachse von Russland nach Großbritannien, die Autobahn A 2. Zollfahnder sprechen von der „Warschauer Allee“. Nah an dieser Quelle im östlichen Revier rivalisieren polnische und deutsche Banden miteinander. Norman Volker Franz vom Borsigplatz, der aus kleinen Verhältnissen stammende hochintelligente Schüler des Westfalenkollegs, der in Mathe eine Einsplus abliefert, mischt nach Schulschluss in dieser Konkurrenz mit.

Eine laute Explosion

Tief im Süden der Stadt verbindet die wenig befahrene Reichsmarkstraße den Ortsteil Hohensyburg mit der B 54 und dem Autobahnkreuz Dortmund-Süd. Felder. Wälder. Ein Golfplatz. Anderes gibt es hier auch heute nicht. Gegen Mitternacht am 15. Mai 1995, einem Dienstag, reißen eine laute Explosion und mehrere Schüsse die Anwohner Syburgs aus dem Schlaf.

Eine Stichflamme erhellt den Nachthimmel. Die alarmierte Feuerwehr findet auf der Reichsmarkstraße einen VW Golf. Er brennt lichterloh. Über dem Steuer hängt eine zur Unkenntlichkeit verkohlte Leiche, im Graben liegt ein zweites Opfer mit abgerissenem Fuß. Es ist schwer verletzt worden durch einen Kopfschuss. Auch diesem Mann kann der Notarzt nicht mehr helfen. Er stirbt.

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Der dritte Autoinsasse, ein illegal eingereister Pole wie seine toten Komplizen, war von Pumpgun-Schüssen getroffen worden. Er konnte zunächst vom Tatort fliehen und hat überlebt. Als er in der Klinik aufwacht, schildert er den Hergang des Überfalls. Vor allem: Er nennt den Ermittlern die Namen der Täter.

Brutaler Bandenkrieg

Die Erzählung des Schwerverletzten ergibt das Bild eines brutalen Bandenkriegs: Danach haben Norman Volker Franz und ein Kumpan den polnischen Rivalen eine nächtliche Falle gestellt. Das verabredete Treffen in dem abgelegenen Flecken Dortmunds geriet zum Blutbad, als Franz durch das offene Seitenfenster des Golf eine Handgranate jugoslawischer Herkunft warf. Sie explodierte. Noch aus dem Fluchtfahrzeug heraus feuerte Franz auf den Kopf des Mannes im Graben.

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Es sind seine Morde 1 und 2, die Norman Volker Franz im Dortmunder Süden begangen hat. „Vorsicht! Franz ist gewalttätig und bewaffnet. Er macht rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch“, warnt dass Bundeskriminalamt auf seiner Website der meistgesuchten Verbrecher noch 25 Jahre später, nach den Morden 3, 4 und 5. Nur eine hat das 1995 nicht so gesehen oder nicht sehen wollen oder können: Sandra, die damals 16 Jahre junge Freundin.

Bonnie and Clyde des Ruhrgebiets

Auch Sandra stammt aus der Dortmunder Nordstadt. „Er war immer lieb und nett zu mir“, hat sie viel später ZDF-Reportern für eine detaillierte Dokumentation erzählt, die der Sender 2007 ausgestrahlt hat. Sie ist nach dem Massaker in der Reichsmarkstraße bei Norman geblieben und hat ihn auf seiner Wahnsinnsflucht begleitet als seine Geliebte, als seine in der Wuppertaler Haftanstalt angetraute Ehefrau und als Mutter seines Kindes.

Medien haben schnell den Vergleich mit dem berüchtigten amerikanischen Gangsterpärchen der 1920er-Jahre gezogen. Norman und Sandra werden zu „Bonnie and Clyde“.

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Eindruck hat Franz auch auf andere gemacht, auf eine ganz spezielle Szene. Davon erzählt der LKA-Zielfahnder, der ihn gemeinsam mit einer nicht genannten Zahl Kollegen jagt und der im September 2020 im Gespräch mit uns seinen richtigen Namen nicht nennen will. Wir haben ihn mit „Herr A.“ angesprochen. A. sagt: „Norman ist immer noch eine sehr bekannte Persönlichkeit in kriminellen Kreisen, auch aufgrund der fünf Morde. Man redet über ihn. Man ist interessiert an seinem Schicksal, auch, weil wir ihn noch nicht haben“.

Verrät ihn seine Stimme?

Dabei: Franz hat eine sanfte, freundliche, gar nicht männlich klingende helle Stimme. Wer will, kann sie seit kurzem auf der Website des Bundeskriminalamtes abhören. Seine Stimme, sagt A., „wird er beibehalten haben“ auch nach über zwanzig Jahren Flucht.

