Wer in der Großstadt auf ein Lastenrad oder auch Cargo-Bike setzt, liegt richtig. Das Rad geht ins Geld, fährt aber preiswerter als ein Auto - auch schneller? Unser Autor wagt den Test.

Dortmund

, 10.08.2018 / Lesedauer: 7 min

Zehn Tage lang testete unser Autor ein Lastenrad des deutschen Herstellers Riese & Müller aus Weiterstadt bei Darmstadt. Kann das erprobte „Packster 40“ in der trubeligen Großstadt tatsächlich einen Kleinwagen ersetzen? Die 6000 Euro für einen Neukauf des Spezialrads könnten auf den ersten Blick ein schwergewichtiges Gegenargument sein. Doch wer sich sofort vom Preis abschrecken lässt, springt zu kurz. Interessant ist ein Cargo-Bike für private Radler mit permanent großem Gepäck oder mit Kindern - aber auch für Firmen.

IHK ist vom Potenzial überzeugt

„Wir sind vom Potenzial der Lastenräder überzeugt“, sagt Stefan Peltzer von der Industrie- und Handelskammer Dortmund, die mit der Wirtschaftsförderung der Stadt im Jahr 2014 die Initiative Cargobike Dortmund gegründet hat. Die Idee: Mit ihrem Wissen beraten und begleiten IHK und Wirtschaftsförderung interessierte Firmen. Große Logistikunternehmen wie UPS und GLS haben bereits umgesattelt und den Fuhrpark in Dortmund jetzt um Lastenbikes ergänzt. „Eine gewerbliche Firma oder ein Dienstleister muss seine Prozesse umstellen, weil ein Rad einen Pkw oder einen Transporter nicht zu 100 Prozent ersetzt“, sagt Pelzer über den vorher betriebenen Aufwand in Unternehmen, die jetzt aufs Lastenrad setzen.

Cargo-Bike statt Kleinwagen: Das Lastenbike drängt auf die Dortmunder Straßen

Ein Cargobike von Riese & Müller in voller Breitseite vor der Hochofen-Kulisse auf Phoenix-West in Dortmund-Hörde: Das Rädchen ist ein praktischer Transporteur bei Ausflügen mit großem Picknick-Gepäck für die Reisegruppe. © Peter Bandermann

Der Referatsleiter für Verkehr, Logistik und Planung bei der IHK sagt, dass das Land NRW derzeit prüft, ob der Lastenrad-Kauf mit Subventionen gefördert werden kann und ob das den Absatz auch für Privatkunden ankurbelt. Das Land Berlin bezuschusst Lastenrad-Käufe im Jahr 2018 mit 200.000 Euro und 2019 mit 500.000 Euro. Bereits am ersten Antrags-Tag Anfang Juli 2018 lagen in der Bundeshauptstadt so viele Anträge vor, dass der Etat für das laufende Jahr ausgeschöpft war.

Was bedeutet die Umstellung auf ein Lastenrad für Unternehmen? Geht das überhaupt?

  • Transportunternehmen müssen Touren umplanen: Weite Strecken mit hohem Gewicht oder viel Volumen bleiben im Transporter. Leichtere Lasten gehen auf kürzeren Strecken aufs Rad.
  • Interessant sind Cargo-Bikes oder Lastenräder nicht nur für Lieferdienste, sondern auch für Pflegedienste und andere Dienstleister mit geringem Gepäck. Die Suche nach einem Parkplatz ist leichter.

Großes Cargobike-Netzwerk in Dortmund

Laut IHK muss die Initiative Cargobike Dortmund weiter „viel Überzeugungsarbeit“ leisten. Wobei das Dortmunder Netzwerk inzwischen die größte Lastenrad-Initiative dieser Art in Deutschland sein soll. Diese Einschätzung stammt aus Berlin. An den vier Cargobike-Treffen pro Jahr in Dortmund nehmen 40 Netzwerker teil. Sie beraten, diskutieren und „schieben an“. Denn wie bei Pkw oder Transportern müssen Firmen auch ein Lastenrad individualisieren, damit das Personal optimal arbeiten kann. „Da geht es um Sonderkonstruktionen. Die Aufbauten müssen abschließbar sein, beispielsweise warm halten oder kühlen können. Das kann dann locker 10.000 Euro kosten“, berichtet Stefan Peltzer. Das Bundesamt für Wirtschaft fördert Unternehmen, die ein Lastenrad in den Fuhrpark aufnehmen.

Ein Verkaufs-Trend oder ein Mobilitäts-Konzept?

