Darum ist Schneiderin Selma Ciba ein Geheimtipp unter Promis

Aussterbendes Handwerk

In der Wegwerfgesellschaft steht sie für das Bewahren und Erhalten. Schneiderin Selma Ciba ist eine Expertin für das Handwerk des Kunststopfens. Wir haben sie in der Schneiderei von Veen am Gnadenort besucht und erfahren, warum sie unter den Dortmunder Promis als Geheimtipp gilt.

DORTMUND

, 12.02.2017, 04:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Darum ist Schneiderin Selma Ciba ein Geheimtipp unter Promis

Das Kunststopfen ist ein aussterbendes Gewerbe - Schneiderin Selma Ciba beherrscht es.

"Kaschmir schmeckt am besten“, sagt die Frau hinter der beleuchteten Lupe. Deshalb umschwirren Motten nicht nur das Licht, sondern auch Winterpullis. Die feinsten davon sind dem Nachwuchs dieser nachtaktiven Gourmets gerade gut genug. Dass die Frau hinter der Lupe gut vom Mottenfraß lebt, wäre nun aber stark übertrieben: Selma Ciba sorgt mit feinsten Nadeln dafür, die Fresslust der Larven wieder unsichtbar zu machen.

Ein aussterbendes Handwerk

Kunststopfen – dieses aussterbende Handwerk findet sich noch in Dortmund und hat sogar prominente Kunden. Nicht nur ein allseits bekannter Ball-Fänger gab dort – im Schlepptau einer ganzen Fan-Gemeinde, die Autogramme wollte – Utensilien aus seinem privaten Kleiderschrank ab, sondern auch Franz Müntefering auf DO-Besuch. Damals, vor zehn Jahren, war der frühere SPD-Parteichef Vizekanzler und hatte den Geheimtipp "von Veen“ wohl von der Stadtspitze bekommen.

Museale Nähmaschinen

Von Veen, das ist der Name, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs über der Schneiderei, Kunststopferei, Stickerei und Plisseebrennerei steht. Ingeborg von Veen war schon 65 Jahre alt und sehr erfahren, als diese Zeitung Mitte der 70er-Jahre über einen exklusiven Stickauftrag berichtete. Der Fotograf damals wie heute: Dieter Menne. Ein vergilbter Zeitungs-Ausschnitt hängt noch immer neben der Eingangstür der Adresse Gnadenort 3-5. Ein Laden, wie aus der Zeit gefallen. Museale Nähmaschinen, Grammophon und ein Sessel im Louis-Quinze-Stil zieren das Erdgeschoss. Richtig zur Sache geht’s eine Wendeltreppe höher: Selma Ciba, die mit ihrem Mann Mesut Mitte der 1980er-Jahre die Schneiderei übernahm (damals noch an der alten Adresse Hansastraße 24), taucht ab hinter einem großen Knäuel aus bunten Fäden. "Ich sammel alle Fäden und versuche immer, die Original-Fäden aus den betroffenen Kleidungsstücken zu gewinnen. An versteckter Stelle, damit die Entnahme unsichtbar bleibt“, sagt die 60-Jährige. „Kunststopfen ist in Wirklichkeit Weben“, sagt ihr Mann. Das Weben mit Längs- und Querfäden gilt fürs Löcher-Flicken in Stoffen, zum Beispiel teuren Anzügen, Kleidern und Kostümen. Bei Mottenfraß in feinwollener Strickware ersetzt Selma Ciba verlorene Maschen, um den Schaden verschwinden zu lassen.

"Der Mottenfraß hat zugenommen"

Eine anstrengende Arbeit, die auf Augen und Konzentration geht. Nach drei bis vier Stunden muss sie pausieren. Perfektion ist bei der Schneiderin, die vor über drei Jahrzehnten als Erzieherin bei der Stadt arbeitete, das Maß ihrer Arbeit. In diesem kalten Winter hat sie viel zu tun. "Mottenfraß hat zugenommen“, sagt die Expertin fürs Feine. Die Hälfte ihrer Arbeit aber macht die Schneiderei aus. Dortmunds Philharmoniker und viele Theaterleute sind Stammkunden bei „von Veen“.

 

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