Dortmunder berichtet vom Corona-Chaos in Ischgl - „Dieses Verhalten finde ich töricht!“

rnCorona-Verbreitung

Im Après-Ski-Ort Ischgl zog das Tempo der Coronakrise an. Trotz erster Infektionen lief der Partybetrieb weiter. Ein Dortmunder berichtet von seinen Erfahrungen im Tiroler Corona-Chaos.

von Nick Kaspers

Dortmund

, 28.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Skiort Ischgl in Tirol ist bekannt für seine wilden Après-Ski-Partys. Jährlich strömen tausende Touristen zum sogenannten „Ballermann der Berge“. Dies wurde vielen in diesem Jahr zum Verhängnis: Trotz erster Coronavirus-Infektionen lief der Partybetrieb weiter. Die Verbreitung des Virus wurde nach Meinung von Experten beschleunigt; die Touristen mussten evakuiert werden.

Laut ZDF-Recherchen sind in der ersten März-Woche Coronavirus-Fälle in Ischgl aufgetreten, zunächst jedoch verschwiegen worden. Erst zwei Tage nachdem Island den Skiort zur Risikozone erklärt hatte, sei ein positiv getesteter Fall offiziell geworden. Währenddessen könnten Urlauber das Virus bei der Heimreise nach Deutschland eingeschleppt haben.

Der 33-jährige Simon Hoyden aus Dortmund war vor Ort, als das Chaos vor Ort ausbrach. Ab dem 7. März wollte er eine Woche lang seinen Skiurlaub genießen - sowohl in Ischgl, als auch in Arlberg, das heute auch unter Quarantäne steht. Einen Tag vor seiner geplanten Abreise wurde das Tal evakuiert.

Schon auf der Hinfahrt habe er im Radio gehört, dass in Ischgl ein 36 Jahre alter deutscher Barkeeper mit norwegischem Namen positiv auf das Virus getestet wurde.

Zu dem Zeitpunkt hielten sich seine Sorgen noch in Grenzen. „Ich habe mir immer gedacht: Solange kein Fußballspiel in Deutschland abgesagt wird, kann es nicht so ernst sein“, sagt er im Nachhinein gegenüber unserer Redaktion.

Coronafall in Ischgl keine Überraschung

Letztlich habe es ihn auch nicht überrascht, dass in Ischgl ein Coronafall aufgetreten ist. „Überall bei großen Menschenansammlungen kann man sich infizieren“, sagt er. Trotzdem sei eine gewisse Angst im Unterbewusstsein mitgeschwungen, denn: „Auch bei der Hinfahrt habe ich mir an den Tankstellen schon immer die Hände desinfiziert.“

Über die gesamte Reise habe sich Simon Hoyden über die Corona-Lage gut informiert gefühlt: „In den Nachrichten vor Ort war Corona ein großes Thema - wahrscheinlich war es sogar früher ein Brennpunkt-Thema als in Dortmund“, sagt er.

Bereits bei seiner Anreise sei klar gewesen, dass man den Après-Ski-Betrieb schließen würden. Viele Gäste hätten dennoch nach dem Motto „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ weitergefeiert und die Maßnahmen nicht akzeptiert. Deswegen sagt Simon Hoyden unserer Redaktion: „Die Behörden in Ischgl konnten nichts dafür, dass sich das Virus so stark verbreitet hat.“

Aus seiner Sicht hat er den Höhepunkt der Dreistigkeit am 12. März (Donnerstag) erlebt: Als schon alle Party-Betriebe geschlossen waren, seien die Cafés und Kneipen in der Ischgler Innenstadt voll mit feiernden Touristen gewesen. In den Zimmern der Appartements seien die Partys danach weitergegangen. „Dieses Verhalten finde ich töricht“, meint Simon Hoyden.

Unschuld der Behörden

In Bezug auf diesen Zusammenhang betont Hoyden erneut die Unschuld der Behörden: „Die Maßnahmen - Abstand halten, Hände waschen, soziale Kontakte meiden - wurden von den Behörden klar vorgegeben“. Auf der Skipiste sei das auch kein Problem gewesen. Nur bei den Feiern abseits der Piste hätten sich viele nicht daran gehalten.

Volle Kneipen und Cafés: Viele Touristen störten sich nicht an den Maßnahmen.

Volle Kneipen und Cafés: Viele Touristen störten sich nicht an den Maßnahmen. © Simon Hoyden

Am darauffolgenden Tag (13.3.) habe Simon Hoyden Skipisten in St. Anton und St. Christoph am Arlberg genutzt. Auch dort erwartete ihn eine faustdicke Überraschung: „Obwohl es die andere Seite des Berges ist, hatte dort noch niemand etwas von der Lage in Ischgl gehört“. Er habe Gäste darauf hinweisen müssen, dass die Kneipen wegen des Virus geschlossen seien.

Noch am Nachmittag des 13.3. begann die Evakuierung. „Der Besitzer meines Appartements rief mich an, dass die Gäste aus dem Tal nach Hause fahren sollten“, berichtet er. In Ruhe habe er seine Sachen im Haus packen können. Mit einer Ausreisebescheinigung habe er sich dann auf den Heimweg gemacht.

„Wir wurden angewiesen, uns ohne Zwischenstopp zur Heimat zu begeben und dort erstmal 14 Tage in Quarantäne zu bleiben“, erläutert Hoyden. Für die Ausreise aus Ischgl habe er vier Stunden gebraucht. „Die Behörden haben ordentlich kontrolliert. Währenddessen hat uns die Feuerwehr mit Getränken versorgt“, schildert er.

Alles in allem fand er, dass die Evakuierung sauber organisiert gewesen sei. In diesem Gebiet käme es häufiger vor, dass das Tal evakuiert werden müsse - vor allem bei starkem Schneefall. „Die kennen Krisenmanagement anscheinend gut“, lobt Hoyden. Bei der Abreise hätten sich dann auch mehr Menschen an die Anweisungen der Behörden gehalten.

Heimkehr aus dem Risikogebiet

Doch ein Problem blieb für den Sportler: Die Tatsache, dass er aus einem Corona-Risikogebiet zurück nach Deutschland reiste. „Ich bin zuerst zu meinen Eltern nach Rheinland-Pfalz gefahren, weil die Fahrt zu anstrengend war. Für sie war es auch eine ganz besondere Situation“, legt er dar.

In Deutschland sei er sehr offen mit seinem Risiko umgegangen: „Ich habe mich schnellstmöglich um einen Test gekümmert und habe alle Gruppenkurse auf der Arbeit abgesagt“. Das Risiko, dass der Test positiv ausfällt, habe er auf 50 Prozent eingeschätzt. „Es hätte ja sein können, dass ich mich vielleicht doch bei einem Türgriff angesteckt habe“, gesteht er.

Doch kurze Zeit später, die Erlösung: Der Test fiel negativ aus. „Es war eine kleine Bestätigung für mein Verhalten“, freut sich Simon Hoyden. Im nächsten Jahr will er wieder nach Ischgl. „Ich fahre seit 30 Jahren dorthin und bin skitechnisch dort aufgewachsen“, sagt er. Für ihn ist es „eines der besten Skigebiete der Welt“.

Lesen Sie jetzt