Darum hängte Maler Franz Ott dieses Bild wieder ab

Ausstellung in der Auslandsgesellschaft

Vor einer schweren Entscheidung stand der Maler Franz Ott am Mittwoch: Beim Aufbau seiner Ausstellung im Foyer der Auslandsgesellschaft legte ihm die zuständige Mitarbeiterin Martina Plum nahe, ein bestimmtes Bild nicht zu zeigen - aus Rücksicht auf die kulturellen Befindlichkeiten einiger Besucher.

DORTMUND

, 04.03.2016, 12:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

100 bis 140 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge kommen täglich in die Auslandsgesellschaft, um Deutsch zu lernen. Sie sind 15 bis 18 Jahre alt und bis zu einem Jahr hier. Viele von ihnen haben eine gefährliche Flucht hinter sich und sind traumatisiert. 97 Prozent von ihnen stammen aus arabischen Ländern, die meisten sind männlich. 

Am Dienstag begann Franz Ott im Foyer mit der Hängung für die Ausstellung „Begegnungen“, die am Donnerstag eröffnete. 19 Bilder hängte er auf, eins davon heißt „Sklaverei ist vorbei“.

Kurz darauf meldeten sich Mitarbeiter, die im Foyer den Info-Stand und das Café betreiben, bei Martina Plum: Einige der männlichen Jugendlichen hätten extrem darauf reagiert. Sie hätten sich vor das Bild gestellt und unter Johlen heftige, unsittliche, vulgäre Gesten gemacht und Sex mit der gemalten Frau angedeutet.

Einige andere junge Araber reagierten anders, aber nicht weniger heftig: Sie stürmten zu ihrem Deutschlehrer und forderten empört, das Bild sofort abzuhängen: Es sei nicht richtig, eine Frau derart herabwürdigend darzustellen. Plum rief Ott an: Es sei besser, das Bild wieder abzuhängen.

Freiheit der Kunst in Gefahr?

Franz Ott, ganz Künstler, sah zunächst die Freiheit seiner Kunst in Gefahr und schäumte. Doch er beruhigte sich und beratschlagte mit Martina Plum.

Das sprach dafür, das Bild zu zeigen: Kunst darf sich nicht zensieren lassen. Sie muss unbequem sein dürfen. Die Freiheit der Kunst ist ständig bedroht und muss daher von Künstlern konsequent verteidigt werden. Außerdem geht es Ott in diesem Bild nicht darum, Frauen herabzuwürdigen, sondern die Tatsache scharf zu kritisieren, dass viele Frauen immer noch nicht gleichberechtigt behandelt werden.

Das sprach dafür, das Bild nicht zu zeigen: Es ist leicht zu sagen: Wer hier herkommt, muss sich anpassen. Leicht und unrealistisch. Martina Plum kennt viele Flucht-Geschichten: „Die haben Dinge erlebt, die für uns unvorstellbar sind.“ Viele der jungen Männer seien von ihren Familien losgeschickt worden, weil sie der älteste oder der kräftigste Sohn sind. Sie seien auf der Flucht überfallen, ausgeraubt, von Schleppern ausgenommen worden. Sie alle, sagt Plum, seien schon beim Aufbruch von den Erlebnissen in ihrer Heimat zerrüttet gewesen.

Mädchen, die in der Auslandsgesellschaft Deutsch lernen, stammen meist aus Afrika, viele aus Guinea. Sie haben meist noch mehr hinter sich: Sie fliehen oft aus eigenem Antrieb, entweder aus Angst vor Genitalverstümmelung oder weil sie zwangsvermählt wurden.

„Die Seele ist weg“

Viele müssen ihre Körper verkaufen, um die Flucht zu überstehen. „Sie werden“, sagt Plum, „von Schiff zu Schiff weitergereicht. Wenn sie schwanger werden, werden sie am nächsten Hafen rausgeschmissen. Wenn sie Glück haben, ist es ein Hafen in Europa.“ Einige von ihnen kommen irgendwann hier an, mit dem Kind eines Fremden im Bauch. „Wenn ich denen in die Augen schaue: Die Seele ist weg“, sagt Plum.

Franz Ott wusste das. Einige seiner Bilder mit eindeutigen Kriegsszenen hatte er daher für diese Ausstellung gar nicht erst ausgewählt.

Das Bild mit der Frau, hatte er gedacht, sei ok, weil es keine Kriegsszene zeigt und etwas Wichtiges über unsere westliche Gesellschaft erzählt. „Ich dachte, sie sollen sehen, dass bei uns nicht alles wunderbar und glücklich ist.“ Plum sagt, viele Flüchtlinge denken, hier würde jeder schnell reich und glücklich werden. Man könnte sagen, Ott wollte mit diesem Bild aufklären.

Diskussionstag mit Schülern und Künstler

Das ist die Entscheidung: Martina Plum und Franz Ott einigten sich darauf, das Bild nicht zu zeigen. Weil das Foyer der Auslandsgesellschaft kein Museum ist, in dem nur die Kunst wichtig ist. Und weil Franz Ott mit seinen Bildern zwar unbequem sein, aber keine Traumata verschlimmern will.

Plum und Ott sind überzeugt: Die Reaktionen auf das Bild zeigen, dass einfache, leicht gesagte Wahrheiten nicht helfen, wenn es darum geht, die Flüchtlinge zu integrieren. Sie wollen bald einen Diskussionstag machen, vielleicht abends, vielleicht im Unterricht. Sie wollen den Schülern das Bild noch mal zeigen und in Ruhe mit ihnen darüber reden - Plum, Ott, die Lehrer und die Schüler.  

Zu sehen ist die Ausstellung bis 6. April (Mittwoch) in der Auslandsgesellschaft an der Steinstraße 48. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr.

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