Ist ein Lastenrad ein geeignetes Transportmittel für Familien und Firmen? Das Dortmunder Fachgeschäft „Das Rad“ setzt schon seit vielen Jahren auf E-Bikes und Lastenräder. Geht es um einen Verkaufstrend oder doch um ein ausgetüfteltes Mobilitätskonzept? Geschäftsführer Matthias Mühr gibt Antworten im Video:

Zurück zum Lastenrad-Test für Otto Normalverbraucher. Hersteller Riese & Müller preist das Packster 40 als „Scheinriese“ an: Mit seinen 2,23 Metern Länge sei das 30 Kilogramm schwere Lastenrad „kaum länger als ein herkömmliches Fahrrad“. Dafür ist es deutlich kürzer als ein 3,60 Meter langer VW Up oder ein Ford Fiesta mit seinen 400 Zentimetern. Aber ist ein Lastenrad privat ein ernst zunehmender Konkurrent, der einem Kleinwagen den Rang ablaufen kann? Hier unser Testbericht für den Privatbetrieb nach Probefahrten an zehn Tagen im Sommer 2018:

  • Kaufpreis: Das bei dem Dortmunder Rad-Spezialisten „Das Rad“ ausgeliehene „Packster 40“ kostet im Handel knapp 6000 Euro. Das ist dann schon die Oberklasse für ein Privatrad. Riese & Müller ist kein Billigheimer mit China-Material, sondern hat bei der Wertarbeit in der Fahrrad-Branche wie andere namhafte Hersteller die Ansprüche an Qualität neu justiert. Klar, Qualität hat seinen Preis. 6000 Euro sind trotzdem eine Ansage. Aber der Kauf eines Lastenbikes ist im Vergleich zum Pkw-Invest langfristig günstiger. Steuer und Versicherung fallen weg. Die Betriebskosten sind deutlich günstiger. Das Rad frisst keinen Sprit. Für die Inspektion fallen 70 bis 80 Euro pro Jahr an.
  • Fahrkomfort: Mit dem langen Radstand sehen Lastenräder schwerfällig aus. Beim Packster 40 und anderen anspruchsvoll konstruierten Modellen ist das eine optische Täuschung. Der extra stabile und extra steife Alurahmen aus der Entwickler-Werkstatt des vor 25 Jahren gegründeten E-Bike-Spezialisten Riese & Müller verleiht der Fuhre auch bei hoher Last vorn im Kofferraum einen absolut ruhigen Lauf. Die Federgabel vorn dämpft selbst auf holpriger Strecke zuverlässig und schont Gepäck wie Fahrer. Ein Lastenrad hat einen höheren Wendekreis, kann alltägliche Hindernisse wie Absperrpfosten vor Radwegen aber locker umfahren. Einmal auf Touren, fährt das Packster wie auf Schienen davon. Bei enorm hohem Spaßfaktor.
  • Tempo: Auf einer 8 Kilometer langen innerstädtischen Strecke verbraucht ein VW Golf Diesel laut Bordcomputer 4,9 Liter. Durchschnittsgeschwindigkeit morgens im Berufsverkehr: 30 km/h. Nach 17 Minuten war das Ziel erreicht. Das Lastenrad benötigte bei gemütlicher Fahrt 24 Minuten. Klingt nach einem nicht erträglichen Zeitverlust für stressgeplagte Bürohengste. Auf der über 16 Kilometer langen Strecke zwischen der Dortmunder Innenstadt und dem Flughafen war das Lastenrad bei sportlicher Fahrt mit 14 Minuten Vorsprung dann aber schneller als der Pkw unterwegs. Das Packster 40 zog auf Parallel- und Nebenstrecken souverän davon, während das Auto nach Staus auf der B1 in der Mittagszeit eine Minute nach der anderen verlor und das Ziel erst nach 41 Minuten erreichte. Ein weiterer Vorteil: Das Rad fährt von Tür zu Tür. Die Parkplatz-Suche und der Fußweg fallen weg.
  • Antrieb: Das Packster 40 wiegt satte 30 Kilogramm. Schaltung und Übersetzung lassen das Lastenrad auch mit reiner Muskelkraft ohne Probleme laufen. Unter Last am Berg ist die Fahrt ohne E-Motor-Hilfe ein hartes Training. Mit Motor im Turbo-Modus ist das ein reines Vergnügen. Bei 32 km/h die Benninghofer Straße im Dortmunder Süden rauf - das Lastenrad zieht und zieht, ohne dass der leicht pedalierende Fahrer bei Hochsommer-Temperaturen ins Schwitzen kommt. Überholende Autos sind an der nächsten Ampel wieder im Blickfeld. Die beiden Bosch-Akkus liefern die Energie für den Motor, der bei leichtem Pedalieren stark zulegt und bei kräftigem Tritt in die Pedale seine Leistung runterfährt. Geht das Verhältnis zwischen eigenem Kraftaufwand und Vortrieb durch Motorkraft in Fleisch und Blut über, ist dynamisches Fahren ein reines Vergnügen.
  • Alltag: Ein Lastenrad ist wegen seiner Maße und seines Gewichts ein besonderes Format. Die 30 Kilogramm des Packster 40 lassen sich nicht mal eben die Kellertreppe hinunterwuchten. Eine Garage oder ein ebenerdiger Zugang zu einem anderen sicheren Abstellplatz sind optimal. Die Fahrten zur Arbeit, zum Supermarkt oder zur Kita sind so normal zu bewältigen wie mit dem Pkw. Zeitverluste auf einigen Strecken, auf denen der Pkw die Nase vorn hätte, sind mit dem Rad schnell wieder aufgeholt, weil es Abkürzungen ohne Ampeln nehmen kann.
  • Sicherheit: Ein Lastenrad fährt nicht mehr oder weniger sicher als klassisches Rad. Allerdings sollten die Helm-Ausreden „sieht nicht aus“ oder „ist zu warm“ auf dem Lastenrad über Bord geworfen werden. Wer das Mega-Rad sportlich nutzt, überschreitet schnell die 30 km/h-Marke - jeder Mofafahrer muss in diesem Bereich einen Helm tragen. Besondere Rücksicht ist auf stark genutzten kombinierten Rad- und Gehwegen geboten: Radfahrer und Fußgänger rechnen nicht mit einem wuchtigen Lastenrad. Die Bremsen des Packster 40 packen übrigens kräftig zu.
  • Vergleich zum klassischen Fahrrad: Der Umstieg vom klassischen Alltagsrad auf das Lastenrad ist deutlich spürbar. Der Kofferraum vorn versperrt die Sicht auf den Reifen und den Untergrund. Beim Einlenken sieht‘s so aus, als würde der Lastenkorb verzögert mitschwenken. Das Gehirn meldet auf den ersten Kilometern einen Fehler, der mit zunehmender Routine verschwindet. Es gilt wie beim Motorradfahren: Schlecht geguckt ist schlecht gefahren.
  • Fazit: Ein Lastenrad ist in der Großstadt eine echte Alternative zum Kleinwagen, weil das Durchschnitts-Tempo im Stadtverkehr nicht wesentlich unter dem Pkw-Wert liegt. Finanziell liegt das Lastenrad sowohl beim Kaufpreis als auch langfristig bei den Betriebskosten deutlich unter dem Pkw. Wer umsattelt, wird viel Geld sparen. Nicht berechnet ist hier das Umwelt-Plus. Das Lastenrad muss den Pkw nicht zwingend ersetzen - es kann - wer es sich zusätzlich leisten kann - den Familien-Fuhrpark ergänzen und Mobilitätskosten senken.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Das Lastenrad im Großstadtverkehr

