Dortmunder ernähren sich von Supermarkt-Müll - doch das „Containern“ ist illegal

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Wer „containert“, nimmt weggeworfene Lebensmittel aus Abfallbehältern mit. Kein Problem, sollte man meinen. Doch Containern ist nicht erlaubt. Ein Streifzug durch Dortmunder Supermarktmülltonnen.

von Sophie Emilie Beha

Dortmund

, 19.01.2020, 05:25 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ohne Handschuhe und ohne zu zögern fasst Robert (Name von der Reaktion geändert) in den großen, schwarzen Müllcontainer und greift zu. Zwischen angematschtem Salat und verschimmelter Paprika fischt er nach essbaren Resten. Es ist dunkel, er leuchtet mit einer Stirnlampe, um die Hände frei zu haben.

„Montags ist der beste Tag, um containern zu gehen“, meint er. „Da sind die Tonnen am vollsten.“ Robert ist Student. Obwohl er finanziell nicht auf diese Nahrungsmittel angewiesen ist, geht er mindestens einmal pro Woche auf Streifzug. Er möchte das Essen vor dem endgültigen Mülleimer retten, meist ist das eine Biogasanlage. Und er will gegen die Lebensmittelverschwendung ankämpfen. Noch essbare Nahrungsmittel in so großem Stil wegzuwerfen sei einfach unverantwortlich, meint Robert.

Gericht bestätigt: Containern bleibt illegal

Achtzehn Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll, das ist ein Drittel unseres Nahrungsmittelverbrauchs. Trotzdem haben die Justizminister der Länder im vergangenen Juni in Hamburg den Beschluss abgelehnt, containern zu legalisieren. Unverständlich für die Containergemeinde.

Stattdessen gab es einen Alternativbeschluss: Der Bund soll es großen Anbietern einfacher machen, Lebensmittel freiwillig und ohne Nachteile an Dritte abzugeben. Das können beispielsweise gemeinnützige Hilfsorganisationen wie die Tafeln sein, die nicht mehr in der Wirtschaft verwendete Lebensmittel an Bedürftige verteilen.

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Robert geht immer wieder los. Frühestens um 23 Uhr, wenn die Läden geschlossen sind und er sicher sein kann, dass niemand mehr da ist. Meistens streift er in einer Gruppe durch die Dortmunder Stadtteile, mit Freundinnen und Freunden aus der Uni. Zu viert oder auch mal zu siebt steigen sie in die Bahn oder ins Auto.

Mittlerweile haben sie ihre festen Routen, klappern nacheinander die Supermärkte ab, die sich bewährt haben. Sie heißen Rewe, Aldi, Netto oder Lidl. Biomärkte sind keine dabei, ihre Tonnen sind schwerer zugänglich.

Der Geruch ist unangenehm

Der nächste Stopp ist ein Supermarkt der gehobenen Preisklasse. Die Mülltonnen stehen für alle zugänglich vor den dunklen Bürofenstern. Robert hebt den schweren Deckel an, schaut hinein und lässt ihn wieder fallen. Eine Tonne voller Plastikmüll. In der nächsten ist schon viel vergammelt. Robert verzieht einmal kurz das Gesicht, der Geruch ist ihm unangenehm.

Er fischt dann aber eine Tomate, zwei Becher Joghurt, einen Salatkopf und noch eingeschweißte Champignons aus der großen Tonne. Als ein Auto langsam vorbeifährt, duckt er sich neben den Scheinwerfern weg.

Jedes Mal, wenn Robert in einer Supermarkttonne wühlt, könnte ihm Hausfriedensbruch vorgeworfen werden. Wenn er in einer Gruppe ab drei Personen unterwegs ist, sogar Bandenkriminalität. Meist bleibt es für Mülltauchende allerdings bei einer Verwarnung, vor der Robert bis jetzt verschont geblieben ist: Erwischt wurde er noch nie.

Wie alle Eigentümer haben auch Lebensmittelhändler das Recht, ihren Besitz, also auch ihren Abfall, zu schützen. Der Bund des Deutschen Lebensmittelhandels lehnt Containern ab und unterstützt die Supermärkte, die „je

nach Umständen des Tathergangs“ Strafanzeige erstatten. Im Januar wurden zwei Studentinnen aus München erstmals wegen Containern verurteilt. Die Strafe: 225 Euro Bußgeld.

