Darum ist Dortmund übersät mit Billig-Geschäften

Kik, Tedi & Co.

Geiz ist geil - das war mal. "Geiz ist geiler denn je", laute die neue Devise, schrieb jüngst das Branchenmagazin "Der Handel". Kik, Tedi & Co. erobern Deutschland. Auch Dortmund ist übersät von Billig-Textil-Läden und Non-Food-Discountern, die zu Spottpreisen Alltagswaren außer frischen Lebensmitteln verkaufen. Wieso das so ist und was es für den Handel bedeutet, erklären wir hier.

DORTMUND

, 22.08.2017 / Lesedauer: 4 min
Darum ist Dortmund übersät mit Billig-Geschäften

Nirgends sonst in Dortmund treffen die Discounter so geballt aufeinander wie am Brackeler Hellweg: Auf der einen Straßenseite sitzen (unter anderem) Tedi und Kik, gegenüber befindet sich etwa der Tedi-Ableger Black.de.

Stadtweit gibt’s 21 Kik-, 17 Tedi-, 8 Takko-, 7 NKD-, 7 Kodi- und 4 Woolworth-Filialen. Black.de eröffnet bald den vierten Laden, Jawoll gibt‘s dreimal, Action zweimal. Mehr Läden gerade der Letztgenannten sind aber nicht ausgeschlossen: Der norddeutsche Restposten-Anbieter Jawoll expandiert ebenso wie die niederländische Action-Kette.

Und Black.de, 2016 gestarteter Ableger der in Dortmund sitzenden Einzelhandelskette Tedi, will binnen fünf Jahren 1000 Geschäfte bundesweit haben. Fast 40 der Läden, die auf aufgeräumte Regale statt – wie bei Tedi – auf Grabbeltische setzen, gibt es schon; der vierte Dortmunder Laden eröffnet Ende August in Scharnhorst. An der Straße Droote, wo schon Tedi und Action sitzen.

Billigheimer außerhalb der City

Zwar gibt es auch in der City Tedi, Kik, Woolworth, dazu den Billigklamotten-Hort Primark und den Kleidungs-Restposten-Händler TK Maxx. Vor allem aber sitzen die Billigheimer außerhalb der City und in den Stadtteilen, wo die Mieten günstiger sind. Wohl nirgends treffen sie so geballt aufeinander wie in Brackel: Am Hellweg sitzen Black.de, Kodi (Koch Discount), NKD (Niedrig Kalkuliert Discount) und Woolworth, Tedi, Kik und Takko sind gar Nachbarn.

Ortsbesuch. Vor dem Takko-Laden hängen Hosen für 3,99 Euro, bei Kik flattern T-Shirts für 2 Euro im Wind, bei Tedi liegen Fahrradschlösser und Gemüseschneider für 1 Euro in Boxen. Für die Uhrzeit sind viele Passanten mit Einkaufstüten unterwegs. „Für Brackel passt das eigentlich“, sagt, auf die Dichte an Billigläden angesprochen, eine 76-Jährige. Sie gehe immer mal durch den Tedi, auf der Suche nach Haushaltswaren, habe auch bei Black.de schon gekauft, eine künstliche Blume als Deko etwa. Für eine Auswahl an hochwertigen Geschäften fahre sie in die Innenstadt.

"Nein, so kann‘s ruhig bleiben"

Eine junge Mutter mit Kinderwagen ist überrascht angesichts der Frage, ob sie sich andere Geschäfte wünsche. „Nein, so kann‘s ruhig bleiben.“ Ob Tedi, Black.de oder andere – „die haben ja sehr unterschiedliche Sachen, da findet man immer was.“ Auch ihre Kinder kauften hier viel. Kik, Takko und NKD verkaufen Textilien, die Non-Food-Discounter Tedi, Action und Black.de ein Sammelsurium an Haushalts-, Schreib- und Spielwaren, Deko, Kosmetik und Süßem. Der gemeinsame Nenner: billig, billig, billig!

Das zieht Kunden in einer Stadt, in der laut Statistikamt IT NRW 17,8 Prozent der Menschen soziale Leistungen beziehen (Stand Ende 2015). In den Non-Food-Discountern seien „natürlich kaufkraftschwächere Zielgruppen überrepräsentiert“, sagt Markus Wotruba von der Münchner Handelsberatung BBE. Die Angebote seien aber auch für andere Menschen verlockend. „Der Reiz des wechselnden Sortiments – man weiß nicht, was man bekommt – spricht menschliche Grundbedürfnisse unabhängig vom Einkommen an.“

Deutsche Verbraucher seien „stark an Discounter gewöhnt – im Lebensmittelhandel, aber auch bei Textilien oder Möbeln“, sagte jüngst Handelsexperte Markus Hepp von der Unternehmensberatung Boston Consulting der Deutschen Presse-Agentur. Tedi & Co. stießen in Bereiche wie Haushalts-, Schreibwaren und Deko vor, in denen es zuvor keine Billiganbieter gab.

