Darum schneidet Dortmund in Rankings und Vergleichen immer so schlecht ab

rnDeutschlandweite Studien

Wie steht Dortmund im Deutschland-Vergleich da? Schlecht, sagen immer wieder Rankings. Die Vergleiche sind zweifelhaft, wettern dann oft lokale Politik und Wirtschaftsförderung. Wer hat recht?

DORTMUND

, 09.08.2019, 13:23 Uhr / Lesedauer: 5 min

Kurze Quizfrage: Wie löst man in Wirtschaftsförderungen, Rathäusern und Wirtschaftsverbänden im Ruhrgebiet am schnellsten mindestens Augenrollen, vielleicht sogar einen Wutanfall aus? Die Antwort: Indem man nach den Ergebnissen des jüngsten Städte-Rankings fragt.

„Wir haben es uns angewöhnt, keine Rankings mehr zu bewerten“, lassen sich in Dortmund dann wahlweise – und im gleichen Wortlaut – der Chef der Wirtschaftsförderung, Thomas Westphal, oder sein Stellvertreter Pascal Ledune zitieren. „Wir nehmen die Rankings nicht mehr für voll“, sagt Andreas Pläsken, Pressesprecher der Stadt Bottrop, der für die immer häufiger erscheinenden Ranglisten inzwischen nur noch „kalte Wut“ empfindet. „Wir reden in Gelsenkirchen nicht über Rankings, wir gehen die Probleme an“, formuliert es der dortige Stadtsprecher Martin Schulmann.

Ruhrgebietsstädte landen immer weit hinten

Der Ärger der Ruhrgebietsstädte ist verständlich: Wann immer ein bundesweiter Vergleich der deutschen Kommunen veröffentlicht wird, finden sich Dortmund und Gelsenkirchen, Duisburg und Bochum, Bottrop und Hagen meistens ganz weit am unteren Ende wieder. Nur als Beispiel hier Dortmunds Abschneiden in einigen großen Rankings und Studien der vergangenen Jahre:

Dutzende Faktoren werden ausgewertet

Die Versprechen dieser Studien ähneln sich meistens: Sie wollen zeigen, „wo es sich in Deutschland am besten arbeiten, leben und investieren lässt“ (Wirtschaftswoche), was die „stärksten Regionen Deutschlands sind“ (Focus) und wie es um ihre „Zukunftsfähigkeit“ (HWWI/Berenberg) bestellt ist.

Die Grundlage der Rankings bilden Dutzende Faktoren: Es sind vor allem wirtschaftliche Statistiken wie die Arbeitslosenquote, die Zahl der Unternehmensgründungen oder die Produktivität der Arbeitnehmer, aber auch gesellschaftliche wie die Zahl der Kitaplätze, die Abiturquote und die Kriminalitätsrate oder infrastrukturelle wie den Breitbandausbau. Auch wenn es Unterschiede dabei gibt, welche Faktoren sie berücksichtigen, wie sie sie bewerten und wie sie sie auch immer gewichten – am Ende sieht es meist schlecht aus für Dortmund.

Dass das den Dortmunder Entscheidungsträgern ganz und gar nicht gefällt, liegt auf der Hand. Über die Jahre haben sie eine Verteidigungslinie aufgebaut. Wer sich ihre Reaktionen auf negative Rankings anschaut, erkennt ein Muster: Die Methodik der Rankings wird in Zweifel gezogen und die Datengrundlage bemängelt.

Sierau: Rankings haben fragwürdige Methodik

„Durch leichte Gewichtungen oder einfaches Weglassen von Kriterien ist man gleich mal ganz vorne oder ganz unten“, heißt es aus der Wirtschaftsförderung, im Blick etwa auf das Focus-Ranking. Und Oberbürgermeister Ullrich Sierau sagt: „Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher fragwürdigen Methodik bei Rankings gearbeitet wird.“

Gab es hingegen mal ein gutes Ergebnis wie beim HWWI-Ranking 2015, als Dortmund von Platz 25 auf 18 sprang, nahm das der damalige Präsident der Dortmunder Industrie- und Handelskammer, Udo Dolezych, als Beleg dafür, „dass Dortmund auf einem guten Weg ist“.

Zahlen sind teilweise überholt

Tatsächlich gibt es Anknüpfungspunkte für Kritik: So ist es ein Problem der bundesweiten Rankings, dass ihre Zahlen teilweise veraltet sind. Das HWWI-Ranking sagt etwa voraus, dass die Bevölkerung von Dortmund bis 2030 schrumpfen wird – und damit auch ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

Doch die Prognosen der Bertelsmannstiftung und des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung, die dem Ranking zugrunde liegen, sind inzwischen überholt: Das Statistische Landesamt NRW ging in seiner letzten Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung davon aus, dass Dortmunds Einwohnerschaft bis 2030 langsam auf 605.000 Bürger anwachsen werde. Und selbst diese Prognose hielt mit der Wirklichkeit nicht Schritt: Bereits 2017 lebten laut städtischer Statistik mehr als 600.000 Menschen in Dortmund – die Landesstatistiker rechneten damit erst 2025.

Messegästen ist es egal, wie die Stadt aussieht

Ebenso problematisch ist die Auslegung bestimmter Daten. So werden Übernachtungszahlen in Hotels häufig als Indikator für die Attraktivität der Städte herangezogen – getreu dem Motto: Wo viele Touristen sind, muss es auch schön sein.