Tag für Tag randvolle Mülltonnen

Rewe, Aldi, Netto, Penny, Edeka und Lidl lehnen Interviewanfragen zu diesem Thema ab. Einige antworten schriftlich, verweisen dabei aber lediglich auf ihre Zusammenarbeit mit den Tafeln. Rewe schreibt: „Fakt ist: Mittlerweile verkaufen die Rewe-Supermärkte im Jahresdurchschnitt bis zu 99 Prozent ihrer Lebensmittel.“

Das passt nicht zu den randvollen Mülltonnen, die laut Robert Tag für Tag hinter den Filialen stehen. Bei einem Anruf in einer Rewe-Filiale wird erneut ein Gespräch abgelehnt. „Wo in Dortmund wird denn containert? Unsere Filialen sind davon nicht betroffen.“

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Lidl schreibt: „Lebensmittel, die beschädigt oder verdorben und daher nicht mehr verkaufsfähig sind und nicht mehr gespendet werden können, werden zur Herstellung von Biomethan in Biogasanlagen transportiert oder über Mülltonnen entsorgt, die in öffentlich nicht zugänglichen Bereichen stehen. Daher stellt das Müllcontainern bei uns kein Thema dar.“

WWF spricht von 90 Prozent Vermeidungspotenzial

Laut der Studie „Das große Wegschmeißen“ des World Wide Fund For Nature (WWF) entsorgen Groß- und Einzelhandel jährlich 2,6 Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland. Das sind nicht nur die Supermärkte allein, obwohl sie den Großteil ausmachen, sondern auch kleine Händler wie Bäckereien oder Metzger.

„Das ist enorm“, sagt Pressesprecher Roland Gammling. „Bis zu 90 Prozent davon könnten vermieden werden.“ Für die Verbraucher soll das Essen gleichzeitig frisch, aber auch jederzeit verfügbar sein, das wären zu hohe Ansprüche.

Vor etwa einem halben Jahr machte Robert einen Versuch: Er wollte einen Monat lang mit seiner vierköpfigen WG so weit wie nur möglich von containertem Essen leben. Es funktionierte. Außer Nudeln, Reis und Kartoffeln mussten sie nichts nachkaufen.

Zweimal pro Woche zogen sie los. Manchmal begegneten sie dabei auch anderen Mülltauchern. Dann containerten sie zusammen, gaben sich Ratschläge, wo besonders gute und leichte Beute zu finden sei. Anders als manch andere hat Robert keinen Bolzenschneider dabei. Ein Schloss aufzuknacken fühle sich zu kriminell an, über Tore zu klettern sei in Ordnung.

„Hygienisch problematische Situation“

Robert kann nicht verstehen, dass die heutige Politik die Entnahme von noch gutem Essen aus Mülltonnen bestraft. Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) antwortet auf solche Vorwürfe: „Wir wollen nicht, dass sich Menschen in eine solche menschenunwürdige und hygienisch problematische Situation begeben.“

Hygienisch problematisch sei da nichts, meint Robert. Er benutze mit Absicht keine Handschuhe, da er nur essen will, was er ohne Grauen anfassen kann.

Am Ende seiner etwa einstündigen Tour breitet Robert seine Beute im WG-Flur auf dem Boden aus. Viel Brot, ein paar Möhren, Pfirsiche mit kleinen braunen Stellen, Birnen, eine Gurke, Lauch, Tomaten, eine Aubergine, ein etwas herabhängendes Bund Petersilie, Salat, Champignons, Joghurt, Frischkäse, isotonische Riegel sowie Getränke, Süßigkeiten und Kaffeekapseln.

Robert blickt einigermaßen zufrieden auf das verteilte Essen um ihn herum. Im Sommer sei es wegen der extremen Hitze schwierig, Mülltauchen zu gehen. Kühlwaren und Obst würden noch schneller als sonst kaputtgehen. Trotzdem: Jeder Bissen aus dem Container sei es wert. Schlecht sei ihm noch nie davon geworden.

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