Dortmunder Schüler stemmen sich gegen Corona-Unterricht und Prüfungen

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Initiativen gegen den Unterrichtsbeginn und die Abschlussprüfungen verbreiten sich aktuell rasend schnell über Whatsapp und Co. Zwei Schülerinnen aus Dortmund erklären ihre Forderungen.

Dortmund

, 18.04.2020, 14:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit Mitte März sind alle Schulen in NRW geschlossen – ausgerechnet in der heißen Vorbereitungsphase für das Abitur und den Abschluss nach Klasse zehn. Deswegen fordern Schüler bundesweit, die Abschluss-Prüfungen abzusagen. Der Wunsch vieler Abiturienten: ein sogenanntes „Durchschnittsabitur“ ohne Abi-Prüfungen.

Doch viele Schüler wurden enttäuscht. Am Donnerstag (16.4.) gab NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer bekannt, dass die Schulen wieder öffnen sollen, am Montag (20.4.) zunächst für Schulpersonal. Die Schüler der Abschlussjahrgänge (Klassen 10, 12 und 13) können ab Donnerstag (23.4.) „zur Vorbereitung auf ihre Prüfungen und Abschlüsse wieder in die Schulen“, so Gebauer.

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Verpflichtend ist der Unterricht nicht. Trotzdem hat der Beschluss die Proteste der Schüler vergrößert. Schüler von über 20 Gesamtschulen, Berufskollegs und Gymnasien aus Dortmund kämpfen nun in verschiedenen Gruppen gegen den beginnenden Unterricht und die Prüfungen. Täglich beteiligen sich mehr Schüler an den Projekten.

Tanja Pohl vom Robert-Bosch-Berufskolleg und Angelina Ziel vom Bert-Brecht-Gymnasium sind die Stimmen von zwei verschiedenen Projekten. Sie haben mit unserer Redaktion stellvertretend für ihre Mitschüler über die Forderungen ihrer Projekte und ihre persönlichen Gefühle gesprochen.

Projekt verbreitet sich stufenübergreifend

„Unser Projekt hat sich über Whatsapp in alle Jahrgangsstufen von vielen Schulen rasend schnell verbreitet", sagt Angelina Ziel. So sei die Initiative auch ins Leben gerufen worden: Zuerst hätten einzelne Schüler Bekannte von anderen Schulen wegen Forderungen nach einem Durchschnitts-Abitur angeschrieben. Danach habe sich das Projekt wie ein Lauffeuer verbreitet.

In einem offenen Brief fordert Angelinas Gruppe nun mehr Gehör von der Politik. „Unsere Anliegen, Wünsche und Bedürfnisse werden konsequent ignoriert", steht in der Überschrift. Die Schüler würden „sich von der Politik allein gelassen" fühlen.

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Die Forderungen: Der Präsenz-Unterricht in der Schule soll nicht wieder beginnen. Zu groß sei die Infektionsgefahr in der Schule und auf dem Weg dahin. Den ausgefallenen Unterricht könnten die Schüler in der kurzen Zeit sowieso nicht nachholen. Außerdem seien noch viel zu viele Fragen rund um Hygienemaßnahmen unbeantwortet.

Angelina fehlt im Angebot, die Schulen zur freiwilligen Vorbereitung für Schüler der Abschlussklassen zu öffnen, die tatsächliche Freiwilligkeit. Sie sagt: „Wenn wir unentschuldigt zu Hause bleiben, können unsere Fehlstunden mit ‚sechs’ bewertet werden". Warum Schüler aktuell eine Entschuldigung bräuchten, um nicht zur Schule zu gehen, sei ihr nicht klar.

Einhaltung der Hygieneregeln möglich?

Andererseits findet sie es „nahezu unmöglich", die Hygieneregeln in der Schule einhalten zu können. „Viele von uns kommen mit dem Bus zur Schule, dort kann man schlecht Abstand halten; wie auch in den Gängen in den Gebäuden", sagt sie. Seife auf den Toiletten und in den Klassenräumen sei auch vor der Corona-Krise schon nicht immer vorhanden gewesen.

„Ich weiß nicht, woher die Schulen die Materialien herbekommen wollen, wie Schüler die bekommen sollen und wer das alles bezahlen will", so Angelina. Unterricht in der Schule sei mit einem großen Risiko verbunden. Sie wisse noch nicht, ob sie ab Donnerstag wieder zur Schule geht.

Mit Angst zur Schule?

Tanja Pohls Gruppe argumentiert ähnlich wie Angelinas. „Allgemein gehen Schüler mit Angst vor einer Ansteckung zur Schule. Dann können sie den Unterrichtsstoff sowieso nicht aufnehmen", sagt sie. Ihre Gruppe zielt auf das Ergebnis ab, das auch bei den anderen Projekten deutlich wird: Die meisten Schüler wollen ein Durchschnitts-Abitur ohne Abiturprüfungen – oder zumindest die Wahl zwischen Abitur mit oder ohne Prüfungen.

Sie erklärt noch eine weitere Alternative: „Anstelle der Abitur-Klausuren könnte man doch auch eine Hausarbeit in den Fächern abgeben." Somit würden auch keine Nachteile für die Schüler entstehen, die sich durch die Klausuren noch hätten verbessern können.

Briefe an die Politik bleiben unbeantwortet

Ihr Projekt habe schon einige Zeichen in Richtung Durchschnitts-Abitur gesetzt. Die Schüler hätten schon mehrere Briefe an den Landtag, an Oberbürgermeister Ullrich Sierau und weitere politische Stellen gesendet, bisher jedoch ohne konkrete Rückmeldung.

Die Prüfungen der zehnten Klassen werden eigentlich in ganz NRW parallel geschrieben, wie das Abitur. Nun dürfen die Lehrer diese Prüfung selbst erstellen und individuell als Klassenarbeit schreiben. Tanja sagt: „Das wäre vielleicht auch für die Abiturklausuren eine Lösung gewesen. So hätte man wenigstens den verpassten Klausurstoff berücksichtigen können."

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Bildungsministerin Yvonne Gebauer wird wohl zurzeit viele Briefe von Schülern bekommen. Einer davon kam von Abiturienten und Zehntklässlern der Anne-Frank-Gesamtschule Dortmund. Sie weiten die Debatte um ausfallende Prüfungen auch auf die Abschlussprüfungen des zehnten Jahrgangs aus.

Die Schüler sagen, „Kriterien wie Vergleichbarkeit, Gerechtigkeit und Chancengleichheit" würden bei den Abitur- und Abschlussprüfungen angeführt werden. „Aber genau diese Anforderungen werden durch die nun ins Auge gefassten Regelungen in krassester Weise verletzt", heißt es weiter.

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