Bistro-Café im Südbad: „Unser Lockdown hat sechs Monate gedauert“

rnCorona-Auswirkung

Ist das Hallenbad dicht, kommt keiner in sein Café. Corona hat Ümit Acar hart getroffen. Schlimmer als das Finanzielle sei aber etwas anderes.

Dortmund

, 06.11.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Geschlossen. Schon wieder. Ümit Acar steht hinter der Theke im Bistro-Café im Dortmunder Südbad. Hinter dem 47-Jährigen die ungenutzte Küche, vor ihm die Plexiglasscheibe, rechts die Panoramafenster, durch die man das gesamte 50-Meter-Becken sehen kann.

Niemand schwimmt, natürlich nicht. Auch die Hallenbäder sind wieder dicht in diesem November. Nicht viele Städte haben eine solch beeindruckende Schwimmhalle. 500 Zuschauer passen auf die steile Tribüne, im Dezember sollten hier die Deutschen Jugendmeisterschaften sein. Ausnahmsweise, weil die Halle in Berlin umgebaut wird.

„Ich lebe normalerweise vom ersten halben Jahr“

Wettkämpfe. Ümit Acar strahlt, wenn er davon erzählt. „Das sind Erlebnisse. Du begegnest so vielen Menschen aus so vielen Kulturen und so vielen Gesellschaftsschichten. Auch wenn man mit den Leuten gemeinsam feiert.“

Härter trifft ihn das Sportverbot aber als Unternehmer: „Ich lebe normalerweise vom ersten halben Jahr. Da sind die Wettkämpfe und mittlerweile auch die Partys, die dazu hier stattfinden. Und wenn das wegfällt plus die Feiern, die noch gebucht waren, stehst du da und sagst: Scheiße!“

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Wettkämpfe ausgefallen, danach: Sommerpause

Vier, fünf große Wettkämpfe wären noch gewesen ab Lockdown-Beginn Mitte März, darunter die NRW-Meisterschaften. Und dann, als andere Cafés, Kneipen, Restaurants wieder öffnen durften, kam der Sommer.

In den Sommerferien ist das Südbad ohnehin zu. „Im Herbst ging es zwar weiter, aber nach Corona-Bedingungen“, sagt Acar: „nur zwei Zeitfenster à 24 Leute im öffentlichen Schwimmen“. Auch die meisten Schwimmkurse für Kinder fielen weg. Immerhin die Nachwuchs-Leistungssportler der SG Dortmund trainierten wieder.

Weihnachtsfeiern? Gibt es 2020 auch nicht

Das brachte immerhin ein bisschen Umsatz: Eis, Waffel oder Schokoriegel nach dem Training für die Kinder und Jugendlichen. Eltern, während der Wartezeit einen Kaffee trinken.

Trotzdem: „Umsatztechnisch waren wir etwa bei einem Fünftel vom Normalen“, bilanziert Acar. Anfang November musste er wieder schließen. Und im Dezember? Selbst wenn er öffnen darf: Einnahmen aus Wettkämpfen und Weihnachtsfeiern der Vereine kann er vergessen.

Großes Spektakel mit Beleuchtung und Teilnehmern aus vielen Nationen: Die Swim Race Days waren Anfang März 2020 der letzte Wettkampf im Südbad vor der Schließung.

Großes Spektakel mit Beleuchtung und Teilnehmern aus vielen Nationen: Die Swim Race Days waren Anfang März 2020 der letzte Wettkampf im Südbad vor der Schließung. © Dan Laryea

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Kiosk im Volksbad „hat uns über Wasser gehalten“

Wäre das alles, hätte er „fast alles aufgebraucht, was wir aufgebaut hatten“, unterstreicht Acar. Zu seinem Glück aber bot sich 2020 eine neue Chance: Seit dem Sommer betreibt die Familie auch den Kiosk im Volksbad neben dem Westfalenstadion: „Das hat uns über Wasser gehalten.“

Mit vier Jahren kam Acar aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland. Er war Immobilienkaufmann, Betriebswirt, kümmerte sich um arbeitspolitische Maßnahmen, betreute zeitweise 70 Menschen.

Marktanalyse gemacht: 300.000 Besucher pro Jahr im Bad

2011 wollte die Familie in die Selbstständigkeit. Acars Frau sah im Südbad einen Aushang: Pächter gesucht. „Ich habe eine Marktanalyse gemacht und erkannt, dass das Südbad von 300.000 Besuchern im Jahr frequentiert wird, damals nach der Sanierung.“

So viel Laufkundschaft direkt am Café? Acar unterschrieb und öffnete Anfang 2012. Er wusste: „Wenn du ein gutes Angebot hast, kannst du auch fischen.“

Schnell merkte er: Um die Frühschwimmer und die Schulklassen braucht er sich nicht zu bemühen. Aber die Vereinsschwimmer, die Kursteilnehmer, diejenigen, die häufig im Südbad sind – die sind mehr als zufriedene Kundschaft.

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„Nach Corona laufen mir die Kinder in den Arm“

Nicht nur der Verein ist im Café, auch Acar ist im Verein: 1. Vorsitzender sogar beim SV Westfalen.

„Hier ist es so familiär, so innig“, sagt er und weiß: „Wenn wir nach Corona wieder die Türen aufmachen, dann laufen mir die Kinder in den Arm und rufen: Ey, Ümit.“ Acar sehnt diesen Tag herbei – nicht nur aus finanzieller Sicht.

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