Mit in die Statistik fließen aber auch Geschäftsreisende ein und Menschen, die zwischen zwei Flügen ein Hotelzimmer in der Nähe eines großen Flughafens nehmen. Denen ist die Stadt, in der sie gerade zufällig sind, meist herzlich egal.

TU-Statistik-Professor: „Es gibt kein perfektes Ranking“

Kann man die Ergebnisse von Rankings und damit auch die schlechten Platzierungen von Dortmund in ihnen getrost ignorieren? So einfach ist das auch nicht. Das zeigt sich, wenn man mit Walter Krämer spricht.

Der Statistiker steht nicht in dem Verdacht, ein großer Fan von Rankings zu sein. „Es ist eine Sucht der Menschen, ständig alles miteinander vergleichen zu wollen“, sagt der Professor, der an der TU Dortmund lehrt. Krämer ist ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen falsche Auslegungen und Interpretationen von Statistiken. Zusammen mit zwei Kollegen kürt er regelmäßig die „Unstatistik des Monats“, er hat mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben. „Es gibt kein perfektes Ranking, man macht immer Fehler“, meint er.

„Dortmund würde nie in die erste Hälfte kommen“

Doch selbst Krämer will Rankings nicht komplett verdammen. Zum Wiwo-Städteranking sagt er etwa: „Trotz einiger kleiner Macken ist das ein seriöses Produkt.“ Mit einer anderen Auswahl, Bewertung und Gewichtung von Kriterien könnte Dortmund vielleicht ein paar Plätze gut machen, aber: „Es würde nie dazu reichen, dass wir auf einen Platz in der ersten Hälfte dieser Rankings kommen.“

Das hat entscheidend mit einem Faktor zu tun, sagt Krämer: „Bei den Städte-Rankings dominieren häufig die ökonomischen Statistiken, und da schneidet Dortmund eben schlecht ab.“ Der harte Kern der schlechten Platzierungen ist für Krämer die hohe Arbeitslosenquote der Stadt (im September 2017 – dem Abfragezeitpunkt des Focus-Rankings – war sie mit 11 Prozent die achthöchste Deutschlands).

Hohe Arbeitslosigkeit strahlt in viele Richtungen aus: auf die Produktivität der Bevölkerung, auf deren Kaufkraft, auf das Steueraufkommen. Sie beeinflusst aber auch soziale Felder: Kinder von Geringverdienern und Arbeitslosen haben schlechtere Bildungschancen, das wiederum hat Auswirkungen auf die Zahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss - eine beliebte Kennziffer in Überblicks-Rankings.

Jan Wedemeier weiß um die Schwächen der Rankings. Der Volkswirt macht sie schließlich selbst. Der Forscher verantwortet die Studie des HWWI. „Das zentrale Problem ist die Auswahl der Indikatoren“, sagt Wedemeier.

Aber dass Dortmund in mehreren vergleichenden Rankings schlecht abschneide, solle einem schon zu denken geben. Wie man die Daten auch drehe und wende, eine Kernaussage bleibt für Wedemeier: „Dortmund ist eine Stadt mit strukturellen Schwächen.“

Wirtschaftsförderung: Dortmund als Standort gefragt

Was sich für Dortmund schlecht in den Rankings auswirkt, muss aber nicht zwangsläufig von Nachteil im täglichen Wirtschaftsleben sein, hält Thomas Westphal dagegen, Chef der Dortmunder Wirtschaftsförderung. Beispiel Arbeitslosigkeit: „Was bringt mir der beste Standort, sagen wir in München, wenn ich keine Arbeitskräfte finde?“

Für seine Arbeit spielen Rankings (die Westphal nur „Stimmungsmache in wissenschaftlicher Verkleidung“ nennt) laut eigener Aussage keine Rolle. „Jedes Unternehmen hat seinen eigenen Katalog bei der Standortsuche“, sagt er. Die Vorteile Dortmunds spult er routiniert runter: Bauland zu erschwinglichen Preisen, verfügbare Arbeitskräfte, eine gute Lage und Infrastruktur in der Mitte Deutschlands ... Dortmund sei als wirtschaftlicher Standort gefragt. „Wir haben seit 2006 konstant steigende Zahlen bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Das zeigt, dass sich Dortmund gut entwickelt.“

Dortmund entwickelt sich gut, andere Regionen aber besser

Da will Ranking-Ersteller Jan Wedemeier gar nicht widersprechen. Doch im bundesweiten Vergleich hätten sich andere Städte eben noch besser entwickelt. Denselben Ton schlägt Hanno Kempermann an, der seit 2006 für das Institut der deutschen Wirtschaft Rankings erstellt, etwa den Städtevergleich in der Wirtschaftswoche.

Er macht Dortmund aber auch Hoffnung: „Dortmund hat exzellente Grundlagen mit seinen Hochschulen, Forschungsinstituten und seinem starken Logistikbereich. Das ist eigentlich eine echte Innovationsmaschine, doch das muss noch mehr auf die Straße gebracht werden.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien im März 2018 zum ersten Mal. Wir haben ihn im August 2019 leicht aktualisiert.

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