Die Corona-Pandemie setzt vielen Kindern und Jugendlichen psychisch stark zu. In Dortmund berichten mehrere Experten von deutlich mehr akut suizidgefährdeten jungen Menschen. © dpa
Notaufnahme

Corona-Folgen: Jeden Tag ein Kind mit Suizid-Versuch in Dortmund

In der Jugend-Psychiatrie Dortmund gibt es aktuell viel mehr Suizid-bedingte Notaufnahmen als vor Corona. Kinder und Jugendliche leiden auch ohne Lockdown weiter unter den Pandemie-Folgen.

Der Präsenzunterricht läuft seit einigen Monaten wieder, auch die Einschränkungen im Freizeitbereich sind längst nicht mehr so groß, wie es zu Lockdown-Zeiten war.

Man könnte denken und hoffen, dass Kinder und Jugendliche mittlerweile nicht mehr so stark unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie leiden. Schilderungen mehrerer Experten aus Dortmund zeichnen aber ein anderes Bild.

Mehr Suizid-bedingte Notaufnahmen

Seit Juni 2021 verzeichne die LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Dortmund etwa 20 bis 30 Prozent mehr Notaufnahmen aufgrund von Selbstmordgefährdung als im vergleichbaren Zeitraum der Vorjahre, so Oberärztin Vera Schild. In den entsprechenden Fällen gab es entweder bereits einen Suizidversuch oder derjenige ist akut suizidgefährdet.

„Was wir bei Jugendlichen aktuell vermehrt sehen, ist, dass mit der Rückkehr in den Unterricht und der ersten Klausurenphase Ängste und Überforderungen wieder zunehmen. Es gibt vermehrt Suizidversuche – vor allem bei jugendlichen Mädchen“, so Schild.

„Jeden Tag ein Kind mit Suizidversuch“

Es ist nicht die erste Phase, in der die Belastungen der Corona-Pandemie in Zusammenhang mit dem Schulbesuch für große psychische Belastungen sorgt. Auch zum Ende des vergangenen Schuljahres habe es eine „sehr dramatische“ Zeit gegeben, berichtet Prof. Dominik Schneider, Direktor der Dortmunder Kinderklinik.

Im Frühsommer, als Lockerungen griffen, die Schule wieder normaler lief, Angst um Versetzungen aufkam, „da hatten wir eine Serie von fast zwei Wochen, wo wir jeden Tag ein Kind mit Suizidversuch aufgenommen haben.“

Prof. Dr. Dominik Schneider ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund.
Prof. Dr. Dominik Schneider ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund. © Stephan Schütze © Stephan Schütze

Zahlen liegen ihm nicht vor, der Eindruck ist jedoch eindeutig: „Es gibt sehr viele Jugendliche mit schwersten Symptomen depressiver Verstimmung.“ Psychische Erkrankungen, am häufigsten Depressionen, sind laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe der größte Risikofaktor für Suizide.

Gemischtes Bild je nach Phase der Pandemie

Weltweit hätten Studien im Sommer gezeigt, dass 25 Prozent der Kinder depressive Syndrome zeigen, 20 Prozent Angstsyndrome, so Schneider: „Das ist eine Verdopplung im Vergleich zu vor Corona.“

Beide Ärzte zeichnen ein gemischtes Bild davon, wann und wie Jugendliche unter der Pandemie psychisch gelitten haben: Auf der einen Seite sind es diejenigen, denen die Lockdown-Phasen mit Homeschooling und sozialer Isolation sehr zugesetzt haben.

Jugendliche sind davon stärker als (Klein-)Kinder betroffen, weil „in diesem Alter bestimmte Entwicklungsschritte anstehen in Richtung Autonomieentwicklung, Abgrenzung vom Elternhaus, Orientierung mehr hin zu Freunden und der Peer-Group. Das ist ein normaler Prozess, der durch Corona deutlich behindert war“, so Vera Schild.

