Die Treppe zur Wohnung wurde nach der Corona-Erkrankung zum beinahe unüberwindbaren Hindernis. © Privat
Long-Covid

Corona-Langzeitfolgen: „Am 3. Januar ging alles den Bach runter“

Erschöpfung, Schmerzen in der Brust – ein 33-jähriger Dortmunder leidet noch Monate nach der Corona-Erkrankung an Symptomen. Er hatte leichte Symptome, wurde wieder gesund. Doch dann kam der Rückfall.

Die Treppe, die in den ersten Stock und die Wohnung führt, wurde für Sören Bruchtal (33) von einem auf den anderen Tag zu einem großen Hindernis. „Ich musste mich dann erstmal ein, zwei Stunden hinlegen“, sagt der Dortmunder, der eigentlich anders heißt, seinen echten Namen aber aus Angst vor Stigmatisierung nicht in diesem Bericht lesen will.

Die Covid-19-Erkrankung war nach zwei Wochen überstanden

Sören Bruchtal war sportlich; zwei bis drei Mal die Woche machte er Kampf- und Kraftsport. An einer Zigarette gezogen, das habe er vielleicht zwei Mal in seinem Leben.

Eine zunächst normal abklingende Covid-Erkrankung schränkt sein Leben selbst heute, fast fünf Monate nach der eigentlichen Krankheitsphase, massiv ein.

Angefangen habe alles kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember: Seine Frau hatte sich bei ihrer Tante mit Sars-CoV-2 angesteckt. Ein Test ergab, dass auch Sören Bruchtal das Virus in sich trug.

„Meine Frau und ihre Tante hatten kaum Symptome, außer Geschmacksverlust“, sagt der 33-Jährige im Gespräch. Bei ihm selbst verlief die Infektion nicht ganz so glimpflich.

Am zweiten Tag bekam Sören Bruchtal starke Kopfschmerzen, heftigen Husten und grippeähnliche Symptome.

Pünktlich zum Ende der 14-tägigen Isolationsphase ging es ihm wieder besser. „Ich hätte am 4. Januar wieder arbeiten gehen sollen. Zwei Tage davor ging es mir so gut, dass ich dachte, ich könnte theoretisch sogar ins Fitnessstudio“, sagt er. Aber dann:

Doch dann kam der Rückfall

„Am 3. Januar ging alles den Bach runter“, erinnert sich der zweifache Vater. Heftige Kopfschmerzen kehrten zurück, ihm war ständig kalt und er fühlte sich sehr schlapp.

„Erst habe ich mich dick eingepackt und ins Bett gelegt, dann bin ich duschen gegangen, um mich aufzuwärmen. Danach war ich so fertig, dass ich nicht mehr sprechen konnte“, sagt Sören Bruchtal. Seine Frau rief den Notarzt. „Durch das Duschen hatte ich meinen Kreislauf wohl komplett umgehauen“, berichtet der Dortmunder darüber, was die Ärzte ihm mitteilten.

Ins Krankenhaus wollte er nicht, er blieb zuhause. „Am Montag kam dann die komplette Erschöpfung.“ Bis 25. Januar wurde er nach dem „Rückfall“ krankgeschrieben. Danach konnte er zwei Monate arbeiten – bis es ihm Ende März wieder sehr schlecht ging.

Nach der Erkrankung beginnt die Arzt-Odyssee

Seither hat Sören Bruchtal eine ganze Reihe von Ärzten abgeklappert. Lungenfachärzte und Kardiologen untersuchten ihn. „Ich hatte das Gefühl, als würde man einen Igel nehmen und den von außen an meine Lunge drücken. Teilweise hatte ich diese Schmerzen auch am Herzen, und da wird man ja schon nervös.“

Er wurde bei Neurologen und Neuropsychologen vorstellig, weil er „Aussetzer“ hatte. „Ich wurde meiner Arbeit nicht mehr gerecht“, sagt er. Als Angestellter konnte er komplexen Sachverhalten nicht mehr folgen, verlor in Gesprächen den Faden.

Herz und Lunge seien gesund, teilte man ihm mit. Seine Familie riet ihm zu einer Osteopathin, auch seine Hausärztin vermutete hinter den Schmerzen Verspannung durch das lange Liegen.

Und immerhin: „Seitdem ich da war, sind die Stiche weg“, sagt Sören Bruchtal.

Die neurologischen Probleme und die Schlappheit aber blieben. Sein Lungenfacharzt stellte schließlich die Diagnose: Long-Covid.

Long-Covid: Bisher gibt es kaum Unterstützung für Betroffene

Wie viele Menschen in Deutschland, die an Corona erkrankt waren, mit Langzeitfolgen zu kämpfen haben, ist unbekannt. Die Bundesregierung verwies in ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf chinesische Studien, die beschreiben, dass bis zu 75 Prozent der ehemaligen Patienten bis zu sechs Monate nach der Erkrankung noch unterschiedliche Symptome haben.

Konzentrationsstörungen, Haarausfall, Luftnot und Kopfschmerzen seien häufige Symptome. Eine einheitliche und international gleichermaßen geltende Definition für Long-Covid gibt es laut Bundesregierung bislang nicht.

Für Diagnostiker ist das Virus neu. Inzwischen gibt es mancherorts zwar sogenannten Post-Covid-Ambulanzen, aber die sind noch rar gesät.

Patienten wie Sören Bruchtal fühlen sich mit ihrer Folgeerkrankung allein gelassen. Deshalb gründen Betroffene deutschlandweit immer mehr Selbsthilfegruppe. Nach Auskunft der Bundesregierung seien inzwischen 16 Selbsthilfegruppen gegründet oder in Planung.

Auch Sören Bruchtal ist Mitglied in solch einer Gruppe, die sich über Facebook austauscht.

Perspektivisch hofft der zweifache Vater, dass er bald wieder ganz gesund sein wird. Sein Arzt hat ihm zu einer Reha geraten. Darin setzt Sören Bruchtal nun seine Hoffnung: „Wenn alles gut geht, bin ich im Juni an der Nordsee.“

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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