Dass Norman Thema in den Ganoven-Kreisen ist, dass er mit auffälliger, heller Stimme spricht? Es scheint, als habe der Zielfahnder A. die Hoffnung, auch über solche Wege eines Tages belastbare Indizien für einen Aufenthaltsort des Mannes zu erhalten.

Mai 1995. Norman und Sandra setzen sich nach der Blutnacht ab. Ihr Weg führt sie über Mallorca und die Niederlande zurück nach Deutschland. In einer „XY-Sendung“ werden der Name und Personenbeschreibung öffentlich - und vier Tage danach klicken in Osnabrück die Handschellen für Franz.

Am 12. März 1996 verurteilt ihn das Dortmunder Landgericht wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Acht Wochen später gibt er Sandra in der Vollzugsanstalt Wuppertal das Ja-Wort. Anfang 1997 wird der Doppelmörder in die Haft nach Hagen verlegt. Da stricken Norman und Sandra längst heimlich den Ausbruchsplan.

Ein grober Schnitzer der Sicherheitsleute

Sandra trägt gerne ihre metallene Halskette. Bei den Besuchen in der Hagener Haft wird das Stück anfangs immer genau überprüft. Doch Aufseher kennen die Angehörige bald und winken sie durch. Ein grober Schnitzer. Am 11. März, ein Jahr nach der Verurteilung, kommt es zur tollkühnen Flucht.

Franz nutzt Teile eines Eimers, Besenstiele - und kleine Metallsägen, die die Ehefrau in der Kette mit Tesa befestigt ins Gefängnis schmuggelt. So kann er über das Dach an die Dachrinne gelangen und rutscht daran in die Tiefe. Sandra wartet in einem roten Polo. Dann sind sie weg.

Der Weg der Gewalt

Das Paar braucht Geld. Wieder geht der jetzt 27-Jährige den Weg der Gewalt. Die Tatorte liegen in Ostdeutschland. Rücksichtslos erschießt Norman Volker Franz den Wachmann Rudolf Tamm in Weimar, der eine Geldkassette mit 15 000 D-Mark zur Bank bringen will. Drei Monate später, im Juli 1997, sterben durch seine Waffe die Wachleute Gerd Koch und Peter Seidel, die die Einnahmen eines Metro-Marktes bei Halle abtransportieren. Die halbe Million D-Mark Beute reicht, um das Paar sorglos weiterleben zu lassen. Doch sie haben sich einen Fehler erlaubt.

Bei Halle haben sie in einem Hotel gewohnt, in dem sich Norman versehentlich mit echtem Namen anmeldet hat. Die Ermittlungsbehörden addieren den Namen Norman Franz, den identifizierten roten Polo und Fahndungsbilder des Landeskriminalamtes NRW vom Mord an der Reichsmarkstraße. Sie wissen jetzt: Der Mörder von Dortmund mordet weiter. Doch noch fühlen sich die beiden sicher.

Ihre Flucht gelingt. Fluchtdomizil wird ein Haus im portugiesischen Albufeira. Während die Fahndung europaweit auf Hochtouren läuft, gönnen sie sich ein bürgerliches, ruhiges Jahr an der Atlantikküste. Sie gebiert einen Sohn. Er verdient als Immobilienmakler das Geld. Macht der Familienfrieden leichtsinnig?

Polizeikontrolle ändert alles

Nach wie vor fahren sie den BMW, den ihnen ein Freund in Deutschland verkauft hat. Das Kennzeichen war wenige weitere Monate gültig. Aber auch im Herbst 1998 sind die Nummernschilder noch montiert. So fällt das Fahrzeug in einer Routinekontrolle der portugiesischen Polizei auf. Eine Rückfrage beim deutschen BKA ergibt den Treffer. Nach einiger Zeit der laufenden Beobachtung wird der fünffache Mörder am 24. Oktober auf offener Straße verhaftet und ins Lissaboner Zentralgefängnis gebracht.

Seine Frau kommt in eine Frauenhaftanstalt. Zwar tricksen die beiden. Sie kommunizieren über gleichzeitige Telefongespräche mit der Mutter Normans. Er will sie noch einmal zur Flucht überreden. Aber Sandra entscheidet anders. Sie will beim Kind bleiben, nicht beim Mann. Sie entschließt sich zur Trennung. Der Schlussstrich.

Norman Volker Franz schafft es alleine. Er bricht am 28. Juli 1998 zum zweiten Mal aus. Ein anderer Häftling muss ihn geholfen haben, das alles mit einem perfekten Timing. Franz verschwindet aus dem zentralen Gefängnis der Hauptstadt Portugals nur einen Tag, bevor er nach Deutschland ausgeliefert werden soll.

Seitdem ist er unauffindbar.

