Corona-Wahlpartys der Parteien: Gelöste Grüne, kämpferische CDU, enttäuschte SPD

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An diesem Wahlabend war die große Gemeinschaft nicht möglich. Aber er zeigte auch, wo Politik wirklich lebendig ist. Eindrücke von der Basis, von den Wahlpartys der drei größten Parteien.

Dortmund

, 13.09.2020, 23:04 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auf eine Kommunalwahl arbeiten viel mehr Menschen hin, als man anhand von Plakaten und Werbespots vermuten könnte. Für die Menschen an der Basis einer Partei geht es um diesen Moment, wenn sie gemeinsam auf der Wahlparty darauf hinfiebern, ob sich ihr Einsatz in Zahlen niederschlägt.

Es gehört zur Demokratie, dass die Emotionen je nach Ergebnis stark schwanken. Das war in Dortmund an diesem Kommmunalwahlabend nicht anders.

Ein Hauch von Euphorie bei den Grünen

Das, was am ehesten an politische Euphorie erinnert, findet man an diesem Wahlabend im FZW. Die Grünen feiern hier ihre Wahlparty. Was umso mehr Spaß macht, wenn man auch wirklich etwas zu feiern hat.

Die Grünen feierten ihre Wahlparty im FZW und jubelten über ein historisch starkes Ergebnis.

Die Grünen feierten ihre Wahlparty im FZW und jubelten über ein historisch starkes Ergebnis. © Schaper

Die erste Prognose für die Ratswahl löst Jubel aus. „Das größte, das grandioseste Ergebnis, das es in Dortmund je für uns gab“, ruft OB-Kandidatin Daniela Schneckenburger in einer Videoschalte in den Raum. Das ist der Moment, in dem sich alle einmal selbst applaudieren dürfen.

Nur wenige hundert Meter weiter im Westpark verfolgen die Mitglieder des SPD-Stadtbezirks Innenstadt-Nord im Biercafé West gemeinsam den Wahlabend. Auch dieses Setting in dem Westpark-Restaurant, das vom SPD-Nordstadt-Ratskandidaten Cüneyt Karadas betrieben wird, hätte Potenzial für einen stimmungsvollen Abend.

SPD-Mitglieder sind nach einem „schwierigen Wahlkampf“ enttäuscht

Aber dazu regen die Ergebnisse nicht an. „30 Prozent sind ganz schön bitter“, sagt Thomas Oppermann, SPD-Stadtbezirksvorsitzender. Er versucht trotzdem weiter Optimismus auszustrahlen, bis das letzte W

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ahllokal ausgezählt ist.

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An den Tischen sitzen junge Menschen, die sich politisch in der Nordstadt engagieren und diese auch gut repräsentieren. Sie blicken gespannt auf die Kandidaten in ihren Vierteln am Borsigplatz, am Hafen oder am Nordmarkt. Das bringt für einen kurzen Moment so etwas wie Euphorie in den Raum, Cüneyt Karadas gewinnt seinen Wahlkreis, weitere Nordstadt-Kandidaten setzen sich ebenfalls durch.

Zittern bei den Mitgliedern des SPD Stadtbezirks Innenstadt Nord.

Zittern bei den Mitgliedern des SPD Stadtbezirks Innenstadt Nord. © Felix Guth

Doch der Abend gleitet schnell ab in eine Analyse des insgesamt unbefriedigenden Ergebnisses. Ein „schwieriger Wahlkampf“ sei es gewesen, erzählen die Mitglieder. Ohne Wortwechsel. Distanziert. Dass sich viel Austausch in die digitale Welt verlagert hat, sei gerade in der Nordstadt ein Problem, wo viele keinen Zugang zum Internet haben.

„Es ist war eine sehr starke Reduzierung, man konnte sich viel zu selten über Unterschiede austauschen“, sagt Thomas Oppermann. Dann geht er näher an den Bildschirm, auf dem wieder frische Zahlen stehen. Das Rennen zwischen SPD und Grünen bleibt in der Nordstadt bis zum Ende eng.

Als Hollstein kommt, wird es bei der CDU laut

Auf der Wahlparty der CDU wurde es um kurz nach 21 Uhr richtig laut. Vorher war es eine Atmosphäre wie auf einer Geburtstagsfeier im Biergarten des Restaurants Overkamp. Ein paar Stehtische, kalte Getränke, Häppchen.

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Dann war da aber noch der riesige Bildschirm in der Ecke – und der sorgte dafür, dass die Stimmung lange verhalten blieb. Dass Andreas Hollstein es in die Stichwahl schafft, war zu Beginn der Feier noch nicht klar. Dass die CDU im Rat weniger Prozente holte als gehofft, hingegen schon. Zwei ordentliche Stimmungskiller bereits am Beginn einer Polit-Party.

Dann aber wurde es doch laut. Denn Hollstein kam direkt aus dem Rathaus in den Biergarten der Gaststätte Overkamp, die Parteikollegen applaudierten lange und überreichten ihm ein großes Lebkuchenherz mit dem Schriftzug „Vielen Dank!“ Schließlich hat er seine Partei in die Stichwahl gebracht.

Der CDU-Kreisvorsitzende fordert „14 Tage Vollgas“

Dass die CDU gleichzeitig ein historisch schlechtes Ergebnis in einer Ratswahl verkraften muss, sollte an diesem Abend keine größere Rolle spielen. „Wir wollen nach vorne gucken und haben allen Grund dazu“, sagt Hollstein: „Aber es ist noch ein bisschen Arbeit. Wir haben noch zwei spannende Wochen vor uns.“

Thorsten Hoffmann, stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU, heizte die Stimmung an und sorgte dafür, dass es noch ein Stück laute wurde. „Wollt ihr gewinnen?“, schrie er dreimal in die Runde. „Ja“, bekam er dreimal aus Dutzenden Kehlen zurück.

Der Kreisvorsitzende Steffen Kanitz forderte „14 Tage Vollgas“ von seinen Parteikollegen. Für die Aufarbeitung des schlechten Ratsergebnisses sei jetzt nicht die Zeit. „Jetzt ist die Zeit, dafür zu sorgen, dass Andreas Hollstein Oberbürgermeister wird.“

Keine großen Siegerposen bei den Grünen

Bei den Grünen im FZW ist die Stimmung später am Abend gelöst. Weil der Mundschutz draußen runter darf, sitzen fast alle draußen. Drinnen läuft Indie-Rock der 00er-Jahre, vom nahen U-Turm klingen Technobeats herüber. Alle tragen Bändchen des Juicy-Beats-Festivals 2018. Dass es hier um ernste Kommunalwahlthemen geht, daran erinnern die Tabellen, die auf einer großen Leinwand ständig aktualisiert werden.

Von Übermut ist hier allerdings nichts zu spüren. Große Siegerposen sind hier nicht zu sehen. Das ändert sich auch nicht, als die Spitzenkandidatin und die Fraktionsspitze mit dem Fahrrad am FZW ankommen.

In den Gesprächen auf der Wahlparty liegt neben Vorfreude auf eine lautere grüne Stimme in Dortmund auch häufig die Frage „Wie geht es denn jetzt eigentlich weiter?“ in der Luft. Der Name „Andreas Hollstein“ fällt häufig.

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