"Wenn die keinen Umsatz machen würden, würden sie nicht so viele Läden eröffnen"

Einkäufer weltweit besorgen für die Händler Waren in riesigen Mengen, unter anderem aus China. Gerade Lebensmittel wie Süßigkeiten stammen auch aus Restpostenbeständen, die schnell abverkauft werden müssen. Das Geschäft mit der Billigware läuft gut. Bei Black.de etwa sei man „sehr zufrieden“ mit den Umsätzen, heißt es auf Anfrage. Den anderen Händlern dürfte es ähnlich gehen. „Wenn die keinen Umsatz machen würden, würden sie nicht so viele Läden eröffnen“, sagt Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbands NRW Westfalen-Münsterland.

Während Schnäppchenjäger bei Action gerne die Lesebrille für 78 Cent und bei Black.de die Stoffschere für 39 Cent einpacken, rümpfen andere Verbraucher die Nase über die Billigläden und ihren Ramsch, der nicht immer unter den besten Arbeitsbedingungen produziert wird. Sicher könne er sich attraktivere Geschäfte vorstellen, sagt Schäfer: „Aber man muss neidlos anerkennen: Es gibt einen Bedarf für die Läden und ihre Produkte.“ Und: Ohne die Discounter stünden viele Ladenlokale leer.

Zurück in Brackel, wo auch Passantin Eveline Müller findet, dass die Billigläden den Hellweg beleben. In anderen Stadtteilen gebe es „gar nichts mehr – da finde ich das hier besser“.

Wie sehen Fachhändler das? Kurz vor Schulstart haben die Discounter Stifte, Blöcke und andere Schreibwaren im Angebot. Das dürfte in Brackel PBS ten Cate (Papier Büro Schreibwaren) Umsatz kosten. Dort mag man sich auf Anfrage aber nicht zur Billig-Konkurrenz äußern.

Das sagt der Chef des  Brackeler Gewerbevereins

Anders dagegen Thomas Tan, seit 2016 Inhaber der Parfümerie Borgmann, die am Hellweg neben Tedi, Kik und Takko sitzt. Tan, auch Chef im Brackeler Gewerbeverein, beobachtet, dass „die Leute viel, viel preisbewusster geworden sind“. Wenn sie vergleichbare Produkte bei Tedi & Co. günstiger finden als woanders, kauften sie dort. Insofern: Klar seien die Discounter eine Konkurrenz (wobei er Internethändler für das größere Problem halte).

Aber auch Tan betont, dass die Ketten Frequenz bringen: „Der Brackeler Hellweg ohne Discounter wäre, glaube ich, ziemlich leer.“ Noch deutlicher: „Die Vororte würden ohne diese Händler aussterben.“ Um mitzuhalten, müsse der private Fachhandel „viel mehr in Richtung Dienstleistung gehen“. Tan setzt in seiner Parfümerie verstärkt auf Make-up- und Pflegeberatung, veranstaltet abends Events. Es sei die Stärke der Einzelhändler, solche Dinge autark durchzuführen – „das können Tedi & Co. nicht“.

Auch Thomas Schäfer vom Handelsverband sieht zwar die Gefahr, dass durch die Non-Food-Discounter Händler verdrängt werden. „Aber, so traurig das ist: Das nennt man Wettbewerb.“ Handel sei Wandel – und die Einzelhändler seien auch damit klargekommen, als Aldi und Lidl mit Sonderangeboten begannen. „Ich glaube, dass die Händler pfiffig genug sind, sich auf solche Dinge einzustellen.“ Mit Service, Aktionen und Beratung statt mit Billigware.

Kik hat deutschlandweit 2600 Filialen. Hinter Tedi (rund 1350 Filialen in Deutschland) und damit auch hinter Black.de steht eine Gesellschaft des Kik-Gründers Stefan Heinig, 30 Prozent der Tedi-Anteile hält die Unternehmensgruppe Tengelmann. Action will 2017 seine 200. deutsche Filiale eröffnen.

 

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