Polizeiarbeit über Grenzen hinweg

Mehr als 8500 Tage sind seit der Flucht vergangen. „Wir versuchen in Zusammenarbeit zum Beispiel mit den portugiesischen Kollegen, das gesamte Umfeld von Norman aufzuhellen“, sagt der Düsseldorfer Zielfahnder A. . Es hat viele Hinweise gegeben, oft dann, „wenn das Thema in der Öffentlichkeit präsent ist“. Wie 2007, als die ZDF-Dokumentation gesendet wurde und 2018, als „Aktenzeichen XY ungelöst“ erneut berichtete. Die Hinweise sind unterschiedlicher Qualität.

So will ein Rucksacktourist den Flüchtigen im australischen Outback gesehen haben. Belastbarere Hinweise führen aber eher in afrikanische Länder wie Marokko oder nach Südamerika. Franz hat zum Zeitpunkt der Flucht deutsch, französisch und portugiesisch gesprochen.

Informationen des ZDF, wonach portugiesische Fahnder das unbewohnte Haus in Albufeira 2007 noch einmal geöffnet und mit verrückten Möbeln und durchwühlten Schränken dort neue Spuren auf einen Besuch von Franz kurz zuvor hingedeutet haben sollen, sind im Landeskriminalamt nicht bekannt. „Das erfolgte nicht durch Norman Franz“.

Fahnder sieht Methode kritisch

Eine Personenfahndung ist über eine so lange Zeit nicht einfach. „Eher kritisch“ sieht A. beispielsweise Versuche, die Alterung des Mannes in Fahndungsporträts digital nachzuvollziehen. Eine mögliche Belastung eines Menschen durch Arbeit, Drogen oder Alkohol seien trotz „hochprofessioneller Software“, die das LKA nutze, kaum darzustellen. Da setzt er eher auf die Wiedererkennung der ungewöhnlich weichen Stimme Normans auf der BKA-Website.

Die Spur des Geldes, die in vielen anderen Fällen hilft? „Der Verbleib des Geldes ist aufgeklärt“. Er habe unter anderem in Portugal Immobilien gekauft, aber nach seiner Flucht weder einen tatsächlichen noch einen rechtlichen Zugriff darauf gehabt. „Er ist eigentlich ohne Geld geflohen“.

Hat er mit seinem alten Leben abgeschlossen?

Könnte der Mörder noch Beziehungen in die Heimat haben? Vielleicht sogar nach Dortmund? Womit sich eine andere Frage stellt: Hat er mit seinem alten Leben wirklich abgeschlossen? „Das kann nur Norman selbst wissen“, sagt A. Ob dies auch gilt für die Beziehung zur längst geschiedenen Sandra, der Mutter seines Kindes? Der Zielfahnder macht zu. „Dazu können wir nichts sagen“.

Zielfahnder arbeiten professionell, verdeckt, auch unter anderer Identität und mit verändertem Aussehen. Sie sind über das Netzwerk europäischer Zielfahndungsstellen ENFAST über Grenzen hinweg in Kontakt. Hier werden Informationen ausgetauscht und Einsätze koordiniert. Bei der Lokalisierung von flüchtigen Kriminellen haben sie eine fast eine 100prozentige Erfolgsquote, sagt A. Was nicht bedeutet, dass alle Verbrecher ihrer Strafe zugeführt werden können.

„Zielfahndung ist kein Sprint“

Nicht wenige Länder liefern nicht aus oder erkennen die in Deutschland verfolgte Tat nicht als Straftat an. Für den Fall des flüchtigen Fünffach-Mörders heißt das: „Es gibt keine aktuelle heiße Spur in Richtung Norman Volker Franz“. Doch A. ist überzeugt: „Zielfahndung ist kein Sprint. Sondern ein Marathon. Wir finden im Lauf der Zeit eigentlich immer heraus, wo jemand ist“.

Die letzte Beschreibung des Mörders von Syburg stammt vom Bundeskriminalamt. Norman Volker Franz ist männlich, 1,77 Meter groß, hat starke Körperbehaarung, braune Augen. 1999 hatte er hellblondes, schon schütteres Haar und eine beginnenden Stirnglatze gehabt. Sein Auftreten ist „charmant und freundlich, insbesondere gegenüber Frauen“ - und ansonsten mit „hoher Gewaltbereitschaft zur Erreichung von Zielen“.

Mit 25 000 Euro hoch ist deshalb auch die Summe, die der erhält, der Informationen über den Aufenthaltsort des Franz liefern kann. Und Vertraulichkeit wird zugesichert.

SERIE

UNGEKLÄRTE DORTMUNDER VERBRECHEN

Bundesweit arbeiten Justiz und Polizei hunderte ungeklärte Kriminalfälle auf. Neue Techniken wie die Auswertung von DNA-Spuren und die Operative Fallanalyse, das so genannte Profiling, helfen dabei. Und manchmal, sehr spät, wollen sich sogar Tatzeugen erinnern. In dieser Serie berichten wir in lockerer Folge über bisher nie gelöste Dortmunder Vorgänge.
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