08.08.2018
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Dieses Lastenrad des Darmstädter Herstellers Riese & Müller haben wir zehn Tage lang getestet.© Peter Banddermann
Auf Tour am Dortmunder Phoenix-See: Das Lastenrad rollt bevorzugt auf gut ausgebauten Radwegen.© Peter Bandermann
Der Gepäckkorb nimmt reichlich Gepäck auf. 20 Kilogramm Gewicht und mehr verändern das Fahrverhalten kaum.© Peter Bandermann
Die beiden Bosch-Akkus versorgen den E-Motor mit Strom. Ladezeit: Zeitgleich rund 5 Stunden. Reichweite: Je nach Leistung bis zu 250 Kilometer.© Peter Bandermann
Lastenräder sind keine Verkaufsschlager - der Absatz auf dem Markt ist überschaubar, aber das Potenzial groß. Wie in Berlin könnten die Städte den Verkauf mit Zuschüssen ankurbeln, um den Pkw-Verkehr zu reduzieren.© Peter Bandermann
Die Schaltung übersetzt die Muskelkraft perfekt: Auch ohne E-Motor ist das Lastenrad schnell unterwegs.© Peter Bandermann
Leichtes Spiel: Der tägliche Einkauf oder ein Wocheneinkauf sind kein Transportproblem.© Peter Bandermann
Ein Cargobike von Riese & Müller in voller Breitseite vor der Hochofen-Kulisse auf Phoenix-West in Dortmund-Hörde: Das Rädchen ist ein praktischer Transporteur bei Ausflügen mit großem Picknick-Gepäck für die Reisegruppe.© Peter Bandermann
Freie Fahrt fürs Lastenrad? Im Großstadtverkehr ist das Cargobike den gleichen Zwängen unterworfen wie jeder andere Radfahrer auch. Allerdings kann es dank E-Motor beim Tempo punkten.© Peter Bandermann
Radfahrer kennen diese Zustände auf Dortmunder Radwegen: Weil das Cargobike nicht ganz so gut Ausweichmanöver fahren kann wie ein klassisches Zweirad, kann es auf zugeparkten Radwegen eng werden.© Peter Bandermann
Mehr als ein Tacho: Der praktische kleine Bordcomputer zeigt Kilometer, aktuelles Tempo, Durchschnittsgeschwindigkeit, Fahrmodus des Elektromotors, Akku-Reichweite und die Uhrzeit an.© Peter Bandermann

