Coronavirus: Ist Dortmund gewappnet für eine „zweite Welle“?

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Zurzeit gibt es nur wenige Corona-Neuansteckungen in Dortmund. Doch ist die Stadt für eine mögliche „zweite Welle“ gerüstet? Und welche Rolle spielt die vom Bund gesetzte Fall-Obergrenze?

Dortmund

, 17.05.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Welche Folgen haben die Lockerungen der bisherigen Corona-Vorsichtsmaßnahmen? Über diese Frage wird nicht nur in Fachkreisen heftig gestritten.

Weil es durchaus noch die Sorgen vor einer „zweiten Welle“ bei den Corona-Infektionen gibt, haben sich Bund und Länder auf eine Obergrenze geeinigt, ab der wieder strenge Maßnahmen ergriffen werden sollen: 50 neue Fälle pro Woche auf 100.000 Einwohner gerechnet.

300 Fälle pro Woche „zulässig“

Auf Dortmund übertragen wären das stadtweit 300 Fälle in einer Woche. Selbst zu Hoch-Zeiten der ersten Infektionswelle hat man diese Marke allerdings nie erreicht.

Aktuell habe man sogar „sehr sehr wenige Ansteckungsfälle“ in Dortmund, sei von 300 Fällen pro Woche weit entfernt, bilanziert Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Renken. „Wir haben einen hohen Sicherheitsabstand.“

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Zurücklehnen wollen sich die Verantwortlichen im Dortmunder Gesundheitswesen deshalb allerdings nicht - zumal die gesetzte Obergrenze durchaus umstritten ist.

„Diese eine Obergrenze ist für sich alleine keine sinnvolle Größenordnung“ erklärt Renken. Das Infektionsgeschehen sei dynamisch.

Letztlich gehe es um die „Annäherungsgeschwindigkeit“, also um die Frage, wie schnell man 300 Fälle erreiche. Das Gesundheitsamt beobachte deshalb laufend, wie sich das Infektionsgeschehen verändert. Es gelte, eine exponentielle Steigerung zu verhindern, erklärt Renken.

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Dabei beobachte man nicht nur die Zahl der Neuinfektionen, sondern besorge sich auch Zahlen, etwa zur Anzahl der Tests. Überall dort, wo es Verdachtsfälle und Risikofaktoren gebe, müsse getestet werden. „Wir werden weiterhin schauen, dass wir Diagnostik anbietet, wenn sich ein Verdacht ergibt“, betont Renken.

Die Stadt setzt weiter darauf, möglichst viele Corona-Verdachtsfälle zu testen.

Die Stadt setzt weiter darauf, möglichst viele Corona-Verdachtsfälle zu testen. © Marius Paul

Der Gesundheitsamtsleiter machte keinen Hehl daraus, dass er mit den Lockerungsentscheidungen von Bund und Land „nicht so unglaublich zufrieden“ ist. Sie erleichterten es, dass das Virus wieder viele Menschen treffen könne, meint Renken.

Kurzfristig ließen sich die Folgen aber nicht absehen. Bei einer mittleren Inkubationszeit von einer Woche und weiterer Dynamik werde man erst gegen Ende des Monats Mai sagen können, wie sich die Lockerungen auf die Pandemie ausgewirkt haben.

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Um auf ein Ansteigen von Ansteckungen reagieren zu können, kommt es vor allem auf drei Dinge an: Daten, Personal und Behandlungskapazitäten.

Datenlage alles andere als perfekt

Das Problem ist: Die Datenlage ist alles andere als perfekt - vor allem mit Blick auf die Zahl der Tests. Derzeit werden etwa 100 bis 150 Tests pro Tag von der Kassenärztlichen Vereinigung an den Diagnostikstellen im Stadion und am Klinikum Nord durchgeführt, erklärt Renken. Dazu kämen verdachtslose Screeninguntersuchungen von neu aufgenommenen Klinik-Patienten. Man überblicke etwa 7000 Untersuchungen seit Anfang März.

Dazu gebe es aber auch Untersuchungen in unbekannter Zahl in örtlichen Arztpraxen. Das Gesundheitsamt bekomme in der Regel nur die positiven Testergebnisse gemeldet.

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Um die Datenbasis zu verbessern und flexibel der Lage anzupassen, wolle man nun mit den Krankenhäusern vereinbaren, die Anzahl der Untersuchungen an das Gesundheitsamt zu melden, also nicht nur die positiven Testergebnisse. Mit der Kassenärztlichen Vereinigung spreche man darüber, wie anonymisierte Daten der beiden großen Behandlungsstellen an das Gesundheitsamt gemeldet werden können.

Dr. Frank Renken ist Leiter des städtischen Gesundheitsamtes.

Dr. Frank Renken ist Leiter des städtischen Gesundheitsamtes. © Oliver Schaper (archivbild)

Aus all diesen Daten sollen Infektionsraten ermittelt werden, die wichtig für die Einschätzung der Ausbreitungsdynamik in der Stadt sind, erläutert Renken. Wenn man dabei zu dem Schluss komme, dass bestimmte Maßnahmen angeordnet werden müssten, um das Infektionsgeschehen einzudämmen, „so kann, darf und wird man das auch auf kommunaler Ebene tun“.

Das Prozedere bei positiven Fällen hat sich nicht geändert. Wenn ein Fall neu gemeldet wird, wird versucht, möglichst am gleichen Tag die betroffene Person zu befragen und Kontaktpersonen zu untersuchen. Für die Erkrankten und enge Kontaktpersonen gilt dann in der Regel eine 14-tägige Quarantäne.

„Je schneller das geschieht, umso größer ist die Chance, dass weitere Ansteckungen verhindert werden können“, sagt Renken.

Keine Personalsorgen bei der Stadt Dortmund

Personell sieht sich das Dortmunder Gesundheitsamt gerüstet für eine mögliche „zweite Welle“ - auch, weil das Personal durch Studenten und Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen verstärkt wurde.

Behandlungskapazitäten können wieder hochgefahren werden

Bei der Frage der Behandlungskapazitäten ist ein Stufenplan für die stationäre Patientenversorgung die Grundlage. Die Krankenhäuser sollen noch etwa 30 Prozent der Bettenkapazitäten für Covid-19-Fälle frei halten. Falls nötig, sollen sie innerhalb von zwei Wochen in der Lage sein, andere Bereiche wieder herunterzufahren, um mehr Behandlungsplätzen für Infizierte zu schaffen. Innerhalb von zwei Wochen könnten so wieder etwa 800 Betten für Covid-Patienten bereitgestellt werden, heißt es auf Anfrage.

Falls nötig, kann dann weiter erhöht werden: Auch die Pläne für ein Behelfskrankenhaus liegen fertig in der Schublade. „Wir sind hier in Dortmund sehr schnell in der Lage, innerhalb kürzester Zeit verschiedene Ebenen von Behelfskrankenhäusern zur Verfügung zu stellen“, erklärt Gesundheitsdezernentin Birgit Zoerner.

Das reiche von der Einbeziehung von Reha-Kliniken bis zu einem Notkrankenhaus etwa in den Westfalenhallen. „Das ist alles geplant und kann aktiviert werden - auch bei späteren Pandemien.“

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