Wer vorbelastet war, ist stärker betroffen

Gesunde Jugendliche erholen sich davon jedoch gut: „Kinder sind sehr anpassungsfähig – wer vor Corona gesund war, hat Ressourcen. Wenn es zurück geht ins normale Leben, kommen diese Kinder in den allermeisten Fällen gut zurecht“, so die Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Auf der anderen Seite sind diejenigen, die jetzt unter psychischen Erkrankungen leiden: „Vermehrt sind die betroffen, die schon vor der Pandemie Probleme hatten, die ängstlicher, schüchterner waren, die unter Angststörungen oder leichten Depressionen litten.“

Vor Corona reichte für diese Jugendlichen vielleicht eine ambulante Therapie. Wenn Corona-bedingt dann aber „stabilisierende Faktoren wie Schule oder Vereine wegfallen, kann der erste Schritt zurück sehr schwerfallen.“ Es gebe „Jugendliche, die sich während der Pandemie in ihrer Symptomatik deutlich verschlechtert haben – dadurch, dass sie soziale Kontakte nicht üben konnten. Wir haben einige Kinder da, für die ein Schulbesuch nicht möglich war.“

Leistungsdruck in Schulen als Belastung

Insbesondere in den vergangenen zwei, drei Monaten habe es vermehrt „Fälle von massiver Überforderung gegeben, als es in die Schulen zurück ging und die Leistungsanforderungen wieder hochgefahren wurden“, so die Oberärztin.

Eine direkte Auswirkung: „Die Wartelisten für stationäre Therapieplätze, insbesondere ab einem Alter von 14 Jahren, sind länger geworden. Mit einer Wartezeit von drei bis vier Monaten muss man da rechnen. In akuten Krisen, zum Beispiel bei Suizidgefahr, nehmen wir aber immer auf oder finden im Gespräch eine Lösung. Dafür halten wir einen 24-Stunden-Notdienst vor.“

Neben den Kliniken und ambulanten Therapiepraxen gibt es in Dortmund auch ein ganz spezielles Angebot für suizidgefährdete Jugendliche: U25 – eine Suizidpräventions-Beratung per E-Mail für Menschen bis 25. Die schriftliche Beratung übernehmen dabei geschulte Ehrenamtliche im Alter zwischen 16 und 25.

Deutlich mehr Anfragen bei Online-Suizidprävention

Seit Pandemiebeginn habe man deutlich mehr Anfragen, so Christin Triebkorn, pädagogische Fachkraft und Standortleiterin. „Auch vorher haben viele schon unter Suizidgedanken gelitten – aber in einer solchen Krise, durch die junge Menschen stark belastet worden sind, kann sich das zuspitzen.“

Auch sie bestätigt: Nachdem gerade zu Anfang der Pandemie eher die soziale Isolation, Druck durch ein hohes Maß an Eigenorganisation und Zukunftsängste die Beratungsanfragen bestimmt hatten, sind es jetzt andere Dinge.

„Viele schreiben uns, wie schwierig es ist, den Alltag wieder zu organisieren – weil es wieder möglich ist, ,muss‘ ich mich wieder mit anderen treffen. Das ist überfordernd, wenn man alles zurückgefahren hatte.“ Wieder den Anschluss zu bekommen, sei für viele schwierig.

Bei Suizid-Gedanken: Gespräch suchen, Hilfe holen

Wichtig ist ihr: „Es ist gut, wenn man mit Suizidgedanken nicht alleine bleibt. Es gibt Anlaufstellen. Auch bei U25 kann man alles loswerden.“ Nach dem Erstkontakt erhalte man innerhalb von 24 Stunden eine Antwort.

Sich Hilfe zu holen ist ein wichtiger Schritt, das betont auch Vera Schild: Das Gespräch mit jemanden, dem man vertraue – ob Eltern, Verwandten, Lehrkräften oder Schulsozialarbeitern – könne ersten Druck nehmen, Perspektiven und Therapiemöglichkeiten aufzeigen.

In einer ganz akuten Situation könne man sich jederzeit an die Kinder- und Jugendpsychiatrie wenden. Nicht nur die Betroffenen selbst, auch Eltern können initiativ werden. Wenn ein Kind sich extrem zurückziehe, es Sachen, die ihm vorher Freude bereitet haben, nicht mehr mache, sollte man hellhörig werden, rät die Ärztin.

Ein Gespräch in entspannter Situation anzubieten, sich Zeit zu nehmen zuzuhören, das könne ein erster wichtiger Schritt sein, um die dunkle Gedankenspirale zu unterbrechen.

Angebote

Suizid-Gedanken? Hier gibt es Hilfe

Die Telefonseelsorge ist erreichbar unter den kostenlosen Nummern 0800/1110111, 0800/1110222 und 116123. Hilfe für Menschen bis 25 Jahren gibt es auch auf www.u25-dortmund.de. Jederzeit wenden kann man auch auch an www.jugendpsychiatrie-dortmund.lwl.org/de/

Über die Autorin
Redakteurin
1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will