Das sagt ein Vater von zwei Kindern

Viel erfahrener als unser Autor mit seinem Zehn-Tages-Test ist der 32-jährige Michael Kansteiner aus der östlichen Innenstadt. Der Maschinenbau-Ingenieur nutzt für die Fahrten durch die Stadt das ganze Jahr über fast ausschließlich ein Lastenrad des Berliner Herstellers Pedal-Power (Preis: 3600 Euro). Er bringt damit seine zweieinhalbjährige Tochter zur Kita, fährt dann weiter zur Uni und erledigt Einkäufe. So kommen mindestens 18 Kilometer am Tag zusammen. Michael Kansteiner fährt eine Version ohne E-Antrieb, nutzt also ausschließlich Muskelkraft.

„Am Anfang ist das anstrengend. Aber nach einem Jahr ist das wie beim normalen Radfahren. Sein Lastenrad bietet neben dem Platz fürs Kind noch Volumen für Einkäufe sowie Platz für eine Trinkflasche und Proviant. Alles im Trockenen. „Meine Tochter schläft auch ganz gut da drin“, sagt der Vater. Der drei Monate alte Sohn findet im Maxi Cosi Platz. Der dann für die Tochter aber nicht mehr ausreicht. Michael Kansteiners Fazit nach mehreren Modell-Vergleichen bei Qualität und Preis aus Verbrauchersicht: Einen zuverlässigen Einsteiger baue der niederländische Hersteller „Gazelle“ (Modell Cabby). Preis: rund 1600 Euro. Darauf ist er bereits auf Texel gefahren. Sein Modell aus Berlin koste mit E-Motor aber deutlich mehr.

Zwei Spuren sogar mit Neigetechnik

1600 Euro - das ist, circa, auch aus Sicht von Konrad Tischler aus dem Fachgeschäft „Radgebiet“ am Neuen Graben im Dortmunder Kreuzviertel die Unterkante. Weltweit seien rund 170 Hersteller aktiv. Viele von ihnen würden gute Qualität erzeugen. Konrad Tischler: „Ein Lastenrad, das 1600 Euro kostet, ist kein schlechtes Rad. Es hat nur eine andere Käuferschicht.“ Die Modellvielfalt unter ein- und zweispurigen Räder sogar mit Neigetechnik sei inzwischen sehr groß. „Der Verbraucher kann auswählen, ob er sein Rad bei einem großen Hersteller oder einer kleinen Start-Up-Manufaktur kaufen möchte.“ Die Auswahl eines Modells sei wegen der Größe des Markts anspruchsvoll.

Lastenräder in der Schweiz und in Österreich

Große Fortschritte beim Lastenrad als Alltagsmobil gibt es in der Schweiz. Ein Automobilclub hat das Potenzial der Cargobikes erkannt und ist mit dem Projekt Carvelo2go an den Start gegangen. Anfangs konnten sich die Kunden in einem aus 5 Lastenräder bestehenden Fuhrpark bedienen. Inzwischen sind es 170. Zentrum war in der Schweiz zunächst Bern. Inzwischen zieht das Projekt Kreise. Jörg Lange vom Hersteller Riese & Müller: „Die sind da extrem erfolgreich.“ In Dortmund gibt es ein dichtes Leihräder-Netz durch Metropolradruhr. Allerdings verleiht Metropolradruhr keine Lastenräder.

Ein Blick nach Österreich: Auch Wien setzt auf Volumen und geht mit Leih-Transportern an den Start. 200 Kilometer südwestlich, in Graz, fördert die Stadtverwaltung den Kauf von Lastenrädern sogar finanziell.

An jedem dritten Freitag im Monat startet um 19 Uhr eine große Radfahrer-Gruppe zu einer Tour quer durch Dortmund. Zuletzt haben über 300 Radfahrer teilgenommen. Die „Critical Mass“-Bewegung gibt es auch in anderen deutschen Großstädten. Unterwegs sind Lastenräder und normale Räder.
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